Angeklagte schweigen im Prozess um Mord an „Sqeezer“-Sänger

Pawel A. (r) und Adam K. verdecken
Pawel A. (r) und Adam K. verdecken
Foto: Soeren Stache / dpa
Er starb qualvoll in einem Sechs-Bett-Zimmer in einem Hostel. Jetzt läuft der Prozess um den Mord an „Sqeezer“-Sänger Jim Reeves.

Berlin.  Den drei Geschwistern stehen Schmerz und Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Musiker Jim Reeves, ihr Bruder, war 47 Jahre alt, als er in einem Hostel in Berlin-Charlottenburg qualvoll starb. Eineinhalb Jahre später sitzen die beiden Schwestern und der Bruder den mutmaßlichen Mördern gegenüber. Als am Mittwoch die Anklage vor dem Landgericht verlesen wird, ringen die Geschwister mit den Tränen. Die 23 und 30 Jahre alten Angeklagten zeigen dagegen keine Regung und hüllen sich in Schweigen.

Es ist eine Anklage, die erschaudern lässt. In der Nacht zum 1. Februar 2016 wurde Reeves, Sänger der Band „Sqeezer“ („Blue Jeans“) attackiert – „von seinen Mitbewohnern im Sechs-Bett-Zimmer im Hostel“, verliest die Staatsanwältin. Die Angeklagten hätten beschlossen, „das Opfer zu töten und dabei zu quälen“. Weil das Opfer ihnen „sexuelle Handlungen angetragen hatte“. Sie hätten Reeves mit der Faust und einem Holzstuhl ins Gesicht geschlagen, sie hätten ihn dann mit einem länglichen Gegenstand vergewaltigt. Er starb an seinen inneren Verletzungen.

Staatsanwaltschaft geht von Schwulenfeindlichkeit aus

Jim Reeves war als Jim Nyasani in Köln geboren worden. In den 1990er Jahren feierte der Sänger und Musikproduzent mit seiner Eurodance-Band „Sqeezer“ Erfolge. Der Mann mit den blond gefärbten Rastazöpfen stand im Mittelpunkt der Formation. Er war später auch als Moderator, Schauspieler und Model tätig. Die Leiche des bisexuellen Künstlers wurde am Morgen in Zimmer 25 des Hostels entdeckt.

Ermittlungen und Obduktion ergaben, dass Reeves brutal misshandelt worden war. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein grausamer Mord aus schwulenfeindlichen Motiven und damit niedrigen Beweggründen. Die Anklage mit den entsetzlichen Details sei „selbst für erfahrene Juristen nicht alltäglich“, so ein Nebenklage-Anwalt.

Angeklagte waren nur auf der Durchreise

Die mutmaßlichen Täter stammen aus Polen. Als Bauarbeiter seien sie in Berlin auf Durchreise gewesen, heißt es am Rande des Prozesses. Wenige Tage vor dem Verbrechen hätten sie wie Reeves in dem Hostel am Stuttgarter Platz eingecheckt. Am Morgen nach der Tat sollen sie in das Auto eines Landmannes gestiegen sein. Was berichteten sie auf der Fahrt? Der Fahrer des Wagens und der Beifahrer gelten im Prozess als wichtige Zeugen. Und die Staatsanwaltschaft stützt sich auf DNA-Spuren, die am Tatort sichergestellt wurden.

Für die Angeklagten treten jeweils zwei Verteidiger auf. „Wir haben unserem Mandanten geraten, sich nicht zu äußern“, sagt einer der Anwälte des tätowierten 30-Jährigen. Für den 23-Jährigen gibt eine Anwältin bekannt: „Er wird sich heute nicht äußern.“ Bei der Polizei soll der Jüngere geschwiegen, der Ältere sich nur kurz für unschuldig erklärt haben.

Zielfahnder fanden Hauptverdächtigen

Die Spuren hatten schnell zu den beiden Verdächtigen geführt. 18 Tage nach der Tat wurde der 23-Jährige in Polen festgenommen. Nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe in seinem Heimatland wegen anderer Delikte wurde er im Frühjahr 2017 nach Deutschland ausgeliefert.

Nach dem mutmaßlichen Komplizen suchte die Kriminalpolizei noch längere Zeit. Erst im Februar 2017 wurde der 30-Jährige im spanischen Lleida westlich von Barcelona von Zielfahndern gefasst. Beteiligt war auch die spanische Polizei. Bei ihm seien zwei gefälschte Ausweise, ein Elektroschocker, drei Handys und 7000 Euro gefunden worden.

Als erste Zeugin wird im Prozess eine Polizistin befragt. Dann haben die Geschwister den ersten Verhandlungstag überstanden. Nein, sie wolle derzeit keinen Kommentar abgeben, so Moderatorin Shary Reeves. „Es ist alles noch zu frisch“, sagt ihr Anwalt. Ein früherer Band-Kollege von Jim Reeves sagt über die Tat: „So etwas kann kein normaler Mensch tun.“ Am 15. September geht der Prozess weiter. (dpa)

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