Das Wolken-Windows

Der Softwareriese Microsoft hofft, einmal mehr seine Wettbewerber zu überholen - diesmal mit einem neuen Betriebssystem, das die Möglichkeiten des Cloud Computing voll ausnutzt.

Keine große Technologiefirma scheint unter Wettbewerbsbedingungen so gut zu gedeihen wie Microsoft. Egal ob der böse Konkurrent nun Apple mit seiner grafischen Benutzeroberfläche, Novells Netware-Netzbetriebssystem oder der Internet-Browser Netscape Navigator war – in all diesen Fällen begegnete der Softwareriese der Herausforderung, in dem er die technische Richtung einfach zu seinen Gunsten umdrehte. Seit dieser Woche ist bekannt, das ein solcher Wechsel erneut bevorsteht: In Form eines neuen Betriebssystems, das das Paradigma des Cloud Computing umsetzen soll. Was bislang unter dem Codenamen "Windows Cloud" durch die Fachmedien geisterte, hat seit dieser Woche einen offiziellen Namen: "Windows Azure".

Microsoft-Boss Steve Ballmer hielt sich zunächst bedeckt zur neuen Strategie und erwähnte die Technologie in diesem Monat bei zwei Auftritten in Europa nur am Rande, ohne auf wirkliche Details einzugehen. Sonst ließ er Amitabh Srivastava, Leiter des Bereiches Cloud Computing bei Microsoft, sprechen. Der sagte kürzlich, das geplante Betriebssystem-Vorhaben sei "riskant" – eine erstaunliche Aussage, wenn man bedenkt, dass der Manager zuvor für das verspätete und bei vielen Nutzern immer noch ungeliebte Windows Vista maßgeblich verantwortlich war.

Cloud Computing ist ein aktuell extrem heißer Trend in der IT-Branche. Die Cloud, zu Deutsch: Wolke, besteht dabei aus dem Zusammenschluss einer großen Anzahl von Standard-PCs, die sich gemeinschaftlich wie ein einzelne, leistungsstarke und verteilt angeordnete Rechenplattform verhalten. Eine Anwendung, die in dieser Wolke läuft, lässt sich leichter für ein größeres Publikum skalieren und ist aufgrund der Verteilung insgesamt weniger ausfallanfällig. Ein entsprechendes Netz kann aus Zehntausenden Rechnern bestehen, die im gesamten Internet stehen und die gewünschten Anwendungen jeweils auf dem nächstgelegenen, am wenigsten belasteten Server ablaufen lassen. Die anbietbaren Services sind breit – von einem einfachen Web-Server-Dienst bis hin zu einem virtuellen Desktop-Rechner, den man mit einem simplen Client oder einen Web-Browser ansprechen kann.

Googles zahlreiche Web-Anwendungen laufen in einer Cloud, die höchstwahrscheinlich aus mehr als 100.000 Knoten besteht (wie viele es genau sind, sagt das Unternehmen nicht). Dutzende weitere große und kleine Firmen arbeiten an ähnlichen Infrastrukturen, in der Hoffnung, damit Geld und Energie zu sparen und trotzdem Zugriff auf leistungsfähige Anwendungen zu erhalten. Einige Forscher sehen im Cloud Computing bereits den Nachfolger der gesamten aktuellen IT-Landschaft vom Desktop-PC bis zum Großrechner.

Unter den vielen Fragen, die es zu Windows Azure gibt, sticht dabei eine besonders hervor: Wie ernst nimmt Microsoft selbst ein solches Betriebssystem? Mit dem Projekt vertraute Quellen meinen: sehr. Ray Ozzie, Chief Software Architect des Konzerns und damit direkter Nachfolger von Bill Gates, beschrieb Windows Azure in seiner Keynote auf der Professional Developers Conference (PDC 2008) am Montag in Los Angeles als "Wendepunkt für Microsoft". Die neue Plattform, die auf allen Servern gehostet werden soll, die sich in Microsofts weltweitem Netzwerk von Datenzentren befinden, werde die Grundlage für den Wandel von reiner Software hin zu Software plus Service via Internet darstellen. Der Konzern will dazu auch eine Reihe neuer Datenzentren in den USA und Europa bauen oder erweitern.

"Die Cloud-Sachen sind nicht nur ein weiteres Produkt im Enterprise-Segment", erklärt ein Microsoft-Insider, der anonym bleiben möchte, "es wird auf alles, was wir tun, Einfluss haben, auf alle Produktgruppen. Sowohl das Endkundengeschäft als auch der Bereich der Geschäftskunden müssen herausfinden, wo sie in das Wolken-Paradigma passen". Einmal mehr ist Microsoft hier allerdings nicht der erste auf dem Markt. Will er trotzdem dominieren, muss er schnell sein. "Der Wechsel hin zum Cloud Computing entspricht dem Schritt hinein ins Internet in den späten Neunzigern. Auch das veränderte die Richtung der Firma und betraf alles, was wir damals taten", so der Insider.

Das bekannteste Cloud-Betriebssystem mit öffentlichem Zugriff ist bislang die "Elastic Compute Cloud" (EC2) des E-Commerce-Konzerns Amazon, die seit kurzem auch Windows Server-Anwendungen akzeptiert. "EC2 hat deshalb so viel Eindruck hinterlassen, weil es ein echtes Pay-as-you-go-Modell ist und wirklich billig angeboten wird", meint Armando Fox, Professor für Computerwissenschaften an der University of California, Berkeley. Ein anderer wichtiger Grund für den Erfolg: Die Verfügbarkeit freier Virtualisierungstechnologien wie das Linux-Betriebssystem und die Virtualisierungsplattform Xen. Diese erlauben Amazon, virtuelle Versionen eines Rechners an den Kunden zu verkaufen und ihn über zahlreiche Maschinen zu verteilen, sollte das notwendig sein.

Bis jetzt setzen die meisten Cloud-Systeme auf Linux oder Unix. "Die Virtualisierungstechnologie unter Windows ist wesentlich unausgereifter, besonders wenn es darum geht, mehrere Kopien des Systems effizient auf einen einzelnen Server zu packen", meint Fox. "Und das Ökosystem ist wesentlich eintöniger als bei Linux." Windows Azure könnte das ändern. So will Microsoft laut Ozzie die unterschiedlichsten Plattformen unterstützen, etwa .NET-Anwendungen, aber auch Programme auf Basis des Eclipse-Frameworks oder Anwendungen in der Web-Sprache PHP. Diese ließen sich einfach publizieren und dann unter einer Internet-Adresse abrufen, sagte er.

Konkurrenz kommt jedoch nicht nur von Internet-Riesen wie Amazon, sondern auch kleineren Unternehmen. Ein alternativer Ansatz wird von einem anderen Cloud-Betriebssystem verwendet. Applogic vom Anbieter 3tera läuft in Rechenzentren von Hostinganbietern und soll demnächst ebenfalls Windows-Anwendungen unterstützen, ein Beta-Test läuft. Aus einer Anwendung wird dabei eine so genannte "Appliance" – ein Stück Code, der einer virtualisierten Version einer Anwendung entspricht und je nach Bedarf repliziert werden kann. Die Skalierung geschieht ganz nach Nachfrage und auch ein Fehlerschutz ist integriert.

Noch ist unklar, ob der Schritt sich auf lange Sicht durchsetzt. Das so genannte "On-Demand Computing", auch als "Utility Computing" bekannt, war vor drei Jahren ungefähr so populär wie Cloud Computing heute. Firmen wie Sun Microsystems und IBM investierten Milliarden. Die Idee dabei war, Rechenleistung wie Strom aus der Leitung anzubieten: Anschalten, fertig. Damit das technisch funktionierte, musste jedoch stets mehr Prozessorpower nachgelegt werden. Das verkomplizierte die Infrastruktur. Der Grund: Die meisten Anwendungen sind nicht darauf ausgelegt, auf Parallel-Prozessoren zu laufen, sie skalieren nicht über mehrere Chips oder Rechner. Microsoft muss das vermeiden, weshalb Windows Azure mit einer großen Anzahl neuer Programmierschnittstellen kommt, die es erlauben sollen, Anwendungen über eine große Infrastruktur nahtlos zu verteilen.

Die spannendste Frage in Sachen Cloud Computing dürfte für den Software-Konzern allerdings sein, wie die Technik den traditionellen Desktop-PC verändert. Warum sollte man in einigen Jahren noch einen neuen Schreibtischrechner kaufen, wenn man seine Heimvideos auch im Netz schneiden kann, mit Rechenzyklen aus der Cloud? Wie Microsoft-Mann Srivastava schon sagte: Windows Azure wird ein riskantes Unterfangen.

 

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