Weshalb unsere Unis so sauer sind

Ulrich Reitz
Derzeit tun die Wissenschaftler sogar, was ihnen eigentlich wesensfremd ist: Sie gehen auf die Barrikaden. Wie konnte das passieren?
Derzeit tun die Wissenschaftler sogar, was ihnen eigentlich wesensfremd ist: Sie gehen auf die Barrikaden. Wie konnte das passieren?
Foto: Knut Vahlensieck/WAZ FotoPool
Noch nie hat es jemand in so überschaubarer Zeit fertig gebracht, seine Schutzbefohlenen derart gegen sich aufzubringen wie die Wissenschaftsministerin Svenja Schulze. Derzeit tun die Wissenschaftler sogar, was ihnen eigentlich wesensfremd ist: Sie gehen auf die Barrikaden. Wie konnte das passieren?

Arbeitsminister tun was für Arbeiter, etwa mit Mindestlöhnen. Soldatenminister pflegen die Soldaten, Motto: Kita für die Krieger. Rentenminister arbeiten für Rentner, jüngst zum Beispiel Mütter. Und so weiter. Weil Minister zwar nicht immer, aber doch oft genug zugunsten jener arbeiten, für die sie zuständig sind, verwundert umso mehr, weshalb das in Nordrhein-Westfalen gerade nicht so ist.

Noch nie hat es jemand in so überschaubarer Zeit fertig gebracht, seine Schutzbefohlenen derart gegen sich aufzubringen wie die Wissenschaftsministerin Svenja Schulze. Derzeit tun die Wissenschaftler sogar, was ihnen eigentlich wesensfremd ist: Sie gehen auf die Barrikaden.

Jetzt melden sich die Hochschulrektoren zu Wort. Freundlichkeiten Richtung Ministerin sind nicht zu erwarten. Die ehrwürdige Akademie der Wissenschaften und Künste sieht das Vertrauen zwischen Universitäten und dem Land gar als zerstört an. Obendrein läuft die Wirtschaft gegen das neue Hochschulgesetz Sturm, selten waren sich Mittelstand und Industrie derart einig. Wie konnte das passieren?

Die Regierung Rüttgers hatte den Hochschulen die Freiheit gegeben, selbst über ihr Geld, ihre Forschung und ihre Lehre zu bestimmen. Und die Unis, gerade im Ruhrgebiet, haben ihre neuen Spielräume genutzt: Sie sind sowohl in der Forschung als auch in der Lehre besser geworden. Zuletzt haben sie den Studenten-Ansturm des doppelten Abi-Jahrgangs geräuschlos bewältigt.

Dass sie, quasi zum Dank dafür, ihre Freiheiten, jedenfalls zum Teil, wieder verlieren sollen, empfinden sie als zynisch. Sie verstehen zwar, dass eine linke Regierung links regieren will, wollen aber nicht, das links gleichbedeutend ist mit: schlecht.

Früher war eine Uni eine elitäre Insel. Sie hatte außerhalb des Campus nicht viele Freunde. Das ist heute anders, aus zwei Gründen. War früher die Beziehung zwischen Hochschule und Wirtschaft von Misstrauen geprägt, so ist es heute Zuneigung. Und die Schaffung von so kunterbunt wie kompetent zusammengesetzten Aufsichtsräten für die Unis hat dazu geführt, dass sich heute viel mehr Menschen für „ihre“ Hochschule engagieren als früher. Das alles hat die Wissenschaftsministerin wohl unterschätzt.