Wie der Plastikmüll ins Meer und dann auf den Teller kommt

Plastik ohne Ende vermüllt die Meere.
Plastik ohne Ende vermüllt die Meere.
Foto: Getty Images
Mikroteilchen sind winzige Plastik-Kügelchen, die zum Beispiel die Wirkung von Zahnpasta verstärken können. Doch die Teilchen gelangen auch ins Abwasser und von dort in die Nahrungskette. Kosmetikhersteller wollen ihre Produkte nun umstellen, Forscher und Umweltschützer fordern ein Verbot.

Essen.. Wale gehören zu den Opfern, Schildkröten, Fische sowieso. Viele Meerestiere sterben, weil sie im Wasser treibenden Plastikmüll fressen. Doch Abfall ist nicht nur für Tiere ein Problem: Auch Menschen nehmen über Lebensmittel kleinste Plastikteilchen zu sich. Wie gefährlich Kunststoff im Körper sein kann, weiß aktuell niemand. Wissenschaft, Industrie und Politik sind jedoch alarmiert.

Einkaufstüten, Flaschen, Verpackungen – die Meere sind voll mit Plastikmüll. Laut Umweltbundesamt schwammen 2013 etwa 100 bis 150 Millionen Tonnen Abfall in den Meeren, zum Großteil bestehend aus Kunststoff. 70 Prozent davon sinkt der Behörde zufolge auf den Meeresboden, 15 Prozent treibt an der Wasseroberfläche und bildet dort riesige Müllstrudel, etwa im Nordpazifik. Nur 15 Prozent des Mülls werden an Stränden angeschwemmt. Der Abfall wird nach und nach zersetzt, zerfällt in kleine Teilchen, die Meerestiere mit Plankton verwechseln und fressen. So gelangt das Plastik in die Nahrungskette.

Wie kommt das Plastik ins Essen?

Doch es gibt noch eine weitere Gefahrenquelle: Mikroplastik, oft kleiner als ein Sandkorn. Der Forscher Gerd Liebezeit wies unlängst in einer Studie für den NDR Plastikteilchen in Lebensmitteln nach. Der Fachmann für Biologie und Chemie an der Uni Oldenburg fand Mikroplastik in 19 untersuchten Honiggläsern sowie in Milch und Wasser. Sein Verdacht richtet sich gegen die Kosmetik-Industrie: Mikroplastik wird als Scheuermaterial eingesetzt, Kügelchen sollen in der Zahnpasta oder im Duschgel eine besonders gründliche Reinigungswirkung entfalten. Sie gelangen direkt in den Wasserkreislauf. Liebezeit vermutet, dass die kleinsten dieser Kügelchen aber nicht darin bleiben, sondern in die Luft und von dort in unser Essen gelangen: „Wir können davon ausgehen, dass das Mikroplastik überall in der Atmosphäre zu finden ist.“

Wie gefährlich ist das Plastik?

Belastbare Erkenntnisse gibt es noch nicht. Das Umweltbundesamt hat Aufträge zur Erforschung der Auswirkungen von Mikroplastik vergeben. Fest steht: Kunststoff ist alles andere als gesundheitsfördernd. Das Mikroplastik zieht giftige Chemikalien wie das Insektizid DDT an, zudem geben viele Kunststoffe beim Zersetzen Weichmacher und andere chemische Substanzen frei. „Die Folgen für den Menschen sind noch nicht genug erforscht“, sagt Sascha Regmann von der Herner Umweltorganisation Project Blue Sea. „Wir wissen aber, dass ganz kleine Partikel in der Lage sind, in die Zellstruktur einzudringen. Welche Langzeitschäden das verursacht, kann niemand voraussehen.“

Warum mischen Unternehmen Plastikkugeln in Kosmetika?

Die Wirtschaft argumentiert, das Mikroplastik werde von den Kunden gewünscht. Die Zahncreme „Pearls & Dents“ des Herstellers Dr. Liebe wirbt etwa damit, dass „kleine, weiche, in ätherischen Ölen getränkte Perlen (...) effektiv, aber sehr schonend Bakterien-Beläge und Verfärbungen“ entfernten. Bei Colgate sollen „Mikro-Reinigungskristalle“ die Zähne weißer machen. Laut einer aktuellen Liste des BUND stecken die winzigen Teilchen auch in Peeling-Produkten und Anti-Falten-Cremes, die eine glattere Haut versprechen. Sascha Regmann hat eine andere Vermutung: „Der Peelingeffekt ist reines Marketing. Plastik ist einfach ein günstiger Füllstoff.“

Was tun Politik und Wirtschaft gegen die Plastikflut?

Das Umweltbundesamt ist gegen ein Verbot. Die Behörde setzt stattdessen auf einen freiwilligen Verzicht. Tatsächlich haben Hersteller wie Unilever, Beiersdorf (bis 2015) oder Procter & Gamble (2017) erklärt, bald auf Plastik verzichten zu wollen. Auch Dr. Liebe sagt, man arbeite „mit Hochdruck daran, für das in Pearls & Dents verwendete Perlensystem bis spätestens Mitte 2015“ ein „möglichst naturbasiertes System“ zu finden.

Doch auch wenn die Hersteller auf Mikroplastik verzichten: Was bereits im Abwasser und in den Meeren schwimmt, lässt sich bisher kaum herausfiltern. Bis sie abgebaut sind, können geschätzt Jahrhunderte vergehen.

 
 

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