Angriff aufs Zuckerkügelchen

Homöopathie, die alte Lehre des Arztes Samuel Hahnemann, boomt. Über sechzig Prozent der Deutschen greift bei Beschwerden zum Zuckerkügelchen. Dass nun eine Ärztin für Homöopathie mit der Heilmethode ins Gericht geht, ist ein besonderer Schlag für die 200 Jahre alte Therapie. Seit 2003 hat Dr. Natalie Grams (37) ihren Patienten das Kügelchen gegeben. Drei Jahre führte sie in Heidelberg ihre eigene Praxis, mit „zufriedenen Patienten“. Doch in ihrem Buch „Homöopathie neu gedacht“ (Springer Spektrum, 235 S., 14,99 Euro) sagt sie jetzt, die Wirkung sei nicht wissenschaftlich bewiesen. Petra Koruhn sprach mit der Ärztin Natalie Grams über ihren Sinneswandel.

Sie waren doch mal fasziniert von der Homöopathie. Warum?

Es lag an einer persönlichen Erfahrung. Ich hatte einen schweren Autounfall. Als ich körperlich eigentlich wieder genesen war, litt ich unter Symptomen wie Herzrasen oder Ohnmachtsanfällen. Ich bin zu vielen Ärzten gegangen, wurde durchgecheckt und galt als vollkommen gesund. Alle sagten mir: Sie haben nichts. Dann ging ich zu einer Homöopathin. Es folgte dieses intensive lange Gespräch. Da begriff ich, dass das, was mich plagt, Folge des Unfalls sein kann. Ich bekam meine Kügelchen, das Ergebnis war beeindruckend.

Und warum sagen Sie jetzt, dass Homöopathie nicht wirkt?

Wissenschaftlich ist eine Wirkung nicht möglich. Das Prinzip, dass ein Wirkstoff so stark verdünnt wird, bis so gut wie nichts mehr von ihm übrig ist, und dass sich die Wirkung über die Kraft der Energie einstellt, widerspricht vielen gut gesicherten Naturgesetzen. Und dass sich die Wirkung über die Verschüttelung verstärken soll, ist längst widerlegt.

Dass die Wirkung nicht bewiesen werden kann, schreckt die Leute nicht ab. Im Gegenteil.

Ich kann die Patienten verstehen. Aber es handelt sich bei einer positiven Wirkung um einen reinen Placebo-Effekt. Und es geht ja auch um Zuwendung. Und Zuhören.

Vielleicht wirkt es ja, aber es gibt noch nicht die richtige Messmethode?

So argumentieren die Homöopathen, aber es liegt nicht an den Messmethoden. Wissenschaft funktioniert so, dass ein Mittel verlässlich immer wieder die gleiche Wirkung erzeugen muss.

Aber Homöopathie ist doch eine individuelle Therapie. Jedes Individuum ist anders, deshalb kann doch ein Mittel gar nicht bei allen gleich wirken.

So sehr viel anders sind die Menschen in ihrer Biologie gar nicht.

Wie war die Reaktion Ihrer Kollegen auf Ihren Angriff?

Am Anfang gab es richtiggehend bösartige und persönliche Kommentare. Mittlerweile ist es mehr ein Totschweigen.

Es gibt ja den Satz „Wer heilt, hat recht“.

Das klingt überzeugend, ist aber ein unehrlicher Satz. Er rechtfertigt ja dann auch jede dubiose Methode.

Haustiere, so heißt es, würden sehr gut auf die Therapie ansprechen.

Das kann im Einzelfall ja sein, aber wie gesagt: Es lässt sich nicht beweisen.

Die meisten Krankenkassen zahlen die Therapie.

Es hat sicher wirtschaftliche Gründe. Die Therapien sind nicht teuer, wer sich mit Homöopathie behandeln lässt, verzichtet ja auf andere, teure Medikamente.

Gibt es etwas, das Sie bei der Therapie trotz allem noch gut finden?

Ja, auf jeden Fall. Das lange Gespräch, ich arbeite bald wieder im Krankenhaus als Ärztin für Psychosomatik, da ist das Gespräch und die Zeit, die ich für einen Patienten habe, eine fundamentale Säule.

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