Die Woche der Wahrheit

Der Wahlkampf ist nicht spannend, das Ergebnis schon. Die Mehrheit am 22. September ist offen. Der Eindruck drängt sich nicht erst seit der Bayern-Wahl auf, sondern in Umfragen seit langem. Zusätzlich unkalkulierbar wird die Abstimmung dadurch, dass vieles neu ist und Erfahrungswerte nichts taugen. Die Überhangmandate etwa gaben oft den Ausschlag - nach dem neuen Wahlrecht diesmal nicht mehr. Oder die Leihstimmen-Kampagne der FDP: Früher zog die Mitleidsnummer, diesmal allenfalls unter Vorbehalt.

Erstens macht die Union nicht gute Miene zum bösen Spiel. Zweitens serviert das ZDF uns am Donnerstag mit dem „Politbarometer“ frische Zahlen. Die Umfrage ist etabliert und glaubwürdig. Wenn die FDP klar über der Fünf-Prozent-Hürde liegen sollte, raubt es der Kampagne die Dramatik. Ohne Blick in den Abgrund keine Leihstimmen.

Um Peer Steinbrücks Zugkraft richtig einzuschätzen, muss man bis zum 1. Oktober 2012 zurückgehen. Das war der Tag, als die SPD-Spitze für klare Verhältnisse sorgte und Steinbrück als Kanzlerkandidat übrig blieb. Die SPD lag damals um die 30-Prozent-Marke. Ein Jahr später kann er davon nur träumen. Im Klartext: Er brachte die SPD in dieser Zeit nicht voran und nicht alle PS auf die Straße. Vom Ziel, der nächste rot-grüne Kanzler zu werden, ist der Kandidat weit entfernt.

Er weiß das auch. Umso höher ist einzuschätzen, wie nimmermüde er kämpft. Da bekommt der SPD-Slogan „das Wir entscheidet“ eine ganz unerwartete Bedeutung: Steinbrück kämpft weniger für sich, mehr für die SPD. Das Optimum wäre Rot-Grün, das Maximum eine Große Koalition - und zwar ohne Steinbrück. Denn er will nicht noch einmal in ein Kabinett Merkel. Das muss man ihm abnehmen - genauso übrigens wie Sigmar Gabriel Beteuerungen, keine gemeinsame Sache mit der Linkspartei zu machen. Er hat es so oft, so begründet und mit so viel Herzblut ausgeschlossen, dass ein Wortbruch schwer vorstellbar ist.

Wenn eine Neuauflage der Großen Koalition ansteht, wird es kein zweiter Aufguss der Konstellation von 2005. Aus zwei Gründen: Die SPD hat gelernt. Sie würde es Angela Merkel diesmal schwerer machen. Und: Auf Merkel wird man anders schauen. Sie würde in ihre dritte Amtszeit gehen, ihre potenziellen Nachfolger werden sich in Stellung bringen. Auch ihre Partei wird also ein Unruheherd sein. Wer hofft, eine Große Koalition werde durchregieren, wird böse überrascht. Wenn die FDP ausfallen sollte, wäre der bequemste Partner für Kanzlerin Merkel – die Grünen.

Das fehlte noch.

 
 

EURE FAVORITEN