15.000 Fans feiern bei Videodays in Köln ihre Youtube-Stars

"Die Lochis" haben mehr als 1,5 Millionen Abonnenten - und waren auch bei den Videodays gefragte Autogrammschreiber.
"Die Lochis" haben mehr als 1,5 Millionen Abonnenten - und waren auch bei den Videodays gefragte Autogrammschreiber.
Foto: dpa
Warteschlangen, aufgeregte Teenies, Selfies: Die Stars der Youtube-Szene sind nach Köln gekommen. Auf den Videodays trafen sie sich - und ihre Fans.

Köln. Howard Carpendale schaut verträumt von einem Plakat, es kündigt sein nächstes Konzert in der Kölner Lanxess Arena ein. Die Jugendlichen, die gerade an dem großformatigen Poster vorbeiziehen, haben allerdings keine Augen für den Schlagerstar. Vermutlich kennen sie ihn nicht einmal. Ihre Helden heißen Dner, Freshtorge, Leon Machère, Y-Titty, Mr. Trashpack, Joyce Ilg oder Dagibee - Stars der Video-Plattform Youtube.

Rund 15.000 Fans sind am Freitag und Samstag nach Köln zum Fantreffen Videodays gekommen, um sich ein Autogramm oder ein Foto mit den Youtube-Bekanntheiten abzuholen.

Youtube ist längst keine Nische mehr

Längst ist die Youtube-Szene keine Nische mehr. 2010 kamen zu dem Kölner Fantreffen nach Angaben der Veranstalter 400 Menschen. Jetzt eben fast 40-mal so viele.

Viele Youtuber haben mehrere Hunderttausend Fans, die ihre Videos regelmäßig ansehen. Sie geben Schminktipps, kommentieren Videospiele oder drehen Comedy-Clips. Jedes Jahr wächst das Interesse an der Szene.

Joyce Ilg - "die Frau aus dem Internet"

Joyce Ilg beispielsweise ist 31 Jahre alt. 800.000 Menschen haben ihren Kanal bei Youtube abonniert, auf dem sie ihre Videos ("Comedy - also Quatsch", wie sie im Interview berichtet) hochlädt. Die Veränderungen in ihrer vormals eher jugendlichen Fangemeinde bemerkt sie auch im Privatleben. "Meine Zuschauer waren anfangs sehr jung. Mittlerweile werde ich aber auch beim Weggehen angesprochen", sagt sie. Auch 40- oder 50-Jährige würden sie nun gelegentlich erkennen. "Erwachsene sagen jetzt: Hey, bist du nicht diese Frau aus dem Internet?"

Youtube hat monatlich nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Nutzer, 400 Stunden Videomaterial werden auf der Plattform hochgeladen - pro Minute.

Und längst geht es nicht mehr nur um Mode und Comedy - das Angebot wird praktisch stündlich breiter: So betreibt der Macher der Videodays, Christoph Krachten, seit Jahren den Kanal „clixoom.de – Science & Fiction“, in dem er Nachrichten aus Forschung und Wissenschaft populär aufbereitet.

Auch ein anderer erfolgreicher Youtuber ist längst ins Fernsehen eingezogen: Mirko Drotschmann, besser bekannt als MrWissen2go, macht Bildungsfernsehen, das einfach und prägnant ist. Er fasst mal kurz und knackig zusammen, was es alles zur Griechenland-Krise zu wissen gibt, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg dastand, wie der aktuelle Stand der Forschung bei Aids ist – und wie man sich am cleversten vor ihren Gefahren schützt.

Bildung statt Schminktipps

„Es ist ein großer Bedarf gerade bei jungen Leuten da, Dinge erklärt zu bekommen. In den meisten Medien wird viel vorausgesetzt, in den Schulen werden viele Dinge nicht angesprochen, mit denen man täglich konfrontiert wird. Ich versuche, das zu erklären, in einfachen Worten mit kurzen Videos.“ Ein Erfolgskonzept? Tatsächlich, wenn auch in kleinerem Maße als die Unterhaltungskanäle bei Youtube. Drotschmann zählt derzeit 212.000 Abonnenten, einzelne Videos knacken aber auch die Grenze zur halben Million.

Drotschmann selbst erklärt Geschichte im MDR, arbeitet als Reporter fürs ZDF Kindernachrichtenformat „logo!“ – und bedauert ein bisschen, dass sein Erfolg eine Ausnahme ist, weil Youtube Wissens-Angebote nicht fördert. „Der Wissens- und Bildungsbereich ist in den letzten zwei Jahren gewachsen, weil es immer mehr Leute gibt, die sagen: Wir brauchen da mehr. Im Gesamtzusammenhang hinkt die Bildung aber immer noch hinterher.“

Eine andere Sparte ist auch nicht gerade dicht besetzt auf der Netzplattform, erfreut sich allerdings ebenfalls ungeheurer Beliebtheit: „Insgesamt gibt es in Deutschland nicht sooo viele Leute, die humoriges Animationsmaterial machen“, sagt Ralph Ruthe, der längst erfolgreicher Cartoonist war, als er seine Leidenschaft für Webvideos entdeckte. Das war schon 2006, als Youtube gerade mal ein Jahr am Start war. Seitdem widmet er einen großen Teil seiner Arbeit den Zeichentrick-Clips, von denen er etwa zwei neue pro Monat ins Netz stellt. Da geht es um seine gezeichneten Serienstars wie „Biber und Baum“, um die „Flossen“ und um die „HNO-WG“. 416 000 Abonnenten hat sein Kanal zurzeit, mancher Clip wurde fast 2 Millionen mal angeschaut – und längst hat der Rücktransport vom Netz in die reale Welt stattgefunden. Denn der Bielefelder Ruthe geht auch live auf Tour.

Etwa 100 Youtuber können davon leben

Man schätzt, dass in Deutschland etwa 100 Youtuber von ihren Einnahmen leben können, ein vergleichsweise winziger Anteil, wenn man bedenkt, wie viele Menschen beim Fernsehen angestellt sind oder in anderen Medien. Dennoch werden die Online-Videos weiter wachsen. Wie weit das geht?

Darauf hat vielleicht MrWissen2go Mirko Drotschmann eine Antwort: „Manche sagen ja, das Fernsehen ist in fünf oder zehn Jahren ausgestorben. Ich glaube, das Fernsehen wird auch in zehn Jahren noch Relevanz haben, nur die Inhalte werden sich ändern. Dabei werden viel mehr der Live- und Event-Charakter eine Rolle spielen. Diese Ereignisse, wo man sich auch am nächsten Tag noch drüber unterhält und sagt: Hast Du das gesehen? Darauf wird sich Fernsehen noch viel mehr ausrichten müssen. Ansonsten werden Video-On-Demand und Online-Video immer mehr den Markt beherrschen. Es ist ja heute schon so, dass meine Mutter oder meine Oma sich Sachen auf dem iPad angucken.“ (mit dpa)

 
 

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