Zubrot zur Rente

Foto: ddp

Norbert Blüm: Gelernter Werkzeugmacher, 16 Jahre Minister im Kabinett Kohl, nach seinem Ausscheiden häufiger Talkshow-Gast, Kinderbuchautor („Die Glücksmargerite”) und zuweilen als „Herz-Jesu-Marxist” belächelt.

Seit kurzem hat der gebürtige Rüsselsheimer ein neues Standbein: Mit Peter Sodann, der kürzlich als Tatort-Kommissar Ehrlicher in Rente ging, bittet er zum kabarettistischen „Heimatabend”. Frank Grieger sprach mit dem 72-Jährigen.

Herr Blüm, ist Ihre Rente so schlecht, dass Sie als Humorist dazuverdienen müssen?

Blüm: Es gibt ja zum Glück Dinge, die man nicht des Geldes wegen macht. Das ist ein Altersspaß, den ich mir leiste.

Vielleicht ist Ihr Schritt auch folgerichtig? Politik ist ja auch eine Form von Showgeschäft.

Blüm (energisch): Nein! Es gibt zwar Gemeinsamkeiten – der Politiker braucht Stimmen, der Künstler Beifall. Aber wenn ich auf der Bühne einen Fehler mache, dann buhen die Leute. Wenn ich als Politiker versage, ist das Schicksal von Millionen bedroht. Das ist kein Spiel.

Bei welcher Gelegenheit lernten Sie Peter Sodann kennen?

Blüm: 1990 gab seine Hallenser Theatertruppe ein Gastspiel in Bonn. Darauf hat mich ein anderer Hallenser, Hans-Dietrich Genscher, aufmerksam gemacht. Er sagte: „Da kommt nicht nur ein guter Schauspieler, sondern ein Mann, der Mut hat. So viel Mut, dass er dafür ins Gefängnis gegangen ist.”

Sie sind beide gelernte Werkzeugmacher, haben beide sechs Enkel, sind beide 1,65 Meter groß …

Blüm: Peter behauptet, er sei 1,67 Meter. Wir haben uns auf 1,66 Meter geeinigt (lacht).

...auf der anderen Seite gibt es viele Gegensätze: einer Wessi, der andere Ossi; der eine dienstältester Minister unter Kohl, der andere 2005 um ein Haar Spitzenkandidat der PDS.

Blüm: Ach, wenn alle Menschen gleich wären, wäre das doch sehr langweilig. Bei uns kommt etwas hinzu, das man zu wenig beachtet: Ossis und Wessis haben unterschiedliche Biographien. Die darf man nicht einfach übergehen.

Wie würden Sie denn Wessis und Ossis charakterisieren?

Blüm: Peter Sodann erklärt in unserem Programm mit Augenzwinkern: „Der Wessi sagt mehr, als er weiß – und der Ossi weiß mehr, als er sagt.”

Auf der Bühne erzählen Sie Witze und Anekdoten, zitieren Bibelverse, Brecht und Goethe, singen Volkslieder wie „Der Mond ist aufgegangen”. Gab es schon mal Vergleichbares auf deutschen Bühnen?

Blüm: Wir haben uns jedenfalls nicht an irgendwelchen Vorbildern orientiert.

Dürfen Sie als Rentner eigentlich unbegrenzt hinzuverdienen? Oder gehen die Gagen vom Altersgeld ab?

Blüm: Das Thema Rente nehmen wir natürlich auch aufs Korn. Diese Debatte, die wir in Deutschland führen, ist ja voller Lobbyismus. Mein Satz „Die Rente ist sicher” wird mit Hohn übergossen, siehe „Bild”-Zeitung. Aber je mehr man die Rentenversicherung madig macht, umso mehr klingeln die Kassen von Allianz und Konsorten. (Zunehmend erregt:) Man tut immer so, als würde die Privatversicherung nichts kosten. Aber die ganzen Drückerkolonnen und Dividenden müssen Sie doch mitbezahlen! Die Verwaltungskosten der gesetzlichen Rentenversicherung betragen 1,5 % der Einnahmen. Die der privaten zwischen 15 und 25 %!

Meine Frage haben Sie jetzt aber noch nicht beantwortet.

Blüm (ungläubig): Ach, das mit der Hinzuverdienstgrenze für Rentner? Oberhalb der Altergrenze von 65 gibt es keine, ich bin sieben Jahre älter. Also gehe ich 40 Tage im Jahr auf die Walz.

Sie haben vorhin auf die „Bild”-Zeitung angespielt, mit der Sie seit Jahren einen Kleinkrieg führen. Die hat mal geschrieben: Ihre Ministerpension liegt bei 9540 Euro.

Blüm: Das kann sie ruhig machen. Ich bin dafür, dass Abgeordnete gut verdienen. Unabhängigkeit ist mir was wert. Ich seh's nicht ein, dass jeder Bundesliga-Ersatzspieler mehr verdient als der Bundeskanzler.

Apropos: Wie lange hält die große Koalitition?

Blüm: Bis zum Ende der Legislaturperiode.

Juckt es Ihnen manchmal in den Fingern, wenn Sie heute das politische Geschehen beobachten?

Blüm: Ich beteilige mich ja an der öffentlichen Diskussion, auch ohne Sitz im Parlament. Aber alles hat seine Zeit. Ich gehöre zu den Glücklichen, die die Tür selber zugemacht haben. Sonntags, bei meinen Eltern, gab's früher manchmal Besuch. Der ist um zweie gekommen und hat gesagt: Ich' geh gleich, und um zehn ist er immer noch dagesessen. Das ist nicht mein Ding.

Last not least – bitte kurze Antwort: Ist die Rente sicher?

Blüm: Ja, unser Rentensystem ist das sicherste. Allerdings nur dann, wenn die Beiträge, die es braucht, nicht umgelenkt werden zur Privatversicherung. Die Sozialversicherung muss besser verteidigt werden – damit sie nicht zum Putzlappen von Kapitalinteressen wird.

 
 

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