Flüchtlingskrise – Europas Schande

Lutz Heuken

In Europa empört man sich heftig und zu Recht über den türkischen Despoten Erdogan: Dieser nutze die Schlüsselrolle seines Landes in der Flüchtlingskrise schamlos aus, um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen. Indes: Diese Schelte ist allzu häufig wohlfeil. Solange sich so viele europäische Regierungen weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, solange wäre es besser, Europa schwiege zu Erdogans Moral.

Die Türkei ächzt nämlich, ebenso wie andere Anrainer Syriens, viel stärker als Zentraleuropa unter dem Flüchtlingsstrom. Warum also sollte die Türkei die Flüchtlinge in ihren hoffnungslos überfüllten und heruntergekommenen Lagern gegen deren Willen festhalten, wenn diese unbedingt nach Europa wollen? Auch am Bosporus gibt es Menschen, die sich gegen die vielen Fremden im Land wehren.

Merkel setzt nun erkennbar auf eine Doppel-Strategie in der Flüchtlingsfrage: Die Türkei soll aus dem reichen Europa Milliarden erhalten, um die Heimatlosen besser zu versorgen. Die Europäer sollen der Türkei zudem Jahr für Jahr ein gewisses Kontingent an Flüchtlingen „abnehmen“. Das würde diesen Menschen die lebensgefährliche Flucht übers Meer ersparen, so die Hoffnung. Dass sich viele europäische Regierungen angesichts der syrischen Apokalypse weiterhin aus nationalistischen und populistischen Gründen gegen Flüchtlinge sperren, ist eine Schande. Die Hilfsbereiten haben alles Recht, das anzuprangern.