Die To-Do-Liste gehorcht aufs Wort

Neue Online-Terminplaner setzen auf die Bedienung mit Hilfe natürlicher Sprache, um den Nutzern bei ihrer Selbstorganisation zu helfen.

Das Problem mit Aufgabenlisten und Terminkalendern war schon immer, dass man sie auch konsequent führen muss. Eine neue Generation kostenloser Online-Planungshilfen soll diese Quälerei nun vereinfachen. Die Web 2.0-Anwendungen lassen sich mit natürlicher Sprache bedienen – sie interpretieren das vom Nutzer getippte (oder gar gesprochene) Wort, um die persönlichen Organisationshilfen mit korrekten Daten zu füllen. Wildes Geklicke fällt weg.

Die vielleicht einfachste Lösung unter den neuartigen Internet-Organizern ist Presdo, das seit Ende April verfügbar ist und Nutzern helfen will, geschäftliche Meetings und andere Treffen zu planen. In Anlehnung an Google ist die Homepage der kalifornischen Firma so simpel, wie es nur geht: Sie enthält kaum mehr als ein Eingabetextfeld. Tippt man dort auf Englisch "Brunch mit Margarete am Samstag" ein, übersetzt Presdo dieses Kommando in vom Server verständliche Daten und bringt den Nutzer auf eine Seite, auf der man dann die genauen Details festzurren und sich mit anderen verabreden kann.

Durch die Nutzung natürlicher Sprache müsse der Nutzer sich nicht mehr an strikte Zeitangaben und Daten halten, meint Presdo-Gründer Eric Ly. Wenig präzise Angaben wie "nächsten Monat", die sich in einem normalen Kalender nicht nutzen lassen, ohne ein bestimmtes Datum inzustellen, werden von den neuen Organisationshilfen akzeptiert. So kann der Nutzer flexibel bleiben, so lange er möchte.

"Es gibt kein einziges Widget in unserem System, das wie ein Kalender aussieht", sagt Ly. Das sei Absicht: "Wir wollten es wirklich einfach für die Nutzer machen, sich bei der Dateneingabe so auszudrücken, wie sie es auch im menschlichen Miteinander tun." Die Interpretation natürlicher Sprache sei grundsätzlich flexibler als starre Kalenderblätter.

Meldet man sich bei Presdo an, sammelt die Seite automatisch auch noch zusätzliche Informationen über die Nutzung, um bessere Entscheidungen darüber treffen zu können, was der Nutzer genau meinen könnte. Dann werden ihm beispielsweise stets Restaurants in der Nähe seines Lieblingsortes vorgeschlagen oder bereits verwendete E-Mail-Adressen von einem älteren Eintrag neuerlich vorgelegt.

Doch die Übersetzung der Launen, die unsere Sprache kennt, in für den Rechner verständliche Datensätze ist kein einfach zu lösendes Problem. "Eine Sache, die ich dabei festgestellt habe, ist, wie merkwürdig die Leute doch eigentlich reden", meint Rael Dornfest, Entwickler des Online-Assistenten IWantSandy, der ebenfalls auf einfache textbasierte Interaktionen setzt, um Kalendereinträge, Aufgabenlisten und Erinnerungen entgegen zu nehmen und zu speichern. "Ein typisches Beispiel: Wenn ich "nächste Woche" sage, meine ich dann die kommende Woche oder die Woche darauf? Das Problem liegt nicht in der Analyse dieser Aussage, sondern darin, dass man auf diese Fragen bei jedem Menschen die unterschiedlichsten Antworten bekommt."

IWantSandy, benannt nach der echten Assistentin von Verleger und Internet-Guru Tim O'Reilly, kann E-Mails, Textbotschaften und Twitter-Nachrichten intelligent interpretieren. Dornfest nennt den Sandy-Algorithmus "der natürlichen Sprache ähnlich". Es handelt sich also um Englisch mit einigen zusätzlichen Schlüsselbegriffen, damit Sandy erkennen kann, um welche Aufgabe es geht. "Erinnern" oder "etwas behalten" erstellt eine automatische Erinnerungsbotschaft per E-Mail oder SMS, ein "@todo" neben der Eingabe sorgt dafür, dass die Information in der Aufgabenliste landet.

Durch die Verwendung von Standard-Kommunikationsmitteln wie E-Mails und SMS zur Interaktion mit Sandy soll ihre Verwendung besonders einfach sein – niemand müsse viel darüber nachdenken, eine neue Schnittstelle zu lernen. "Viele Dinge, die Sandy entgegen nimmt, landen niemals in einem echten Kalender, weil das einfach zu viel Stress wäre", meint Dornfest. Die meisten Organisationssysteme unterbrechen seiner Meinung nach den Arbeitsfluss. "Sie versuchen, uns dazu zu bringen, einen Moment lang etwas anderes zu tun und dann darf man dann damit weitermachen, was man eigentlich wollte."

Ein anderes neues Programm, genannt reQall, stammt von der indischen Firma QTech aus Hyderabad. Es erweitert die Idee von IWantSandy noch deutlich: Jeder Nutzer erhält eine kostenlose Rufnummer, die er anrufen und bei der er Nachrichten hinterlassen kann. Außerdem sind alle möglichen Textformate nutzbar – egal ob E-Mail oder Webeingabefeld. Eine Spracherkennungssoftware ergänzt um kostengünstige Stenotypisten im indischen Call Center sowie neuartige Algorithmen zur Interpretation natürlicher Sprache filtern die Datenfülle dann. Es entstehen Erinnerungshilfen, die man sich wiederum über alle möglichen Kommunikationswege zustellen lassen kann.

"Wenn ich sage "erinnere mich daran, morgen eine Wassermelone zu kaufen", dann werde ich nicht heute darüber informiert", sagt QTech-Gründer Sunil Vemuri, der die Idee als Doktorand am MIT Media Lab hatte. "Das System interpretiert den Satz und setzt ihn in den korrekten Zusammenhang. Ein Teil der kognitiven Last fällt so weg – also die Idee, die man gerade hatte, gleich auch noch zu organisieren."

Weder Presdo noch IWantSandy noch reQall haben bislang ein echtes Geschäftsmodell. Überlegt wird unter anderem, Gebühren für Premium-Zugänge mit Zusatzfunktionen zu verlangen. Bis dahin bleiben die Anwendungen jedoch kostenlos.

Die plötzliche Popularität von Organisationshilfen, die sich mit Hilfe von Textbotschaften steuern lassen, ist Teil eines größeren Trends. Seit zwei Jahrzehnten setzte Software vor allem auf grafische Schnittstellen mit visuellen Elementen wie Fenstern und Icons. Doch Google ist nicht die einzige Firma, die derzeit hauptsächlich auf simple Texteingaben setzt. Die Kommandozeile scheint ein Comeback zu feiern – und die Nutzung von natürlicher Sprache hilft dabei, sie auch für Nichttechniker bedienbar zu machen. "Es wird immer mehr Anwendungen geben, die nicht mehr so monolithisch sind. Man gibt da dann einfach ein paar kurze Sätze ein", meint Dornfest.

 
 

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