Der Wildfluss Lech lockt Abenteurer zum Rafting in Tirol

Ausgestattet mit Helm, Sicherheitsweste und Paddel geht es auf den Lech, der noch als Wildfluss bezeichnet werden kann.
Ausgestattet mit Helm, Sicherheitsweste und Paddel geht es auf den Lech, der noch als Wildfluss bezeichnet werden kann.
Foto: PR
Drei Boote, drei Guides, ein Ziel: So lockt die Rafting-Tour auf dem Lech, einem der letzten wilden Gewässer im nördlichen Alpenraum.

Häselgehr.. Die einen Leute sind eher still, andere machen Witze. Vielleicht, um das bisschen Furcht vor den Fluten in Schach zu halten. Aufgeregt sind die meisten von uns. Ein paar Schritte neben dem Bootshaus tobt der Lech vorüber. Er ist einer der letzten wirklich wilden Flüsse der Alpen. Wer ihn nahe Weißenbach in Tirol auf der Brücke überquert, denkt sofort an Kanada oder Alaska – ein unverbautes Flussbett, mehrere Hundert Meter breit, ungezähmt die wilden Wasser und ungezählt die Fluss­arme zwischen den Inseln, dazu jede Menge Kiesbänke und Treibholz. Diesen Fluss wollen wir nun mit dem Schlauchboot befahren.

Wir rüsten uns fürs Raften. Zwängen uns in Neoprenanzüge, setzen den Helm auf und ziehen Schwimmwesten über. Ein Bus bringt die Teilnehmer nach Steeg, dort ist heute der Einstieg; drei Boote, drei Guides. Zehn Personen pro Boot, schließlich braucht es genügend Kraft am Paddel. Benny führt eines der Boote. Er weist uns ein; erklärt, wo und wie wir sitzen sollen („Wer die Füße in den Schlaufen behält, geht auch nicht über Bord!“), wie wir die Paddel anfassen müssen und auf welche Kommandos („Vorwärts! Rückwärts! Stopp!“) wir kräftig zupacken müssen. Und das so kräftig, wie wir können. Der 25-Jährige ist seit drei Jahren staatlich geprüfter Raftführer.

Manche Hindernisse kaum erkennbar

Es ist ein steiniges Ufer, die Boote werden zu Wasser getragen, wer flussseitig arbeitet, schwingt sich als Erster über den Wulst in das Raft. Das übrigens tatsächlich niemand unfreiwillig verlassen wird. Der Fluss sei immer anders, meint Benny. „Der Lech führt in jedem Frühjahr durch die Schneeschmelze Hochwasser – und verändert daher durch das Absetzen und Verlagern von Sediment immer wieder seine Hauptfließarme“, erklärt Heidi Friedle vom Anbieter Fun Rafting, „somit ist der Fluss immer wieder neu – und technisch anspruchsvoll mit den Rafts zu befahren!“

Hochwasser also, vielleicht ist das auch ganz gut so, denn so manches Hindernis – potenzielles Problem oder großer Spaß – werden wir auf dieser Tour gar nicht sehen. „Je nach Wettersituation ist bis Ende Juni mit Schneeschmelze aus den Bergen zu rechnen, und die Wasserstände sind hoch“, sagt Heidi, „im August, September und Oktober ist der Wasserstand eher niedrig.“ Anfang Juni lag oben in den Bergen allerdings noch eine ungewöhnliche Menge Schnee. Grau strömt die Flut vorüber, strudelt, schwappt. Sofort erfasst die Strömung das Boot und zieht es fort, noch ruhig, aber man spürt die unheimliche Kraft des Wassers. „Wir fahren 18 Kilometer runter nach Häselgehr“, ruft Benny, das Ruder in der Hand. Grüner Uferwald säumt den Lech, Kühe glotzen uns hinterher.

Zwischen den Allgäuer und den Lechtaler Alpen liegt die einzige Wildflusslandschaft im nördlichen Alpenraum; keine Wehre, nicht im Zaum gehalten. Der Fluss ist rund 260 Kilometer lang, die genauen Angaben schwanken wie sein Wasserstand, und sein Name bedeutet – „der Steinige“. „Seit der Römerzeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Lech intensiv für die Flößerei genutzt. Hauptsächlich für die Holztrift aber auch zum Gütertransport“, sagt Heidi. „Flößerei war das Vorbild, Rafting ist die moderne Version!“

Brücken sind gefährliche Stellen beim Rafting

Nun müssen wir modernen Flößer erstmals zum Paddel greifen, um das Boot auf der richtigen Route zu halten. Immer gleichmäßig, alle zugleich und erst aufhören, wenn Benny das sagt. Er steht am Heck und hält das Ruder in der Hand. Damit kann er uns auf Kurs halten. Wird das Wasser allerdings zu wild oder treibt die Strömung uns direkt auf die Felsen oder ein Steilufer zu – dann müssen wir mit ­aller Kraft paddeln und dagegenhalten. Wir müssen Benny helfen, uns heil über den Fluss zu bringen.

Schnell erfasst die Strömung das Boot, hebt es hoch, lässt es ins Wellental krachen, die Fluten schlagen zusammen und gischten ins Boot. Am Ufer steht mancher Baum in bedrohlicher Schieflage, verkeilt zwischen den Felsen, und im Fluss hängen Stämme fest. Die Ufer sind mancherorts unterspült und abgefräst, hier fortgerissen, dort als Insel irgendwo im Fluss wieder hingeworfen. Mal zieht der Lech still dahin, dann wieder donnert das Wasser vor die Felsen und wirft sich tobend zurück. Nur an sehr wenigen Stellen in der Kernzone des Naturparks – an Dörfern und Brücken – hat der Mensch den Fluss in ein Bett gezwängt. Brücken sind gefährliche Stellen, darauf rauschen wir nun zu.

In der wilden Natur unterwegs

Wieder greifen wir mit vereinten Kräften zum Paddel, alles wird gegeben, und Benny steuert uns am Pfeiler vorbei. Gut gemacht! Wir freuen uns über das Lob und noch viel mehr, dass diese Brücke hinter uns liegt. Allmählich entspannt sich die Crew, gelacht und gescherzt wird nun vor Freude und dem Genuss, in dieser wilden, freien Natur unterwegs zu sein.

Doch vorn lauert weiteres Ungemach in Form schäumenden Wassers. Das Kommando, die Paddel zu greifen und zu paddeln, paddeln, paddeln. Das Boot bockt über tobende Gischt, schlägt hart auf, Wellen schlagen über den Wulst. Und einen Augenblick später scheint das Boot wieder auf ruhigem Wasser zu treiben, wie aus einem wilden Traum erwacht. Und niemand ist über Bord gegangen. Diese Tour – Klasse 2 auf der Wildwasserskala – ist besonders für Anfänger sowie für Familien mit Kindern geeignet. Auch wer noch nie auf wildem Wasser geritten ist, hat hier seine Freude. Die Technik sitzt schnell, das Handwerk ist rasch kapiert, und selbstverständlich greifen alle zum Paddel und ziehen synchron von vorn nach hinten durch.

Ist der Wasserstand zu niedrig, muss das Boot getragen werden

Eine Zeit lang lässt sich die Natur im Stillen genießen, der Lech zieht seine Fracht still und zügig nach Nordosten. Eine Kirche mit ma­lerischem Zwiebeldach auf dem Turm rauscht mitsamt ihrem Ort namens Bach vorbei. Die Alpen, dieses fantastische Panorama, immer im Blick; es ist wie ein ganz großer Landschaftsfilm aus anderer Per­spektive. Wieder fahren wir unter einer romantischen überdachten Holzbrücke durch, solche Brücken gibt es in Stockach und Elbigenalp.

Die Sonne bricht durch, und als sich unser zweites Boot durch eine Wasserwalze kämpft, verschwindet es hinter einer gleißenden Gischt, die wie Millionen Sterne funkelt. Mehr und mehr liegen nun Schotterbänke im Fluss. Der ist übrigens nicht tief, mit dem Paddel kann man oft Boden ertasten. Doch der Lech ist schnell, und er transportiert immense Mengen Kies und Geröll mit sich. Die er, kommt er in breiteren Gefilden zur Ruhe, ablagert.

Abwechslungsreiche Tierwelt

Ist der Wasserstand im Sommer oder Herbst zu niedrig, muss die Besatzung das Boot manchmal sogar über Kiesbänke tragen oder durch seichtes Wasser ziehen. Und eben das macht den Reiz auf diesem unverbauten Fluss aus. „Auf den Schotterbänken wachsen Purpurweide, Lavendelweide und Deutsche Tamariske“, erklärt Heidi, „in den stillen Gewässer dort leben Kammmolch und Kreuzkröte.“ Die gefleckte Schnarrschrecke und der Steinkrebs sind sicher nur etwas für Kenner, aber in Tirol gibt es sie nur mehr hier. Azurjungfern – Libellen – tanzen über dem Wasser und der Flussregenpfeifer brütet hier. Die Lech­auen beherbergen den größten Bestand an der Vogelart Flussuferläufer in den Nordalpen. Orchideen wachsen hier auch. Wenn man über die Kiesbänke gehen kann und auf den Inseln, ist Muße für solche verborgenen Schönheiten.

Uns steht ein furioses Finale bevor. Mit trügerischer Stille und schweren Strudeln werden wir immer schneller hinabgezogen. Eine letzte, schwere Wasserwand schlägt am Boot zusammen, ein letztes Mal fahren wir Wildwasserbahn und krachen durch die Wellen. Einige Paddel­schläge – und hier sollen wir noch mal richtig fest zupacken, wir landen gegen die Strömung an –, dann ist das Boot am Ufer. Flussabwärts geht es tiefer hinein in einen faszinierenden Naturraum – das Beständige des Lech ist seine stetige Veränderung.

Tipps & Informationen

• Tour Die hier beschriebene Tour ist die Halbtagesfahrt des Anbieters „Fun Rafting“ (www.fun-rafting.at) aus Häselgehr/Tirol, wo die Tour beginnt und endet. Der Ort liegt an der Bundesstraße 198 zwischen Reutte und dem Wintersportort Lech am Arlberg. Der Fluss und seine Ufer sind Kernzone der Naturparks Tiroler Lech (www.naturpark-tiroler-lech.at). Die Ganztagestour mit den Rafts führt weiter flussabwärts. Es wird mittags gegrillt. Sämtliche Ausrüstung und Wildwasserbekleidung bekommt man gestellt, Transfer ab/bis Häselgehr zu den Einstieg- und Ausstiegstellen inklusive.

• Preise Halbtagestour ab 44 Euro pro Vollzahler, Kinder (6-15 Jahre) für 34 Euro, Dauer auf dem Wasser ca. 1,5 bis 2 Stunden, Länge der Tour: 12 bis 20 km; Ganztagestour ab 80 Euro pro Person, Dauer auf dem Wasser ca. drei bis vier Stunden, Länge 20 bis 32 km Mindestalter: zehn Jahre.

 
 

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