Junge Union Münster löst mit Foto vor Reichsflagge Shitstorm aus

Der Vorstand der Jungen Union in Münster präsentiert sich auf Facebook vor der bundesdeutschen Nationalflagge - und der alten Reichsflagge.
Der Vorstand der Jungen Union in Münster präsentiert sich auf Facebook vor der bundesdeutschen Nationalflagge - und der alten Reichsflagge.
Foto: Facebook/Junge Union
Mit dem Foto ihrer jüngsten Weihnachtsfeier hat die Junge Union in Münster einen Shitstorm auf Facebook ausgelöst. Auf dem Bild präsentieren sich die Nachwuchspolitiker in den Räumen einer Studentenverbindung und vor der Deutschen Reichsflagge. Nicht zum ersten Mal.

Münster.. Mit einem Gruppenbild vor dem Hintergrund der Deutschen Reichsflagge hat der Vorstand der Jungen Union in Münster für eine Welle der Entrüstung im Internet gesorgt. Das Bild zeigt elf Mitglieder des jüngst gewählten Vorstands, die sich mit "JU"-Transparent der Kamera präsentieren - sechs Damen und fünf Herren, aufgenommen bei der jüngsten Weihnachtsfeier in dieser Woche.

Geleerte Bierkrüge auf dem Foto deuten darauf hin, das die Feier feucht, möglicherweise gar fröhlich war. Doch den abgebildeten christdemokratischen Nachwuchspolitikern ist das Lachen inzwischen vergangen, sagt Christoph Sluka, stellvertretender Kreisvorsitzender der JU in Münster. Er ärgert sich über die vielen "Beleidigungen", die aus Sicht der JU aber unbegründet sind. So hat das auf Facebook veröffentlichte Bild mittlerweile einen Shitstorm ausgelöst und in kürzester Zeit (Stand Freitagmittag) mehr als 1400 Kommentare provoziert. Fast 1500-mal wurde das Foto bereits geteilt. Die wenigsten Betrachter kommentieren es freundlich.

"Nächstes Jahr feiern sie dann unter der Hakenkreuzfahne"

"Die JU bekennt sich mit diesem Foto zum undemokratischen und unparlamentarischen Kaiserreich", schreibt etwa einer der zahlreichen Kritiker. "Nächstes Jahr feiern sie dann unter der Hakenkreuzfahne", unkt ein weiterer. "Da weiß man, wie blöd die JU in Münster ist", kann der Münsteraner CDU-Nachwuchs unter dem umstrittenen Foto lesen. Eine Facebookerin findet das Bild "einfach nur widerlich".

Weil die Reaktionen rasch zur Woge der Entrüstung wurden, hatte man das Bild zwischenzeitlich um einen Hinweis ergänzt. "Um Missverständnissen vorzubeugen: Die JU Münster hat in den Räumlichkeiten des VDSt Münster getagt, der wiederrum schwarz-weiss-rot als Verbindungsfarben führt". Geholfen hat es nicht. Die Entrüstung schwoll zum Shitstorm an, den Christoph Sluka nach wie vor nicht nachvollziehen kann: "Die historischen Überschneidungen" der Flagge, mit der sich der örtliche "Verein Deutscher Studenten" schmückt, "sind uns bewusst", sagt er. Viele derer, die sich nun aufregen, würden das Foto jedoch "bewusst falsch verstehen". Ist das ein passendes Argument?

JU Münster zeigt sich nicht zum ersten Mal mit Reichsflagge

Es ist nicht das erste Mal, dass der örtliche CDU-Nachwuchs vor der Reichsflagge posiert. Bereits im Sommer hatte das Bild-Dokument einer ähnlichen Versammlung im Internet Wirbel ausgelöst und die JU-Verantwortlichen im August zu einer Erklärung genötigt. Die zeigten sich darin "entsetzt" über eine "ins Leben gerufene Hetzjagd", für die sie vor allem "linke und linksradikale Gruppen und Einzelpersonen" verantwortlich machten. Sogar Mordaufrufe hätte es gegeben, heißt es in der Erklärung. Anlass der Entrüstung war das Foto einer Feier, die ebenfalls in den Räumen der Studentenverbindung war und wieder im Hintergrund die Reichsflagge zeigte.

Was an dem im August veröffentlichten Bild auffällt: Die JU-Politiker hatten erkennbar im selben Zimmer gefeiert, die Flagge aber schmückte auf dem Foto eine andere Wand. Das erneute Posieren vor dieser Flagge bei der Weihnachtsfeier wäre also vermeidbar gewesen. Allein, die JU sah keinen Grund, erneuten Ärger zu vermeiden: "Das war die beste Stelle für das Foto", sagt Christoph Sluka mit Blick auf das jüngste Gruppenbild. Zumal doch die deutsche Nationalflagge im Hintergrund neben der alten Reichsflagge hängt: "Das ist doch eine klare Botschaft", meint Sluka.

Die Reichsflagge gehört nicht zu den verbotenen Symbolen

Für den Rechtextremismus-Forscher Fabian Virchow, Professor an der Fachhochschule Düsseldorf, deutet das Bild jedoch auf fehlende historische Sensibilität der JU-Mitglieder hin. Die Flagge war mit der Reichsgründung 1871 Nationflagge des Deutschen Reiches und war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten noch für zwei Jahre, von 1933 bis 1935, parallel zur Hakenkreuz-Flagge die "Handels- und Nationalflagge". Heute würden sich jedoch auch Neonazis dieser Flagge bei Kundgebungen dieser Reichsflagge bedienen, bestätigt ein Sprecher des NRW-Verfassungsschutzes. Der Grund ist schlicht: Die Reichsflagge ist nur in Verbindung mit bestimmten Symbolen darin verboten. Die Flagge in Münster trägt diese Symbole offenbar nicht.

Gleichwohl stellt sich für Virchow die Frage, wieso sich eine Studentenvereinigung heute noch mit dieser Flagge schmückt. Einige Studentenschaften in Deutschland, insbesondere in der "Deutschen Burschenschaft" organisierte, sind wegen ihrer Nähe zum Rechtsextremismus in der Kritik. Inwieweit das auch für die Münsteraner Studentenverbindung gilt? Auf dem eigenen Internetauftritt heißt es knapp: "Das politische Spektrum unserer Mitglieder ist breit gefächert". Weiter ist zu lesen: "Radikale Positionen -ganz egal ob aus der rechten oder der linken Ecke- lehnen wir ab".

Studentenverbindung sieht die Flagge als "Symbol der nationalen Einigung"

Details zur Verwendung der Reichsflagge finden sich auf der Seite der Dachorganisation der Studentenvereinigung, des VVDSt: "Die Farben schwarz-weiß-rot entstanden aus dem preußischen schwarz-weiß und dem rot-weiß der Hansestädte und wurden erstmals 1866 vom Norddeutschen Bund als Bundesfahne angenommen. 1871 wurden sie Nationalfarben des neugegründeten Deutschen Reichs. Die Vereine Deutscher Studenten führen diese Farben, als Symbol der nationalen Einigung von 1871, bis heute als Verbindungsfarben, ohne das dadurch eine bestimmte politische oder weltanschauliche Grundhaltung zum Ausdruck gebracht werden soll."

Bleibt die Frage, welche Ziele der Verein Deutscher Studenten im Allgemeinen verfolgt. Während der VVDSt auf seiner eigenen Website zwar mit einem Link auf "Positionen und Ziele" verweist, finden sich dahinter allerdings nur "Ziele", darunter die Verpflichtung zu "Toleranz" und "Demokratie". Das Stichwort "Positionen" wird nicht näher erläutert.

Reichsflagge als "Verweis auf völkischen Nationalismus"?

Als "Positionen" der Vereinigung listet wiederum die Online-Enzyklopädie Wikipedia Punkte auf, die die Verwendung der Reichsflagge in einem anderen Licht zeigen: Dort heißt es unter anderem, die Burschenschaftler sollten sich auch "für die unveräußerlichen und unverletzlichen Menschenrechte sowie die Rechte ethnischer Minderheiten in ihrer angestammten Heimat (...)" einsetzen. Für den Rechtsextremismusforscher Fabian Virchow wäre das kein unumstrittener Passus: "Damit könnte man die Verwendung der Reichsflagge auch als Verweis auf völkischen Nationalismus interpretieren", die ganz im Sinne rechtsextremer Ideologie jedem Volk seinen Platz auf der Welt zuspricht - aber eben nur in der 'angestammten Heimat'.

Wie auch immer, die Facebook-Nutzer feuern munter weiter: "Ihr habt vergessen, den rechten Arm auszustrecken", schreibt einer. Und eine andere Kommentatorin fragt ganz pragmatisch: "Habt Ihr nur eine Wand im Zimmer gehabt?"

In den Kommentaren mitdiskutieren will Christoph Sluka aus dem Vorstand der Jungen Union in Münster unterdessen nicht. Den Ärger, sagt er, habe man letztlich in Kauf genommen: "Hätten wir uns diesmal ohne diese Flagge fotografieren lassen", hätte man sich den politischen Gegnern vor Ort, die die Junge Union im Sommer bereits so sehr wegen eines Fotos angegriffen hatten, gefügt. Sluka: "Das hätten wir als Zurückstecken empfunden".

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