So wird im Geheimlabor der Stiftung Warentest geprüft

Vorsicht, Test! In den Prüflabors der Stiftung Warentest wird so ziemlich alles untersucht – von der Nougatcreme bis zum Staubsauger.
Vorsicht, Test! In den Prüflabors der Stiftung Warentest wird so ziemlich alles untersucht – von der Nougatcreme bis zum Staubsauger.
Foto: dpa
Über 37.000 Produkte prüft die Stiftung Warentest im Jahr – vom Backofen bis zur Versicherung. Aber wie läuft es im Prüfinstitut ab?

Berlin.  Hektisch rotieren die kurzen Stahlbeine des Tisches, es erinnert an Hula-Hoop. Oben auf der hölzernen Tischplatte, fixiert mit einem Metallriegel, folgt eine Pfanne gefüllt mit einem Gemisch aus kleinen Bleikugeln und harten Mineralkörnchen den kreisenden Bewegungen des Tisches. Geprüft wird: Norm 12983-2. Ausgeschrieben: „Kochutensilien – Haushaltskochgeschirre zur Verwendung auf einem Ofen, Herd oder Kochmulde“. Der tanzende Tisch soll die Pfannenbeschichtung auf die Probe stellen.

Die Welt von Stiftung Warentest ist eine Welt der Normen. In den Instituten, in denen die Warentester Staubsauger, Rasenmäher oder Backöfen testen lassen, gibt es Normstaub genauso wie Normgras. Einen Normteppich wie auch Normmuffins. Das schafft wissenschaftliche Vergleichbarkeit – und die wiederum schafft Vertrauen.

Ein Faktor, von dem die Stiftung lebt. Laut einer Forsa-Umfrage von 2015 ist sie 93 Prozent der Deutschen zumindest dem Namen nach bekannt. „Das sind fast Werte, wie sie Angela Merkel hat“, sagt Heike van Laak, Sprecherin der Stiftung, die zu ihrer jährlichen Tagung geladen hat. Darauf sei man natürlich stolz.

Die Warentester gehen über die Norm hinaus

Vertrauen soll auch die Unabhängigkeit der Stiftung schaffen, die 1964 auf Beschluss des Bundestages gegründet wurde. Bis dahin war man in der Bundesrepublik der Meinung, in der Werbung erfahre der Konsument alles, was er wissen müsse. „Unsere Markenzeichen sind Neutralität und Objektivität“, erklärt van Laak. Um das zu gewährleisten, trifft die Stiftung Vorsichtsmaßnahmen. Die meisten der zu testenden Produkte werden von anonymen Käufern ganz regulär im Geschäft gekauft. Auch die Namen der über 100 Prüfinstitute müssen geheim bleiben, um Einflussnahme durch die Industrie auf die Produkttests zu verhindern.

Der Raum mit dem tanzenden Tisch befindet sich also irgendwo in Sachsen auf dem riesigen Gelände irgendeines Prüfinstituts. Auch die rund 150 Mitarbeiter, die dort Produkte vom Küchenmesser bis zum Computertomografen testen, haben für die Mitgereisten keine Namen, nur Funktionen.

Dieses Institut in Sachsen arbeitet neben Stiftung Warentest meist für Auftraggeber aus der Industrie, deren Geräte etwa für EU-Label bestimmte Anforderungen erfüllen müssen. Die Versuchsanordnung bringen die Hersteller selbst mit. Die Warentester gehen mit ihren Tests der jährlich rund 37.500 Produkte meist weiter als das, was EU-Normen vorgeben. Sie wollen damit dem echten Leben der Verbraucher näherkommen.

Beispiel Staubsauger: Für das EU-Label wird nur mit leerem Beutel getestet, die Warentester prüfen auch mit gefülltem. „In der Normwelt ist auch der Kühlschrank leer, und es kommt auch nichts Warmes hinein“, sagt Holger Brackemann, Bereichsleiter Untersuchungen bei der Stiftung Warentest, intern nur „der Oberprüfer“. Bei einem Test der Warentester wird ein Wochenendeinkauf simuliert – mit genormten Rindfleischattrappen, gemimt von honigfarbenen weichen Zellulosepaketen.

„Sie sehen nur, was sie sehen sollen“

Aber ist Einflussnahme wirklich ausgeschlossen? Er könne nicht von einem einzigen Fall berichten, erzählt einer der Prüfleiter in dem sächsischen Institut. „Sind Industriekunden hier zu Gast, werden sie so geführt, dass sie nicht zu sehen bekommen, was sie nicht sehen sollten“, erklärt er.

Das dürfte nicht einfach sein, denn in jeder Nische, hinter jeder Tür verbergen sich Prüfstände Marke Eigenbau. Vor den Türen warnen Aufkleber: Kein Handy, kein Fotoapparat, kein Herzschrittmacher. Hintendran verbergen sich für das Auge des Laien abenteuerliche Konstruktionen.

Wie etwa die Heckenscherenprüfmaschine. In einem Flachbau, in dem sich garagenähnlich Raum an Raum reiht, brummen sechs im Kreis angeordnete und auf einem Gestell fixierte Heckenscheren vor sich hin, während kleine Holzstücke beständig auf den Boden fallen. 66 Stunden lang, im Auftrag der Stiftung Warentest, um am Ende Fragen zu beantworten wie: Schneidet sie nach so vielen Stunden noch und ist sie überhaupt noch ganz?

Der Prüfstand ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. 1989 erdacht, wurde er bis heute immer weiter entwickelt. „Hier läuft alles automatisch. Nur die Hecke muss nachgefüllt werden“, erklärt der Prüfleiter über das Getöse hinweg. Die Hecke – das sind in diesem Fall acht Zentimeter dicke Buchenstäbe, vorher eingeweicht in Wasser, damit sie sich gleich einem Ast biegen lassen.

Kein Produkt ist vor einer Prüfung gefeit

Die ersten Ausfälle wie durchgebrannte Motoren oder gelöste Schrauben gibt es bei schlechter Qualität nach einer halben Stunde, erklärt der Prüfer. Unzählige Geräte hat er durch seine Versuchsanordnungen gehen sehen. Sein Urteil: „Teuer ist nicht gleich gut. Billig ist nicht gleich schlecht.“

Ein Versuch der Stiftung Warentest kostet im Schnitt 40.000 bis 50.000 Euro. Teurer wird es, wenn auch die soziale Verantwortung der Hersteller geprüft werden soll. Ein- bis zweimal im Jahr macht die Stiftung Warentest solche CSR-Tests, etwa wenn Produkte in Niedriglohnländern produziert werden, Tierschutz oder Raubbau an der Natur ein Thema sein könnten. So war es beim Thema Daunenbettdecken und Produkten, die Palmöl enthalten. „Ich bin ganz ehrlich: Würden uns die Leser die Bude einrennen, würden wir das häufiger tun“, sagt Brackemann.

Doch grundsätzlich gilt: Kein Produkt ist vor einer Prüfung der Warentester gefeit, außer vielleicht Zigaretten und harte Alkoholika. Brackemann würde gerne einmal Fertighäuser testen – wäre es nur nicht so teuer. „Wir möchten aber nichts ausschließen“, sagt der Obertester. Kein Anbieter soll sich schließlich in Sicherheit wiegen können.

 
 

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