Merkel muss sich ehrlich machen

Niemand hat die Absicht, einen Grenzzaun zu errichten. Das ist Angela Merkels Position in der Flüchtlingskrise. Je nach Naturell und Neigung kann man an Walter Ulbricht und die Mauer erinnern, die allen Schwüren zum Trotz gebaut wurde. Oder besser: der Kanzlerin glauben.

Viele EU-Partner haben erkannt, dass die Flüchtlingskrise kein Problem der Deutschen ist und einer gesamteuropäische Lösung bedarf. Merkel hatte recht. Aber einige osteuropäische Staaten kommen auf eine Lösung, die moralisch wie politisch grobschlächtig ist: völlige Abschottung an der mazedonischen Grenze. Es ist eine Lösung zulasten Dritter, der Griechen. Sie würde man ihrem Schicksal überlassen.

Wenn man Mazedonien dichtmacht, um die Balkanroute abzuriegeln, schaffen es weniger Menschen bis Deutschland. Dann hätte Merkel ihr Ziel erreicht, den Zuzug zu reduzieren und das moralische Reinheitsgebot ihrer Politik eingehalten. Wenn alle anderen die Grenzen dichtmachen, bliebe uns das erspart. Merkel würde es nicht als Erfolg feiern. Sie ist nicht zynisch.

Indes, sie sollte sich ehrlich machen. Ihre Flüchtlingspolitik beruht auf zwei unsicheren Annahmen. Auf die Türkei setzen heißt, sich dem unberechenbaren Erdogan auszuliefern. Und: EU-Solidarität ist pures Wunschdenken. Wenn sie in Brüssel keinen Erfolg hat, sollte Merkel keine Zeit verlieren und sich lieber korrigieren: die Grenze schließen.

 
 

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