HD liegt in der Luft

Mit einer neuen Technologien wird es erstmals möglich, hochauflösende Bilder im Wohnzimmer drahtlos zu übertragen.

Ein Ausflug durch die Hallen der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, die Anfang Januar stattfand, ergab vor allem einen Trend im Bereich der Heimunterhaltung: Riesige Racks mit Fernsehern, Hifi-Anlagen und Abspielgeräten sind out, Flachbildschirme, die direkt an der Wand montiert werden, hingegen äußerst in. Doch so elegant diese dünnen Displays auch wirken mögen – das ästhetische wie logistische Problem der möglichst unauffälligen Kabelführung bleibt bestehen. Eine Hand voll Firmen ist derzeit dabei, die Störung in der schönen neuen Heimkinowelt zu beheben: Sie setzen auf Drahtlostechnk, die zumindest einen Teil dieser Kabel ersetzen könnte.

Drahtlos mit höchster HD-Auflösung

SiBeam zeigte auf der CES einen Chipsatz, mit dem sich hochauflösende Bilder samt Ton von einem Abspielgerät an den Fernseher übertragen lassen. Die Technologie macht es möglich, den Fernseher an die Wand zu hängen und den Zuspieler etwas entfernt im gleichen Zimmer zu platzieren – und zwar gerne auch gut versteckt und einige Meter daneben. In ihrer Demonstration zeigte die Firma, wie der Bildschirm mit einer Datenrate von zwei Gigabit pro Sekunde mit Signalen beschickt werden konnte – schnell genug für die zweithöchste HD-Auflösung 1080i. Die ersten kommerziellen Drahtlosbauteile von SiBeam sollen jedoch noch besser werden. Mit einer Geschwindigkeit von vier Gigabit pro Sekunde ließe sich dann auch die höchste Auflösung 1080p übertragen.

Dank WLAN und Bluetooth kennt heutzutage nahezu jeder Computerbenutzer drahtlose Netzwerktechnik. Doch beide Technologien wurden nicht dafür geschaffen, derart hohe Datenraten zu übertragen, wie sie bei hochauflösendem Fernsehen notwendig wären, wie John Marshall, Vertriebschef bei SiBeam, erläutert, der auch dem Industriekonsortium Wireless HD vorsteht, das derzeit erste Standards erarbeitet.

Jede Menge Bandbreite

Im Gegensatz zu WLAN, das im 2,4-Gigahertz-Band funkt, nutzt Wireless HD den Bereich um 60 Gigahertz. Dieser ist derzeit noch unbelastet und bietet jede Menge Bandbreite. Deshalb kann Wireless HD über ein breites Segment übertragen (zwischen 59 und 66 Gigahertz) und so die Datenrate erhöhen. Allerdings bedeutet die Nutzung des 60-Gigahertz-Bandes auch einige technische Herausforderungen: Dazu gehört, dass Objekte wie Wände oder auch die Nutzer selbst Signale auf diesen Frequenzen absorbieren. Das heißt, dass sich die Bildqualität allein dann schon verringern würde, wenn eine Person zwischen Display und Zuspieler tritt. SiBeam löste das Problem, indem ein Funksender verwendet wird, der die Richtung der Abstrahlung kontrollieren kann. Im Gegensatz zu WLAN, wo normalerweise in alle Richtungen gesendet wird, schickt das SiBeam-System so möglichst gerichtet Daten zwischen zwei Geräten hin und her. Das ergibt eine Art "drahtlosen Draht". Außerdem können die verbauten Antennen-Arrays das Signal über verschiedene Wege lenken. Um sicherzustellen, dass die Verbindung nie unterbrochen wird, kann die Software nahezu verzögerungsfrei auf einen anderen Funksignalweg umschalten. "Der Richtungswechsel dauert weniger als eine Millisekunde", sagt SiBeam-Technikchef Jeff Gilbert.

Massenproduktion gestartet

Eine weitere Herausforderung ist die möglichst kosteneffiziente Produktion des Chips. Bislang werden zur Übertragung in einem Frequenzspektrum wie 60 Gigahertz Funkkomponenten aus Halbleitermaterialien wie Gallium-Arsenid verwendet. Das hat zwar elektrische Vorteile, ist aber in der Massenproduktion noch teuer. Baut man ein solches Design aber im billigeren Silizium nach, entsprechen die gewünschten Eigenschaften nicht mehr denen der teureren Materialversion. SiBeam wendete sich deshalb an Bob Brodersen, einen Elektrotechniker von der University of California in Berkeley, der auch im Verwaltungsrat der Firma sitzt. Sein Team hat ein Design entwickelt, mit dem derart leistungsfähige Funksender auch aus Silizium hergestellt werden können. SiBeam hat gerade die Massenproduktion mit Hilfe von Standardherstellungsprozessen gestartet.

Der Fortschritt bei der 60-Gigahertz-Chiptechnik habe sich schneller vollzogen, als die meisten Industriebeobachter gedacht hätten, heißt es von Experten. "Das ist ein eher esoterischer Teil des Spektrums", meint Brian O'Rourke von der Marktforschungsfirma In-Stat. Er habe gedacht, dass die Lösung länger dauern würde. Allerdings funktioniert die Technik nur in einem einzelnen Raum – muss das 60-Gigahertz-Signal durch die Wand, schwächt es sich zu stark ab. Diese reduzierte Datenrate führt dazu, dass die Bildqualität leidet.

Erste Produkte noch in diesem Jahr

SiBeam gehört nicht zu den einzigen Firmen, die sich auf dem Feld der drahtlosen HD-Übertragung betätigen. Der Konkurrent Pulse-Link demonstrierte ebenfalls eigene Chips auf der CES, die in Endkundenprodukten bis Ende des Jahres verfügbar sein sollen. Auch hier wird die Bandbreite gesteigert, indem höhere Frequenzen verwendet werden – in diesem Fall 3,5 bis 4,7 Gigahertz. Deren Reichweite ist größer als die des 60-Gigahertz-Bandes. Somit könnte die Technik zur Vernetzung eines gesamten Heims verwendet werden, wie Firmengründer und Technologiechef John Santoff meint. Allerdings ist die Bandbreite in diesem Bereich auch geringer – an SiBeam kommt Pulse-Link nicht heran. Etwas mehr als ein Gigabit pro Sekunde sollen aber drin sein. Um den Verlust auszugleichen, hat die Firma eine Software entwickelt, die HD-Video komprimiert und dann auf Empfangsseite wieder auspackt. Auch die Kombination mit drahtgebundenen Systemen wird unterstützt – eine Mediabox, die ihr Signal über ein Internet-Koaxialkabel erhält, könnte es dann drahtlos zum Fernseher schicken.

Die ersten Wireless HD-Produkte sollen noch in diesem Jahr verfügbar sein. Dennoch dürften sie den Heimkinomarkt erst schrittweise erobern, wie Beobachter meinen. "Die große Frage, die ich mir stelle: Wie groß ist der Leidensdruck in Sachen Kabel beim Kunden wirklich?", meint O'Rourke. Anfangs werde die Technik nämlich teuer sein.

Hersteller wie Panasonic wollen sie in ihre High-End-Produkte stecken, bei denen die Preisempfindlichkeit geringer ist. Je nach Kundenzuspruch soll Wireless HD dann auch in Produkte aus dem mittleren und unteren Segment verbaut werden, was allerdings noch einige Jahre dauern könnte.

Die Hersteller bleiben jedoch optimistisch. Santoff von Pulse-Link meint, dass die Leute idealerweise eine drahtlose Vernetzung anstrebten. "Wer mag denn ein Rattennest voller Kabel hinter dem Unterhaltungszentrum? Die Leute wollen die Geräte in die Steckdose stecken und sie dann intelligent und drahtlos miteinander verbinden. Dahin bewegt sich die Industrie."

 
 

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