Neun Tipps zum Umgang mit Hass und Hetze im Netz

Von Diskussionskultur häufig keine Spur: Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen sind in Kommentaren in sozialen Netzwerken häufig zu finden (Symbolfoto).
Von Diskussionskultur häufig keine Spur: Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen sind in Kommentaren in sozialen Netzwerken häufig zu finden (Symbolfoto).
Foto: Thomas Trutschel/photothek.net / imago/photothek
Diskussionen im Netz offenbaren menschliche Abgründe. Wie man auf Hassbeiträge reagiert, beschreibt Hannes Ley im Buch „#ichbinhier“.

Berlin.  Was ist Diskussionskultur? Im Internet – vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook oder in Foren – klingt Diskussion häufig so:

„Seine Eier gehören abgeschnitten. Danach in einen kleinen Käfig nur von Raubtieren umgeben, damit sie ihn (aufessen) – schön langsam Stück für Stück. Der gehört nicht in den Knast, sondern gleich in die Hölle.“

Facebook-Nutzer Mike T. schrieb diese Worte im Sommer 2017 in einem Post. Anderes Beispiel:

„Wenn sie das nächste Mal zu einer Entwicklerkonferenz geht, werden wir ihr eine Verletzung verpassen, die sie verkrüppeln wird, eine Knieverletzung vielleicht. Das ist besser als eine Kopfverletzung, die ihr Gehirn vielleicht so beschädigen würde, dass sie uns nicht mehr fürchtet.“

Ein anonymer Nutzer drohte der Spieleentwicklerin Zoe Quinn im September 2014 so auf dem Bilderbewertungsportal 4chan (beide Beispiele zitiert nach dem Buch „#ichbinhier“ von Hannes Ley). Diskussionskultur eben. Hassdurchtränkt. Wuterfüllt. Verroht. Extrem. Und: für viele unerträglich.

Hannes Ley wollte Hassbeiträge im Netz nicht mehr ertragen

Einer, der die Beschimpfungen, Bedrohungen, Beleidigungen, teils strafrechtlich relevanten Hassreden im Netz nicht länger ertragen wollte, ist der Hamburger Kommunikationsberater und Buchautor Hannes Ley. Im Dezember 2016 gründete er die geschlossene Facebook-Gruppe #ichbinhier nach dem schwedischen Vorbild #jagärhär.

Die Gruppe hat das Ziel , Diskussionskultur im Netz zu verbessern. Sie will konstruktiven Dialog fördern, ohne anderen eine Meinung zu diktieren. Sie will Hetzern im Netz ohne Hass, ohne Fake News , ohne Gegenhetze, ohne Abfälligkeit begegnen.

Dafür wurde #ichbinhier im Sommer 2017 sogar mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet . Anfang 2018 veröffentlichte Hannes Ley die Geschichte der Gruppe als Buch („#ichbinhier. Zusammen gegen Fake News und Hass im Netz“, Dumont, 206 Seiten).

„Jede positive Stimme macht das Klima besser“

Die Gruppenmitglieder – heute mehr als 37.000 – diskutieren in Kommentarspalten bei Facebook mit. So wollen sie Diskussionskultur verändern. Counterspeech – Gegenrede – nennt sich das Prinzip. „Wir glauben, dass Fakten, Mut und Freundlichkeit stärker sind als Gerüchte, Angst und Hass. Und dass jede einzelne positive Stimme das Klima besser macht. Viele positive Stimmen erst recht!“, schreibt Ley in seinem Buch.

Darum ist das Hate-Speech-Gesetz so umstritten

Darin beschreibt Ley auch, wie es überhaupt zum Verfall der Diskussionskultur im Netz kommen konnte. Er erklärt die Arbeitsweisen von Trollen und Bots, was eine Filterblase ist, wie Facebook und Google arbeiten, wie undurchschaubar ihre Algorithmen sind und wie alles zusammen die Verbreitung von falschen Behauptungen und Hass im Netz fördert.

Diese neun Schritte helfen gegen Hasskommentare

Und er gibt unter dem Kapitel „Erste Hilfe bei Hasskommentaren“ auch konkrete Handlungsanweisungen, wie Facebook-Nutzer reagieren können, wenn sie über einen Hate-Speech-Beitrag stolpern:

  • Der einfachste, aber nicht immer erfolgreiche Weg: Meldung bei Facebook. Hassbeiträge bei Facebook zu melden. Klickt man auf die drei Punkte am oberen Rand eines Beitrags, öffnet sich ein Dialogfeld. Dort lässt sich der Beitrag entweder direkt melden oder der Nutzer wird zunächst aufgefordert, Feedback zu dem Beitrag zu geben, bevor die Meldung erfolgen kann. Facebook muss den Beitrag nun überprüfen, gegebenenfalls sogar löschen. Allerdings führt eine Meldung bei Facebook nicht immer zur zufriedenstellenden Reaktion des Unternehmens.
  • Anzeige erstatten bei der Polizei: Verleumdung, Menschenverachtung, Rassismus, Volksverhetzung, Morddrohung – manchmal sind die Inhalte von Hass-Postings sogar strafrechtlich relevant. Sicher beurteilen kann ein Laie das nicht. Dennoch sollte man im Zweifel den Gang zur Polizei oder zur Staatsanwaltschaft nicht scheuen. Wichtig: Screenshots als Nachweis, der Link zum Beitrag, der Nutzername sowie Datum und Uhrzeit. Strafanzeigen können auch online bei der jeweiligen Landespolizeibehörde gestellt werden.
  • Hate-Speech in Spenden gegen Rechts umwandeln: Wer Hassbeiträge im Netz bei der Initiative „Hass hilft“ meldet, erreicht damit, dass Organisationen und Vereine, die sich gegen Rechtsextremismus oder in der Flüchtlingshilfe stark machen, finanziell unterstützt werden . Für jede gemeldete Hassnachricht wird ein Euro an die entsprechenden Initiativen gespendet.
  • Diskussionen mit Trollen, Infokriegern und Bots vermeiden: Trollen geht es nur darum, zu provozieren. Infokrieger wollen die vermeintliche Wahrheit über Reptiloiden in Regierungskreisen, die Erde als Scheibe und andere abstruse Ideen und Theorien ans Licht bringen. Bots sind kleine Programme, die automatische Antworten verbreiten. Sie alle haben gemeinsam: Es hat keinen Sinn, mit ihnen zu diskutieren, weil sie sich nicht überzeugen lassen wollen oder – im Falle der Bots – überzeugen lassen können.
  • Ansichten der „normalen“ Hassschreiber respektieren: Wer sich auf Diskussionen mit den Verfassern von Hassbeiträgen einlässt, sollte sich im Klaren darüber sein, dass man vor allem eines braucht: Geduld. „Sie wollen ihren Hass herauskotzen und beharren auf ihrem Standpunkt“, schreibt Hannes Ley. Wichtig sei es deshalb zunächst, seinen Diskussionspartner zu verstehen – und seine Ansichten zu respektieren, auch wenn man sie nicht teilt.
  • Testen, ob Gesprächsbereitschaft vorhanden ist: „Haben Sie schon mal schlechte Erfahrungen gemacht?“ oder „Was genau meinen Sie jetzt damit?“ – So könnte eine Diskussion beginnen. Versucht der Hassschreiber, darauf zu antworten, wenn auch auf radikale Weise, ist ein Anfang gemacht. Wer darauf keine Antwort gibt oder einfach weiter schreit, ist an Dialog nicht interessiert. Seine Energie sollte man sich dann lieber für den nächsten potenziellen Diskussionspartner aufsparen.
  • Gewisse Gesprächsgrundlagen beachten: Es gibt ein paar Dinge, die man auch bei der Diskussion mit Hassschreibern unbedingt einhalten sollte. Am wichtigsten: dem Gesprächspartner auf Augenhöhe zu begegnen. Wer sein Gegenüber nicht ernst nimmt, sich über seine Ansichten oder schlechte Rechtschreibung lächerlich macht, besserwisserisch gibt oder mit Ironie antwortet, hat von Anfang an verloren. Auf keinen Fall sollte man sich zudem dazu provozieren lassen, zurückzupöbeln und zu beleidigen. Das führt nur zu verhärteten Fronten.
  • Fragen statt Fakten: Ebenfalls nicht ganz leicht ist es, sich mit Fakten zurückzuhalten, wenn man zu wissen glaubt, im Recht zu sein. Wird der Hassschreiber aber mit Fakten und Gegenargumenten überschüttet, wird er sich bloßgestellt fühlen und nicht diskussionsbereit sein. „Mit Fragen kommt man deutlich weiter“, rät Hennes Ley. Fakten dürften nicht als Waffen genutzt, sondern sollten ergebnisoffen präsentiert werden.
  • Sich selbst schützen: Die Diskussionen auf Facebook können viele Abgründe in Menschen offenbaren, warnt Hannes Ley. „Die Beendigung einer Diskussion ist eine gute, eine wichtige Option, wenn es einem zu viel wird“, rät der Autor. Man sollte früh die Notbremse ziehen, also bevor es an die eigene Psyche geht. Auch Nutzer zu blockieren, wenn die verbalen Angriffe zu krass werden, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern manchmal durchaus angebracht. In besonders heftigen Fällen, etwa bei Drohungen, kann auch eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll sein. Und: Nicht nur auf die eigene Gesundheit sollte man achten, sondern auch darauf, nicht zu viel von sich preiszugeben. „Wer etwas von sich preisgibt, seine Adresse etwa, seinen Beruf, seinen Arbeitgeber oder etwas von seiner Familie erzählt, macht sich und seine Liebsten angreifbar“, schreibt Ley.
 
 

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