Von der Rolle - was ist in der Pubertät eigentlich normal?

Der Beginn der Pubertät hängt von vielen Faktoren ab. In der Regel setzt die Pubertät bei Mädchen früher ein als bei Jungen.
Der Beginn der Pubertät hängt von vielen Faktoren ab. In der Regel setzt die Pubertät bei Mädchen früher ein als bei Jungen.
Foto: Getty
In der Pubertät verändert sich der kindliche Körper drastisch. Doch die Entwicklung verläuft bei jedem Jugendlichen etwas anders. Ein Überblick.

Essen.. Ein falsches Wort und der Haussegen hängt schief: Mancher verbarrikadiert sich heulend im eigenen Zimmer, ein anderer verlässt türenknallend das Haus. Die Pubertät schlägt vielen Jugendlichen aufs Gemüt. Nicht ganz so schnell wie die Stimmung, aber mindestens genauso drastisch verändert sich der Körper. Da sind die Mädchen plötzlich größer als die Jungen, da wachsen Haare, wo vorher keine wuchsen, oder es wächst nichts, während bei den anderen alles schon so „erwachsen“ aussieht.

Wachstum

Die Frage „Ist das normal?“ begegnet Dr. Corinna Grasemann ständig. Die Kinderendokrinologin behandelt am Uniklinikum Essen vor allem Kinder mit Hormonstörungen und wurde für ihre Forschungsarbeit in diesem Bereich im vergangenen Jahr ausgezeichnet. Oft kann die Ärztin besorgte Eltern beruhigen, denn die „Varianten der Norm“, wie sie es nennt, sind vielfältig. Beispiel Wachstum: „Sind die Eltern selbst eher klein, ist es nicht verwunderlich, wenn das Kind sehr klein ist“, sagt die Medizinerin. Auf einer Wachstumskurve ermittelt sie anhand der Größe von Vater und Mutter den zu erwartenden Wachstums-Verlauf des Kindes.

Zusätzlich kann eine Röntgenaufnahme der linken Hand Aufschluss über eine etwaige Entwicklungsverzögerung geben. So lässt sich das „Knochenalter“ auf ein halbes Jahr genau bestimmen. Normalerweise ist es mit dem chronologischen Alter identisch – liegen Entwicklungsstörungen vor, weichen die Zahlen voneinander ab.

Außerdem hängen Wachstum und Pubertät eng zusammen, erklärt Dr. Grasemann: „Die höchste Wachstumsgeschwindigkeit haben Menschen im Säuglingsalter. Den nächsten großen Schub gibt es dann in der Pubertät.“ Dieser findet bei Mädchen in der Regel früher statt als bei Jungen, weshalb sich gerade nach den Sommerferien oft das Phänomen zeige, dass plötzlich die Mädchen in der siebten Klasse die Jungen um einige Zentimeter überragen.

Pubertätsbeginn

Der Beginn der Pubertät wird von der Hirnanhangdrüse und dem Hypothalamus gesteuert. „Diese Systeme ruhen, bis die Pubertätsreife erreicht ist“, so die Ärztin. „Wann und warum es anfängt, ist noch nicht bis ins Detail erforscht. Denn dem Pubertätsbeginn liegt ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren zugrunde“.

Daher gibt es auch keinen Stichtag, an dem ein Kind in die Pubertät kommen muss. Orientierung bieten lediglich Eckdaten: So gilt ein Pubertätsbeginn als verfrüht, wenn er bei Jungen vor dem neunten und bei Mädchen vor dem achten Lebensjahr einsetzt. Zu spät wäre der Beginn nach dem 14. (Jungen) bzw. dem 13. bis 14. Lebensjahr (Mädchen).

Auch der Pubertätsverlauf der Eltern gibt wichtige Hinweise. Allerdings bestehen Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen: „In afrikanischen Ländern setzt die Pubertät etwas früher ein als in Europa“, sagt die Expertin. Doch dort wie hier hat sich der Beginn verschoben: „Vor etwa 100 Jahren bekamen Mädchen die erste Periodenblutung etwa mit 17, heute im Schnitt mit knapp 13 Jahren.“ Ursächlich dafür könnte die verbesserte Ernährungssituation sein. Erste Anzeichen für den Pubertätsbeginn sind bei Mädchen Schambehaarung und beginnendes Brustwachstum, bei Jungen Behaarung und die Vergrößerung von Penis und Hoden.

Die verfrühte Pubertät

Allerdings können manche Merkmale auch deutlich verfrüht auftauchen, ohne dass die gesamte Pubertät zu früh einsetzt: Schambehaarung zwischen dem dritten und achten, die Brustentwicklung bei Mädchen sogar schon zwischen dem zweiten und siebten Lebensjahr. Die Ärztin schätzt, dass dies in etwa einem von 1000 bis 5000 Fällen geschieht.

In einem solchen Fall sei es unbedingt nötig, einen Kinderarzt aufzusuchen. Denn während einzelne zeitlich verschobene Anzeichen zwar oft nicht behandelt werden müssten, sei unbedingtes Eingreifen erforderlich, sobald die gesamte Pubertätsentwicklung gestört sei. „Der verfrühte Beginn muss medikamentös aufgehalten werden, weil sonst auch das Skelett zu früh ausreift und die Kinder letztlich viel zu klein bleiben.“ Kinder- und Jugendärzte könnten die Entwicklung gut beurteilen und gegebenenfalls zu den Spezialisten in die Kinderendokrinologie überweisen.

Die verzögerte Pubertät

Bei einem verspäteten Beginn muss der weitere Verlauf genau beobachtet werden. „Hier muss abgegrenzt werden, ob die Funktion der Hirnanhangdrüse beeinträchtigt ist und gar keinen Pubertätsanfang steuert oder ob das jeweilige End-Organ, also Eierstöcke bzw. Hoden, keine Hormone ausschüttet.“ In manchen Fällen wird dann eine

Hormonersatztherapie notwendig. In den allermeisten Fällen, so die Ärztin, verlaufe die Entwicklung allerdings normal – viele Sorgen seien medizinisch unbegründet. Doch auch, wenn alles normal verläuft, aber andere Kinder in der Entwicklung schon weiter sind, kann Leidensdruck entstehen: „Die Kinder möchten nicht aus dem Rahmen fallen, sondern wie die anderen sein“, so die Expertin. Daher sollten Eltern das Gefühl des „Andersseins“ nicht noch durch entsprechende Bemerkungen verstärken. Stattdessen könnten sie die Kinder unterstützen, indem sie von der eigenen Jugend erzählen. Und ihnen so vermitteln, dass sich die körperlichen Unterschiede bald von allein angleichen – auch wenn das oft nur ein kleiner Trost ist.

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