Das Schweigen der Politiker ist wohl kalkuliert, aber feige

Kanzlerin Angela Merkel schweigt in der Flüchtlingsdebatte. Das stößt auf Kritik.
Kanzlerin Angela Merkel schweigt in der Flüchtlingsdebatte. Das stößt auf Kritik.
Foto: imago
Politiker fassen das Thema nur mit spitzen Fingern an. Zu wenig scheint zu gewinnen zu sein, zu viel zu verlieren. Doch sie unterschätzen das Volk.

Berlin.. Nun fährt der Vize-Kanzler also nach Heidenau. Mit dem Besuch in dem sächsischen Ort, wo ein fremdenfeindlicher Mob tagelang Krawalle gegen ein Flüchtlingsheim und dessen Bewohner anzettelte, will sich Sigmar Gabriel ein Bild machen von der Lage und auch ein Zeichen setzen gegen den Fremdenhass - als erstes Mitglied der Bundesregierung.

Das Thema Flüchtlinge wird von den meisten Politikern immer noch gleichsam mit spitzen Fingern angefasst. Die Kanzlerin schweigt komplett zu den Ausschreitungen, CSU-Chef Horst Seehofer laviert sich durch, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich brauchte mehrere Tage, ehe er nach Freital fuhr, wo zuvor Flüchtlinge bedrängt und aufs Übelste beschimpft worden waren. Ein Trauerspiel.

Bürger warten auf ein klares Signal

Das fast kollektive Schweigen der Regierenden entspringt einem feigen und lauen Kalkül: Die Flüchtlingsproblematik, so offenbar die Überlegung, sei kein politisches Gewinnerthema, das Pluspunkte beim Wahlvolk bringt. Mal abgesehen davon, dass beim Kontakt mit der Bevölkerung stets am Wegesrand das Risiko eines peinlichen Fehltritts lauert. So wurde für Kanzlerin Angela Merkel sogar der eigentlich wohlinszenierte Dialog mit Schulkindern kürzlich zum PR-Desaster, als sie im Gespräch mit einem palästinensischen Mädchen wenig empathisch agierte.

Was viele Politiker übersehen: Das Volk ist längst weiter als seine gewählten Vertreter. Die Hilfswelle für Flüchtlinge in der Bevölkerung ist riesig, in ungezählten Orten kümmern sich Initiativen um die Menschen, spenden Kleidung und Lebensmittel, helfen bei Behördengängen und Wohnungssuche. Auch sie warten auf ein klares Signal aus der Bundesregierung.

Und was den drohenden Fehltritt anbelangt: Manchmal muss man ein kleines Risiko eingehen. Auch als Politiker.

 
 

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