Abtreibungen als Versicherungsbetrug?

Rom..  Zu den größten Publikumserfolgen der italienischen Polizei, jede Woche neu, gehören Überwachungsvideos, auf denen Blinde Motorrad fahren oder Lahme tanzen. Jedenfalls solche, die sich jahrelang für lahm oder blind ausgegeben und damit Tausende von Euro an Behindertenrente ergaunert haben. Den Versicherungsbetrug aber, den die Polizei jetzt im kalabrischen Cosenza aufgedeckt hat, den will lieber keiner ansehen. Er ist nur noch grauenhaft.

Eine 37-Jährige, im siebten Monat schwanger, war in einen Autounfall verwickelt und erlitt dabei eine Fehlgeburt; sie beantragte 80 000 Euro Schmerzensgeld. Den Ermittlungen zufolge stellt sich die Wahrheit allerdings ganz anders dar.

„Das Kind war völlig gesund, es hätte ein wenig Sauerstoff gebraucht“

Um an so viel Geld auf einmal zu kommen, hatte die Frau einen Unfall vorgetäuscht, das Kind mit Hilfe eingeweihter Mediziner abgetrieben – und es dann im Krankenhaus, „unter vorsätzlicher Unterlassung jeder Hilfe“, einfach sterben lassen. „Das Kind war völlig gesund, es hätte nur ein wenig Sauerstoff gebraucht, dann hätte es überlebt“, sagt der Leiter der Cosenzer Straßenpolizei, Domenico Provenzano.

Den ersten Verdacht geschöpft hatte jener Arzt, der damals, im Mai 2012, Dienst hatte in der Notaufnahme des städtischen Krankenhauses. Ihm waren die Verletzungen, welche die Frau präsentierte, und die Fehlgeburt als solche seltsam vorgekommen. Seine Anzeige zog Kreise: In ihrer „Operation Medical Market“ ermittelte die Polizei gegen 144 Personen im und im Umfeld dieses Spitals. „Sie fälschten Diagnosen, Klinikunterlagen, Röntgenbilder, um alles zu simulieren, was man sich an psychischen oder körperlichen Krankheiten oder an Unfällen so vorstellen kann,“ sagt Giosuè Colella von der Finanzpolizei. Anwälte erledigten dann das bürokratische Prozedere mit den Versicherungen – und von den erschlichenen Schmerzensgeldern oder Renten bekamen alle ihren Teil. Drei Ärzte sind in Untersuchungshaft.

„Zahlreiche Autounfälle“ hätten sich als fingiert herausgestellt, sagen die Ermittler – und sie hegen den Verdacht, dass es in Cosenza auch mehr „Fehlgeburten“ gegeben hat als nur die eine. Mundpropaganda, so heißt es, könnte „viele Frauen“ dazu gebracht haben, die Möglichkeit zur geldbringenden Abtreibung zu nutzen.

 
 

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