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So schön sind die Liparischen Inseln vor Siziliens Nordküste

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gettyimages-118424373~e6d81871-a41d-4ea5-b2fb-cf2e52554467.jpg Foto: Getty Images/Hemis.fr RM
Vulkane schufen vor Siziliens Nordküste die Liparischen Inseln. Jede hat ihren eigenen Charakter und Charme – und ist eine Reise wert.

Lipari. 

Ute Krohmer verliebte sich gleich dreimal: in die Landschaft, in Guiseppe und ins Archäologische Museum. Geschehen vor über 35 Jahren auf Lipari, der größten der äolischen oder liparischen Inseln vor der Nordküste Siziliens. „1979 kam ich mit Berliner Freunden das erste Mal hierher und wäre am liebsten für immer geblieben. Ich war fasziniert von der üppigen Vegetation, der Ursprünglichkeit und davon, wie unterschiedlich die Eilande sind, obwohl sie alle von Vulkanen geschaffen wurden“, sagt die 59-Jährige.

Ein Jahr später kam sie wieder und begegnete Guiseppe. „Nun hatte ich einen Grund zu bleiben, ich bin nur noch nach Deutschland zurückgeflogen, um meine Zelte abzubrechen.“ Utes Mann ist Fischer aus Familientradition. Mit seinem Boot „Luna“ schippert er vom Hafen Marina Corta aufs Tyrrhenische Meer hinaus und fischt vorwiegend Kalmare. Hin und wieder nimmt er auch Touristen an Bord und zeigt ihnen die schroffe, zerklüftete Westküste Liparis mit ihren Felsnadeln, die wie die Lange Anna vor Helgoland steil aus dem Wasser ragen, oder schaukelt hinüber zu einer der Schwesterinseln.

Von Lipari aus fahren Tragflügelboote auf die anderen Eilande

Ute verbringt ihre Zeit lieber mit ihrer dritten großen Liebe, dem Archäologischen Museum auf dem Burgberg der 5000-Einwohner-Stadt Lipari. Dreistündige Führungen bietet sie durch die Akropolis an. Es befinden sich Werkzeuge, Waffen, Schalen, Krüge, Vasen und Schmuck hinter Glas, und Utes Vortrag lässt in jedem Raum Erstaunen aufkommen: „Das Museum spiegelt 7500 Jahre Siedlungsgeschichte wider. Seit der Jungsteinzeit war dieser natürliche Festungsberg kontinuierlich bewohnt. Damals verarbei­tete man schwarzes, scharfkantiges, aber leicht brüchiges ,Vulkanglas‘ zu Messerklingen, Äxten und Waffen. Obsidian war das ,schwarze Gold‘ der Steinzeit, und es machte Lipari reich.“ Jahrtausende später hinterlassen Griechen, Römer, Araber, Normannen und Spanier ihre Spuren auf den Liparen.

Ein steiler Treppenweg führt von der barocken Kathedrale, die dem Insel­heiligen Bartolomeo gewidmet ist, zur Via Garibaldi. Hier kehrt Ute nach ge­taner Arbeit gern mal in die Paninoteca Gilberto e Vera ein, um sich mit einem „Panino“ zu stärken und um einen guten Tropfen äolischen oder sizilianischen Wein zu verkosten. Mit 50 Sorten kann Weinkenner ­Gilberto Sciacchitano in prall gefüllten Regalen aufwarten. Es sind überwiegend Wanderer, die sich auf ihrem Weg zum Hafen mit Panini bei Gilberto eindecken. 31 Sorten Panini stehen auf Gilbertos Speisekarte. Übersetzt in 18 Sprachen. „Das Geheimnis, dass die Panini auch beim Wandern unter ­sizilianischer Sonne schön frisch bleiben und nicht durchweichen, liegt darin, dass ich sie nach dem Belegen noch einmal toaste“, sagt der 65-Jährige.

Der vulkanische Boden bringt Kapern, Wein und Kaktusfeigen hervor

Jeden Tag bringen Tragflügel- oder Motorboote Besucher von Lipari aus auf eine der anderen Inseln: ­Alicudi, ­Filicudi, Salina, Vulcano, Panarea oder Stromboli. Heute legt die „Zeffiro“ von der Marina Corta nach Vulcano, dem drittgrößten Eiland, ab. Die Fahrt ­dauert kaum 15 Minuten, denn die „heiße“ Insel ist nur knapp einen Kilometer entfernt. Hier schwitzt der Boden. Weißgelbe Gase entweichen aus Erdspalten. Die giftigen und ätzenden Fumarolen bestehen aus Kohlendioxid, Schwefel­gasen und Wasser. An ­bestimmten Stellen sprudelt auch das Meerwasser. Der Vulkan gilt als der ­gefährlichste der Inselgruppe. Die ­letzte Eruption erfolgte 1890, weshalb Vulkanologen einen neuen Ausbruch erwarten.

Der ausgeschilderte Pfad auf den 391 Meter hohen „Gran Cratere“ ist ­zunächst mit kugelförmigen Ginster­büschen bewachsen, später verläuft er steil über geröllige Aschefelder. Nach einer guten Stunde Anstieg steht man auf dem Kraterrand und blickt hinab in den runden 500 Meter breiten, teils braunschwarzen, teils von Schwefelgasen zitronengrasgrün gefärbten Höllenschlund. Zurück am Hafen wird der Geruch nach faulen Eiern noch „atemraubender“. Auf dem Weg zur Halbinsel Vul­canello passiert man ein Schwefelschlammbad. Aus dem 30 Grad warmen Fangotümpel ragen die Köpfe einiger Badender. Ein kurzes Eintauchen soll gegen Gicht und Rheuma helfen und der Haut guttun.

Am folgenden Morgen nimmt die „Zeffiro“ Kurs auf die fruchtbare Nachbarinsel Salina. Rund um den erloschenen, grün bewachsenen Monte Fossa delle Felci, mit 962 Meter die höchste Erhebung aller Inseln, wachsen Wein und Kapern. Vornehmlich ist es die Malvasia-Traube, die zu Dessertwein gekeltert wird, hatte Gilberto Sciacchitano erzählt. Der Weg von der Wallfahrtskirche Madonna del Terzito in Valdichiesa nach Rinella ist von Reben, Erdbeerbäumen, Kaktus­feigen, Granatapfelbäumen und Wermut gesäumt. Immergrüne Kapern­sträucher wuchern wie Unkraut aus Mauerritzen. Kultiviert angebaut werden sie im Örtchen Pollara. Die Ernte der grünen Knospen beginnt vor der Blüte ab April.

Ins Mekka der Schickeria, auf die luxuriöse Insel Panarea, zieht es Italiens Reiche und Schöne. Im Sommer dümpeln im Hafen die teuersten Yachten. Doch in der Vor- und Nachsaison ist es kein Problem, in der Bar da Carola eine bezahlbare kühle „Granita“ Gelsi (Maulbeeren) oder Mandorla (Mandel) zu bekommen. Das ideale Getränk nach einer schweißtreibenden Wanderung: eine Art Sorbet, ein Eis auf Wasserbasis mit Fruchtsaft und viel Zucker.

Auf Stromboli verliebte sich Ingrid Bergmann in Roberto Rossellini

Gratis gibt es den Ausblick auf den aktiven Vulkan Stromboli. Schmale Gassen, durch die Elektroautos und Mopeds sausen, schlängeln sich zwischen weißen Villen mit blauen Türen und Fensterläden durch den Hafenort San Pietro. Hier gedeihen und duften Hibiskus, Oleander und Bougain­ville noch üppiger als auf den größeren Schwestern. Über den dunklen Sandstrand Caletta dei Zimmari stapft man zur Halbinsel Capo Milazzese. 23 bronzezeitliche Hütten wurden hier vor Jahrzehnten freigelegt.

Es gurgelt und grummelt. Schon spuckt er glühende Lava. Nach wenigen Sekunden ist der Spuk vorbei. Wenn ­Iddu, Europas einziger ständig aktiver Vulkan, gut gelaunt ist, wiederholt er das Spektakel für seine Zuschauer mehrmals pro Stunde. „Iddu“ heißt „Er“. So nennen die Einheimischen ihren Stromboli. 900 steile Meter führen zum Kraterrand. Die gemächliche Variante ist ein mit Canna-Gras bewachsener Panoramaweg mit Aussichtsplattformen. Vulkankino bietet auch Roberto Acquaro auf der Terrasse seiner Pizzeria Osservatorio.

Alle Wege zu Iddu beginnen oberhalb des Hafens nahe der Bar Ingrid. Benannt nach der Schauspielerin Ingrid Bergman. Schon drei Jahrzehnte vor Ute und Guiseppe verliebte sich ein anderes Paar auf den Liparen. Während der Dreharbeiten zum Film „Stromboli – Terra di Dio“, der in den 50er-Jahren die Inseln bekannt machte, erlag die Schwedin dem Charme des italienischen Regisseurs Roberto Rossellini.

• Tipps & Information

• Anreise: Von Sizilien fahren Fähren die Inseln an. Auskunft dazu: www.siremar.it, www.usticalines.it und www.ngi-spa.it

• Pauschal: Wikinger Reisen bietet z. B. „Liparische Inseln à la carte“ an. Elf Tage ab 1465 Euro pro Person im DZ, inkl. HP und Flug. www.wikinger-reisen.de; weitere Veranstalter:
www.asi-reisen.de, www.primaklima.de, www.weltweitandern.at