Warum wir das Foto des toten Flüchtlingskindes nicht zeigen

Kleidungsstücke syrischer Flüchtlinge an einem Strand bei Bodrum, Türkei.
Kleidungsstücke syrischer Flüchtlinge an einem Strand bei Bodrum, Türkei.
Foto: Imago

Liebe Leserinnen, liebe Leser! Das Foto macht unendlich traurig. Es weckt tiefe Emotionen. Ein kleiner Junge liegt am Strand von Bodrum in der Türkei. Er trägt ein rotes T-Shirt, blaue Bermudas und dunkle Turnschuhe. Das Gesicht liegt im Sand. Er ist tot.

Sein Name ist Aylan, er wurde nur drei Jahre alt. Mit ihm starben sein fünfjähriger Bruder Galip und seine Mutter Rehan. Allein Vater Abdullah überlebte die Katastrophe, als das Flüchtlingsboot mit der syrischen Familie an Bord vor der türkischen Küste sank. Sie hatten den gefährlichen Weg gewählt, weil sie von Kanada, wo eine Tante lebt, abgelehnt worden waren. Die mutmaßlichen Schleuser wurden am Donnerstag gefasst.

Die Redaktion der WAZ hat intensiv und kontrovers diskutiert. Darf man dieses Foto zeigen? Muss man es nicht sogar, weil es die journalistische Pflicht ist, das Leid der Menschen zu zeigen, nichts zu beschönigen? Darf man den Leserinnen und Lesern ein Foto vorenthalten, das sie vermutlich ohnehin schon woanders gesehen haben – im Fernsehen, im Internet, in Boulevardmedien?

Die WAZ hat entschieden, dieses Foto nicht zu zeigen. Das hat etwas mit Selbstverständnis zu tun, wohl auch mit Seriosität. Es hat zudem etwas zu tun mit Rücksicht auf die Emotionen der Leserinnen und Leser, die Wahrnehmungen von Großeltern, Eltern und Kindern. Die WAZ-Redaktion veröffentlicht grundsätzlich keine Fotos von Toten, weil wir nicht schockieren, weil wir nicht skandalisieren wollen. Man kann sich der Wahrheit und Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlen und sich zugleich gegen die Veröffentlichung eines solchen Fotos entscheiden. Manchmal, in absoluten Ausnahmen, muss eine Redaktion auch den Mut zum Weglassen haben.

Zudem sollten Menschen, ob tot oder lebendig, nicht als Mittel für ein vermeintlich höheres Ziel genutzt werden – in diesem Fall den Schrecken und das Elend der Flucht zu dokumentieren. Und: Nimmt man dem kleinen Aylan nicht seine Würde, wenn man das Foto seines Leichnams weltweit veröffentlicht? Die richtige oder die falsche Entscheidung gibt es hier vermutlich nicht. Maßgeblich ist es aber, die Entscheidung gewissenhaft und verantwortungsbewusst zu treffen.

 
 

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