90 Verdächtige nach Einsturz von Stadtarchiv in Köln

Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs blieb nur noch eine Trümmerlandschaft zurück.
Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs blieb nur noch eine Trümmerlandschaft zurück.
Foto: Oliver Berg
Knapp fünf Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, nehmen die Ermittlungen der Justiz Formen an: Gegen 90 Verantwortliche hat die Staatsanwaltschaft Köln jetzt Ermittlungen eingeleitet. Darunter sind Manager, Bauleiter, Planer und Mitarbeiter der Kölner Stadtverwaltung.

Köln.. „Nur raus hier“. Es sind die drei Worte, die die Überlebenden des Stadtarchiv-Einsturzes am 3. März 2009 auch fünf Jahre danach noch immer nicht vergessen haben. Zehn Zentimeter breite Risse hatten sich damals blitzschnell durch das Mauerwerk gefressen. Für Kevin und Khalil, einen 17-jährigen Bäcker und einen 24-jährigen Studenten, kam die Warnung zu spät. Sie sind die Toten der Katastrophe vom Waidmarkt, der U-Bahn-Baustelle in der innersten Kölner City.

Zwei Todesopfer und Schaden von wohl einer Milliarde Euro

90 Manager, Bauleiter, Planer und Verwaltungsleute bekommen derzeit Post von Oberstaatsanwalt Thorsten Elschenbroich. Der Cheffahnder, der in der Domstadt für die schwere Wirtschaftskriminalität zuständig ist und parallel den größten Bankenskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte um das Kreditinstitut Sal. Oppenheim aufklärt, wirft ihnen vor, die Verantwortung oder die Mitverantwortung für das Waidmarkt-Drama zu tragen.

Es hat neben den beiden jungen Todesopfern immerhin einen Schaden von wohl einer Milliarde Euro angerichtet und 33 Kilometer unschätzbares Archivmaterial vernichtet. Mit der Benennung der Beschuldigten, die an diesem Wochenende bekannt wurde, verhindert die Ermittlungsbehörde, dass die Straftaten verjähren.

Stimmen die Annahmen der Ermittler, droht den Beschuldigten am Ende eine Anklage wegen zweifacher fahrlässiger Tötung und Baugefährdung – alleine diese Straftat könnte Haft bis zu fünf Jahren bringen.

Hinweise auf Diebstahl von Stahl

Im Detail äußern Elschenbroich und sein Kommissariat 32 den Anfangsverdacht, dass die Experten bei der Absicherung der Baugrube durch sogenannte Schlitzwände unmittelbar vor dem Archivbau versagt haben. Tatort könnte die Lamelle 11 sein, ein 3,40 Meter breiter Abschnitt: Hier soll in 29 Meter Tiefe - vielleicht durch die Unvorsichtigkeit eines Baggerführers, vielleicht auch durch vorangegangene gravierende Planungsfehler oder durch beides zusammen – ein „großflächiger Schlitzwanddefekt“ entstanden sein.

Ein Loch, das dort nicht hingehörte. Durch diese Öffnung soll Grundwasser in die Baugrube geströmt sein. Es könnte gewaltige Erdmassen mitgerissen und „dem Stadtarchiv den Boden unter den Füßen weggezogen“ haben, wie es Jörn Schwarze von den Verkehrsbetrieben KVB formuliert hat.

War der Baufehler bemerkt worden? War er Anlass, Alarm zu schlagen? Gab es genügend Kontrolle?

Auch dies herauszufinden ist Sache des Elschenbroich-Teams. Man fand gefälschte Baustellen-Protokolle und Hinweise auf den Diebstahl von Stahl im Umfang von zig Tonnen. Viel ist wohl damals dem vermuteten Klüngel der Millionenstadt zum Opfer gefallen.

Bauaufsicht? Habe es „faktisch nicht gegeben“, berichteten Zeugen den Staatsanwälten. An der Baugrube haben Mitarbeiter der Konzerne Bilfinger und Berger, Züblin, Wayss und Freitag und zahlreicher Subunternehmen machen können, was sie wollten: Vier Brunnen waren zur Bewirtschaftung der Baustelle genehmigt. 23 aber wurden gebohrt. Dem Erdreich ist offenbar insgesamt viel zu viel Wasser entzogen worden.

Baufirmen gehören zu den Größten der Branche

Die beschuldigten Baufirmen gehören alle zu den Größten der Branche. Sie dominieren die deutschen Großbaustellen und mischen an vorderer Stelle im internationalen Geschäft mit. Eine Verurteilung könnte schwere Imageschäden nach sich ziehen. Ihre Anwälte haben ihre eigene These von der Unglücksursache entwickelt.

Es handele sich um einen „hydraulischen Grundbruch“, sagen sie. Der Boden unter der Grube sei gerissen, die Erde dort durchgerutscht. Ein Naturereignis. Verantwortlich: Keiner.

 
 

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