Angststörungen – Wenn einen die Angst krank macht

Platzangst? Jeder Fünfte leidet in seinem Leben einmal unter einer Angststörung.
Platzangst? Jeder Fünfte leidet in seinem Leben einmal unter einer Angststörung.
Angststörungen sind die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland. Sie können jeden treffen. Therapien können helfen, Ängste zu nehmen.

Berlin.. Jeder fünfte Deutsche leidet im Laufe seines Lebens einmal an einer Angststörung. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Damit sind Angststörungen die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland.

Selten verschwindet die Angst ganz. „Man trägt sie mit sich herum, aber sie bleibt unter Verschluss. Ab und zu meldet sie sich dann wieder“, sagt Leonie Jockusch, die selbst jahrelang an der als Platzangst bekannten Agoraphobie litt. Sie hat ein Buch über Angststörungen geschrieben und mit Betroffenen gesprochen. Es gibt Wege, um mit der Angst zu leben. Andreas Ströhle, Leiter der Angstambulanz der Charité in Berlin, und Cüneyt Demiralay, Oberarzt der Station für Angsterkrankungen am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, erklären, wie Ängste entstehen, warum sie das Leben beeinträchtigen und welche Auswege es gibt.

Wann wird Angst, die ja eigentlich nützlich ist, zu einer Krankheit?

Es gibt eine Faustregel: „Angst ist dann schädlich, wenn sie die Menschen in ihrer normalen Lebensführung beeinträchtigt“, erklärt Cüneyt Demiralay. Wer zum Beispiel aus Angst den Arbeitsweg verändert, das Haus nicht mehr verlässt oder den Partner bei der Angstbewältigung einbezieht.

Welche Angststörungen gibt es?

Es gibt die Panikstörung, die mit Symptomen wie Herzrasen oder Luftnot einhergeht. Außerdem gibt es die Agoraphobie, die man gemeinhin als Platzangst versteht. „Ich habe ein Gefühl der Schutzlosigkeit. Ich habe Angst, aus einer Menschenmenge nicht fliehen zu können, es nicht nach Hause zu schaffen“, beschreibt es Leonie Jockusch. Betroffene haben Furcht, U-Bahn zu fahren oder ins Kino zu gehen.

Im schlimmsten Fall verlassen sie die Wohnung nicht mehr. Sehr häufig sind die spezifischen Phobien, wie vor Spinnen, Höhe oder Gewitter. „Man weiß inzwischen, auch wenn viele spezifische Phobien im Alltag nicht stark beeinträchtigend sind, dass sie auch einen Risikofaktor darstellen für andere Angsterkrankungen oder Depressionen“, erklärt Ströhle.

Bei der sozialen Angst haben die Betroffenen Angst, negativ bewertet zu werden. „Der Betroffene hat den Eindruck, er würde sich peinlich verhalten, andere Leute würden sich über ihn lustig machen“, sagt Andreas Ströhle. Die soziale Phobie kann sich auch nur auf spezielle Situationen beschränken: „Jemand kann sich ganz normal in der Gesellschaft bewegen. Wenn er aber im Job einen Vortrag halten muss, fühlt er sich der beobachtet oder glaubt, er habe in dieser Position gar nichts zu suchen“, erklärt Demiralay.

Kann eine Angststörung jeden Menschen treffen?

Ja, sagen die Ärzte. Bei Studien mit Zwillingen hat man herausgefunden, dass die Gene etwa zu 30 Prozent eine Rolle spielen. Man geht davon aus, dass Angst ein Vulnerabilitäts-Stress-Modell zugrunde liegt: Dass man eine genetische Anlage hat und dann bestimmte Erfahrungen dazu führen können, dass Angststörungen ausbrechen. Neben der genetischen Veranlagung spielen auch Lernprozesse eine wichtige Rolle. So kann die Erfahrung mit ängstlichen Eltern oder ein überbehüteter Erziehungsstil eine Angststörung begünstigen.

Welche Auslöser gibt es?

Das ist sehr individuell. Aber Stress oder ein belastendes Ereignis können Auslöser sein. Leonie Jockusch kann das bestätigen: „Es hat sich bei denen, die ich befragt habe, wie ein roter Faden durchgezogen: Wer unter starker emotionaler Belastung oder Arbeitsbelastung stand, den überfällt die Angst schneller.“

Stress kann in einer ganz normalen Situation wie zum Beispiel einer Fahrt mit der U-Bahn dazu führen, dass man eine Panikattacke entwickelt, erklärt Demiralay. „Wenn Sie in diesem bedrohlichen Erleben dann nicht sofort rauskönnen, kann es passieren, dass Sie in Zukunft diese Situation mit der Panik verknüpfen und dann die U-Bahn meiden.“

Müssen Angststörungen therapeutisch behandelt werden?

Angststörungen gehen von alleine fast nie weg. Sie nehmen eher einen chronischen Verlauf an. Unbehandelt können sich Depressionen entwickeln und auch häufig Suchtstörungen. Generell wird eine Verhaltenstherapie empfohlen. In seltenen Fällen auch eine Behandlung mit Medikamenten.

Was ist Inhalt der Therapie?

Der Arzt erarbeitet mit dem Patienten eine Liste der gemiedenen Situationen. Die soll der Patient aufsuchen. „Er soll in der Situation die Erfahrung machen: Die Angst kann zwar unangenehm sein, bildet sich jedoch einfach wieder zurück“, so Ströhle. Es geht darum, die Angst zu bewältigen, indem man durch sie durch geht. „Patienten werden dazu motiviert, die für sie kritischen Situationen in ihren Lebensalltag zu integrieren“, sagt Ströhle.

Was kann das Umfeld tun?

Ein Grundproblem von Angststörungen ist die Vermeidung. Das ist der Beginn der Beeinträchtigung. „Ich habe Patienten, die jeden Tag von ihren Partnern zur Arbeit gebracht und wieder abgeholt werden“, sagt Demiralay. Das Umfeld sollte einerseits Verständnis für die Angst aufbringen, auf der anderen Seite den Betroffenen nicht alles abnehmen: Man sollte Betroffene dazu motivieren, die eigenen Ressourcen zu mobilisieren.

 
 

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