Angreifer im Schnellzug identifiziert - Islamist aus Marokko

Nach dem verhinderten Anschlag haben die Behörden die Sicherheitsmaßnahmen im Schnellzug Thalys verstärkt.
Nach dem verhinderten Anschlag haben die Behörden die Sicherheitsmaßnahmen im Schnellzug Thalys verstärkt.
Foto: dpa
Zug-Passagiere haben womöglich eine Tragödie verhindert. Jetzt ist klar: Der Mann mit der Kalaschnikow ist Islamist. Eine Spur führt nach Deutschland.

Paris. "Wir waren in einer Mausefalle gefangen", sagt der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade über den Moment, als die roten Sitze des Thalys zur Kulisse eines Alptraums wurden. Der Hochgeschwindigkeitszug rollte gerade durch das belgisch-französische Grenzgebiet, da ertönten Schreie auf Englisch: "Er schießt! Er hat eine Kalaschnikow." Der Schütze sei nur einige Dutzend Meter entfernt gewesen, erzählt Anglade dem Magazin "Paris Match". "Ich dachte, das ist das Ende (...)."

Doch dann war der Spuk ganz schnell vorbei - und Frankreich feiert eine Heldengeschichte. Mehrere Fahrgäste stellten sich dem jungen, schwer bewaffneten Mann in den Weg, von dem inzwischen klar ist, dass es sich um einen radikalen Islamisten handelt. Zuerst ein Franzose, der gerade auf die Toilette wollte und plötzlich vor dem Mann mit dem Sturmgewehr stand. Dann kamen zwei Amerikaner zu Hilfe - Soldaten in Zivil, die zufällig im Zug saßen.

Der muskulöse junge Mann im FC-Bayern-Trikot reagiert mit einem leicht amüsierten Grinsen auf die Fragen der Journalisten. Lange überlegt hat Alek Skarlatos nicht, als er einen Schuss hörte. Er habe sich kurz geduckt, erzählt er. Dann schaute er seinen Freund Spencer Stone an und sagte: "Let's go." Die beiden Militärs in Zivil sprangen auf und stürzten sich auf den Schwerbewaffneten.

Trotz Fesseln soll der Mann noch ein Messer gezogen haben

Gemeinsam zwangen sie den Täter zu Boden. Weitere Fahrgäste - ein amerikanischer Student und ein 62-jähriger Brite - schlossen sich ihnen nach eigenen Angaben an. "Wir haben ihn letztlich gefesselt, aber dann hat er währenddessen tatsächlich ein Messer gezogen und Spencer geschnitten", sagt der Brite Chris Norman dem Sender ITV. Schließlich hätten sie den Mann bewusstlos geschlagen, erzählt Skarlatos.

Ein Mann wurde von einer Kugel getroffen, für die übrigen Passagiere ging die Attacke glimpflich aus. Skarlatos erzählt später dem Sender Sky News, er habe eine Fehlfunktion an der Kalaschnikow bemerkt - Glück im Unglück.

Am nächsten Morgen sind die mutigen Passagiere die Stars des Tages. US-Präsident Barack Obama und Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove loben sie, Frankreichs Staatschef François Hollande lädt sie in den Élyséepalast. Innenminister Bernard Cazeneuve meint, die Männer hätten möglicherweise ein "furchtbares Drama" verhindert.

CNN veröffentlicht angebliches Video aus dem Zug

Der US-Fernsehsender CNN veröffentlichte ein Video, das Szenen nach den Schüssen in dem Thalys-Zug zeigen soll. Darauf ist zu sehen, wie ein Mann mit nacktem Oberkörper am Boden liegt, seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Außerdem ist ein Mann mit einer Verletzung im Nacken zu erkennen. Auf einem der Thalys-Sitze steht eine Waffe, bei der es sich um ein Sturmgewehr handeln könnte.

Zu den Hintergründen des Vorfalls wurde am Samstag mehr bekannt. Handelt es sich um einen Terrorangriff? Der Angreifer wies das zunächst zurück - doch er wurde von der französischen Polizei als Marokkaner mit islamistischem Hintergrund identifiziert. Dies sei über einen Abgleich von Fingerabdrücken erfolgt, wie die französische Nachrichtenagentur AFP am Samstagabend unter Berufung auf Polizeikreise meldete. Es handele sich um einen 25-jährigen Marokkaner, den spanische Behörden den französischen als Islamisten gemeldet hatten.

Wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" aus deutschen Sicherheitskreisen.berichtet, soll der Tatverdächtige im Mai in Syrien möglicherweise an Aktionen der Terrormiliz "Islamischer Staat" teilgenommen haben. Demnach checkte er auf dem Weg am 10. Mai am Flughafen Berlin-Tegel zu einem Flug nach Istanbul ein. Nach Angaben spanischer Behörden soll er am 26. Mai wieder in Belgien eingetroffen sein.

"Am falschen Ort, aber mit den richtigen Leuten"

Wie es aussieht, wäre Frankreich also um ein Haar schon wieder Ziel des religiösen Terrorismus geworden. Das Land ist seit dem blutigen Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Januar ohnehin im höchsten Alarmzustand, das Thema ist ständig präsent, die Warnungen der Behörden sind Routine: "Jeder weiß, dass das Bedrohungsniveau, dem wir gegenüberstehen, sehr hoch ist", sagt Minister Cazeneuve am Samstag. Jetzt wird schon diskutiert, ob Züge nicht besser geschützt werden müssten. In den Thalys-Zügen patroullieren jetzt vorerst Polizisten.

Schauspieler Jean-Hugues Anglade geht es am Morgen nach dem Schreck gut, sagt er selbst. Der 60-Jährige verletzte sich leicht an der Hand, als er eine Scheibe einschlug, um einen Alarm auszulösen. "Ich bin mit fünf Stichen genäht worden, aber die Sehne ist nicht betroffen", sagt er. "Wir waren am falschen Ort, aber mit den richtigen Leuten", resümiert Anglade. "Das ist ein Wunder." (dpa)