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Was es bedeutet, wenn ein Kind unsichtbare Freunde hat

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istock_66924919_large~cd3cbb1e-f45f-4a40-addb-3a9c727bde4c.jpg Foto: iStock
Viele Kinder haben unsichtbare Tiere oder Menschen zum Freund. Diese Freundschaften müssen kein Zeichen für Defizite des Kindes sein.

Essen. 

Sie heißen Hasi, Ella oder Blitzi, erscheinen mal in Gestalt eines Panthers, mal als Fee, als Kaninchen oder auch als ganz normales Kind – für Erwachsene allerdings bleiben sie zeitlebens unsichtbar: die imaginären Freunde kleiner Kinder.

Dass Kinder sich Spielgefährten ausdenken, ist nichts Ungewöhnliches: Experten schätzen, dass etwa ein Drittel aller unter Siebenjährigen sich das Leben durch Fantasiefreunde ein wenig bunter gestaltet. Die Figuren, ob nun Tiere, Menschen oder Fabelwesen, könnten bereits zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr auftauchen, erklärt Dr. Johanna Schulte Wermlinghoff, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der LWL-Klinik Marl-Sinsen. „Denn das ist die Zeit, in der Kinder beginnen, sozial zu interagieren.“ Dabei neigen Mädchen häufiger als Jungen dazu, sich Wesen auszudenken, die sie in Unterhaltungen und Spiele einbeziehen. Untersuchungen zufolge erfinden allerdings sowohl Jungen als auch Mädchen eher weibliche Begleiter.

Kinder befinden sich in der Phase des magischen Denkens

Obwohl Drei- und Vierjährige durchaus schon zwischen Realität und Fantasie unterscheiden können und ihnen bewusst ist, dass allein sie selbst den unsichtbaren Freund erschaffen, leben viele dieses Spiel in einer Intensität aus, die manchen Eltern Sorge bereitet. Doch die, so beruhigt Johanna Schulte Wermlinghoff, sei in den allermeisten Fällen unbegründet: „Die Kinder befinden sich in einer Phase des magischen Denkens: Sie können sich ihre Wesen sehr gut vorstellen und sie auch beschreiben.“

Während man bis in die 50er-Jahre hinein davon ausging, die Fantasiefreunde würden auf ein psychologisches Defizit hinweisen, weiß man heute, dass die imaginären Spielgefährten bei einigen Kindern zur gesunden Entwicklung einfach dazu­gehören.

Bei Einzelkindern und Erstgeborenen stärker verbreitet

Psychologen haben festgestellt, dass Erstgeborene und Einzelkinder sich häufiger derartige Freunde kreieren als Geschwisterkinder. „Das könnte damit zusammenhängen, dass sie mehr Zeit mit Erwachsenen verbringen und deshalb Bedarf an zusätzlichen kindlichen Spielgefährten haben“, sagt Schulte Wermlinghoff.

Das bedeute jedoch nicht, dass sie einen Mangel wie Einsamkeit oder Trauer kompensieren müssten. Stattdessen ist die gängigste Erklärung für das Phänomen der imaginären Spielgefährten die sogenannte Begabungshypothese, wonach vor allem kreative Kinder mit besonders reger Fantasietätigkeit und sozialer Kompetenz persönliche Begleiter erfinden. Was im Umkehrschluss natürlich nicht heißt, dass Kinder ohne imaginäre Freunde weniger kreativ sein müssen.

Fantasiefreunde könnten bei Impulskontrolle helfen

Nach der „Hypothese der Gefühlssteuerung“ helfen die Fantasiefreunde den Kindern im gespielten Zwiegespräch bei der Impulskontrolle, also der Steuerung von Gefühlen, aber auch der Bewältigung von täglichen Pflichten und Aufgaben. Da könne dann der unsichtbare Freund dem Kind schon mal in Erinnerung rufen, dass es jetzt noch die Zähne putzen muss, sagt Johanna Schulte Wermlinghoff. „Das ist allerdings von Kind zu Kind unterschiedlich. Manche Kinder brauchen diese Hilfe, für andere sind die erdachten Freunde ausschließlich Spielgefährten“.

Nach einer dritten Hypothese handelt es sich bei den Fantasiefreunden um Hilfswesen, die vor Verletzungen schützen, indem das Kind sie in schwierigen Situationen beruhigende Worte sagen lässt.

Fantasiefreund kann auch bei Ausreden helfen

Manche Kinder schieben den imaginären Freund zudem gerne vor und behaupten etwa den Eltern gegenüber, er habe Angst vor etwas, beispielsweise dem Schwimmunterricht, oder ziehen sich geschickt aus der Affäre, indem sie ein Fehlverhalten ihm anlasten. Unabhängig davon, welcher Aspekt die Beziehung zwischen Kind und Fantasiegefährten nun am stärksten prägt – für die soziale Entwicklung seien die erfundenen Wesen jedenfalls von großem Wert, sagt Schulte Wermlinghoff. „Sie sind kleine Hilfs-Ichs, mit denen die Kinder auch Konflikte klären und soziale Kompetenzen trainieren.“

Jedes Kind misst einem solchen Begleiter allerdings eine andere Bedeutung bei: Muss er bei manchen unbedingt mit am Esstisch sitzen und von allen Anwesenden in Spiele und Gespräche einbezogen werden, „treffen“ andere ihn nur in bestimmten Situationen oder auch ausschließlich im Geheimen. Manchmal werde ein Gefährte im Laufe der Zeit durch einen anderen ersetzt oder ergänzt, so Schulte Wermlinghoff, in der Regel aber begleite die erdachte Figur das Kind über viele Monate oder sogar mehrere Jahre hinweg – meist etwa bis zum sechsten Lebensjahr, seltener auch noch darüber hinaus.

In seltenen Fällen Hinweis auf seelische Probleme

So harmlos das Auftauchen der Fantasiefreunde für gewöhnlich ist – manchmal kann es dennoch auf seelische Probleme hinweisen; etwa dann, wenn der erdachte Freund einen extrem destruktiven Charakter hat und sehr negativ auf das Kind einwirkt. Oder, wenn Eltern das Gefühl haben, ihr Kind habe keine Kontrolle über seine Fantasien und erschaffe sie womöglich gar nicht selbst.

In diesen Fällen empfiehlt Johanna Schulte Wermlinghoff besonders genau hinzuschauen und nachzufragen. Doch auch sonst sollten Eltern die unsichtbaren Freunde ihrer Kinder keineswegs ignorieren, ganz im Gegenteil: „Am besten spielen sie mit und gehen mit dem Freund so selbstverständlich um, wie das Kind es tut“. Nur erziehen dürfen sie ihn nicht – das ist die Aufgabe des Kindes.