Gluten, Laktose - Über den Unsinn der "bewussten Ernährung"

Alina Reichardt
Foto: Markus Weissenfels / Funke Foto Services
Laktoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit: Nur ein Bruchteil verträgt diese Stoffe tatsächlich nicht. Doch viele verzichten trotzdem. Warum?

Berlin. Die Deutschen nehmen sich selbst die Butter vom Brot. 23 Prozent verzichten unter anderem auf Gluten, Laktose, Getreide oder Nüsse, obwohl die meisten weder eine Nahrungsmittelallergie noch -intoleranz haben. Immer mehr Lebensmittel werden vorsorglich vom Speiseplan gestrichen, weil sie der Gesundheit schaden sollen. Hersteller der meist teuren „Frei von“-Lebensmittel schlagen daraus Profit. Die Wissenschaftsjournalistin Susanne Schäfer will mit ihrem Buch „Der Feind in meinem Topf?“ Vorurteile über das Essen widerlegen und warnt vor dubiosen Test- und Heilverfahren.

Sind unsere Ängste berechtigt?

Susanne Schäfer: Unter dem Strich ist unsere Nahrung heute sehr sicher. Natürlich ist es wichtig, kritisch zu bleiben. Aber generalisierte, übergroße Ängste sind nicht notwendig und können selbst zum Problem werden. Wenn manche Eltern etwa ihre Kinder auf eine Radikaldiät setzen und ihnen über lange Zeit Milchprodukte verweigern, kann es bei den Kindern zu Mangelernährung kommen.

Wie kommt es zu solchen Fehleinschätzungen?

Schäfer: Auf dem Markt tummeln sich Dutzende unseriöse Ratgeberbücher mit teils haarsträubenden Fehlern. Häufig wird da auch stark verallgemeinert, wenn etwa beschrieben wird, wie schädlich Brot oder Gluten generell seien. Für Zöliakie-Kranke trifft das zu, aber in solchen Büchern wird der Eindruck vermittelt, dass das für alle gilt. Wissenschaftlich ist das nicht haltbar.

Warum glauben viele Menschen daran?

Schäfer: Eine Rolle könnte spielen, dass auch einige Ärzte und selbst ernannte Heiltherapeuten ihr Geschäft mit diesen Ängsten machen. Ich bin zu Recherchezwecken in einige Praxen gegangen und habe unspezifische Beschwerden wie Bauchweh und Müdigkeit beschrieben. Obwohl ich das Thema nie selbst angesprochen habe, wurden mir immer neue Nahrungsunverträglichkeiten attestiert.

Ohne eines der gesicherten Testverfahren, um Unverträglichkeiten zu diagnostizieren?

Schäfer: Ja, eine Ärztin hatte sich sogar ihr eigenes Testverfahren ausgedacht. Als ich bei ihr zur Untersuchung war, musste ich zwei Stunden lang einmal pro Minute in einen Becher spucken und das Gewicht jedes Mal mit einer Küchenwaage messen. Nach einer halben Stunde bekam ich zur sogenannten Provokation einen Löffel Zucker. Allein anhand der Speichelmenge diagnostizierte sie, ich leide an einer Unverträglichkeit von Zucker. Das Ganze kostet übrigens 120 Euro.

Könnte das nicht ein Einzelfall gewesen sein?

Schäfer: Es gibt viele unseriöse Tests, mit denen angebliche Unverträglichkeiten diagnostiziert werden. Weit verbreitet ist etwa der sogenannte IgG-Test auf Nahrungsmittelallergien vom Typ III (nicht zu verwechseln mit dem medizinisch anerkannten IgE-Bluttest). Ärzte nehmen dafür bis zu 400 Euro. Aber laut der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie gibt es Nahrungsmittelallergien vom Typ III gar nicht.

Dann sollte man seinem Arzt nicht mehr vertrauen?

Schäfer: Diese Schlussfolgerung würde ich nicht ziehen, nicht alle Ärzte sind Scharlatane. Aber man sollte wachsam sein, denn es gibt durchaus Vertreter im medizinischen Bereich, die Gewinne machen wollen oder tatsächlich selbst an abwegige Testmethoden glauben. Es kann sich also lohnen, eine Zweitmeinung einzuholen oder sich zum Beispiel beim Deutschen Allergie- und Asthmabund zu informieren.

Manche informieren sich gar nicht erst beim Arzt. Warum schränken sich viele freiwillig so stark ein?

Schäfer: Viele haben Beschwerden und suchen nach einer Erklärung. Darüber hinaus ist das eine Modeerscheinung. Gesundheit wird ein immer wichtigeres Thema, es ist gesellschaftlich erwünscht, sich stark damit zu beschäftigen und dafür auch auf manches zu verzichten.

Aber das ist doch wünschenswert, dass sich viele mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen.

Schäfer: Auf jeden Fall. Ich plädiere nicht für Gleichgültigkeit, sondern für mehr Gelassenheit. Essen ist weder Bedrohung noch Allheilmittel.

Viele Lebensmittel werden dennoch als Allheilmittel verkauft.

Schäfer: Davon sollte man sich nicht beeinflussen lassen. Die Lebensmittelindustrie verkauft etwa Laktose- und Glutenfreies, als ob es für jeden gut wäre. Da steht dann drauf „Für alle, die sich bewusst ernähren wollen“, obwohl Gesunde keinen Nutzen dadurch haben.

Die Angst vor dem Essen erklären Sie auch mit Entfremdung.

Schäfer: Mit Convenience Food haben viele den Bezug zum Essen verloren, sie müssen sich darauf verlassen, dass das, was sie da fertig kaufen, auch gut ist. Bei den Deutschen herrscht aber sehr wenig Vertrauen der Lebensmittelindustrie gegenüber.

Woran liegt das?

Schäfer: Durch Lebensmittelskandale wurde viel Vertrauen verspielt. Einige Ängste gab es aber auch schon immer, da spielt auch Zivilisationskritik eine Rolle. Übergroße pauschale Ängste sind aber unnötig.0