Yasmina Rezas „Bella Figura“ bei den Ruhrfestspielen

Nina Hoss glänzt iin Yasmina Rezas „Bella Figura“.
Nina Hoss glänzt iin Yasmina Rezas „Bella Figura“.
Foto: Arno Declair
Eine Huldigung an den Gott des Geschwätzes: Die Ruhrfestspiele Recklinghausen zeigen Yasmina Rezas eher brave Komödie „Bella Figura“ – und eine alles überstrahlende Nina Hoss.

Recklinghausen..  Das ist natürlich ein großartiger erster Satz, so großartig, dass alles Weitere zwangsläufig dagegen abfällt. Ein Paar sitzt gestikulierend im erleuchteten Inneren eines Autos, es ist Nacht, die Grillen zirpen. Dann das Schlagen der Wagentüren. Und dann dieser Satz: „Oder wir nehmen ein Zimmer im Ibis und vögeln gleich. Wäre mir ohnehin lieber“, sagt Boris. Andrea ist – natürlich, wer verstünde das nicht, wo kämen wir da hin! – hellauf empört: „Im Ibis!“

Kein magisches Viereck

Sie gehen dann aber doch nicht ins Hotel, der von Insolvenz bedrohte Unternehmer Boris (Mark Waschke) und seine Geliebte Andrea, eine alleinerziehende, heimlich pillenschluckende Apothekenfachkraft (Nina Hoss). Weil Boris auf dem Parkplatz eine alte Dame umfährt, die dummerweise die Schwiegermutter der besten Freundin von Boris’ Gattin ist. Erwischt! Spätestens, als Françoises (Stephanie Eidt) tollpatschiger Partner Eric (Renato Schuch) Boris und Andrea zu einem Schluck auf den Schrecken einlädt, ahnen wir: Yasmina Reza setzt in „Bella Figura“ auf bewährte Muster.

Zwei Paare, die in einer peinlichen Ausgangslage und unter Einfluss von reichlich Alkohol die Masken fallen lassen – in „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“ entwarf die 56-jährige Französin geradezu magische Vierecke, in deren Spannungsfeldern erst die Funken flogen und dann Lebensträume verglühten. Wie kommt es nur, dass ihr neuer Wurf, ein Auftragswerk für die Ruhrfestspiele Recklinghausen und die Berliner Schaubühne, nicht so recht zu elektrisieren vermag?

Die Darsteller, allen voran Nina Hoss als taumelnder Engel und Mark Waschke als existenziell genötigtes Alphatierchen, liefern sich gekonnte Schlagabtäusche; Lore Stefanek bringt als tüdelige Alte anarchische Absurdität ins Spiel. Und unter Thomas Ostermeiers Regie lassen Rezas ja nur scheinbar boulevardesk-leichte Sätze Tiefe erahnen: „Wenn ein Mann vor die Hunde geht, dann sollte er das in aller Stille tun“, gibt Andrea dem strauchelnden Boris mit auf den Weg: und bitte „bella figura“ dabei machen. Doch die Konflikte, die sich da vor allerlei übergroß fleuchendem Getier auf der Videoleinwand entwickeln (Bühne: Jan Pappelbaum), scheinen selbst wie künstlich vergrößert. Ein Ehebruchsdrama, als wären wir im 19. Jahrhundert! Und sie liegen, anders als in Rezas früheren Werken, noch dazu von Beginn an und allzu wortreich offen: der Gott des Geschwätzes.

Ausflug ins Märchenland

Erst allmählich kann die großartige Nina Hoss das Drama ganz zu ihrem machen, ihm neue Erkenntnisse abringen: Hungrig geblieben mitten in einem Luxusrestaurant, weder an einen Tisch gebeten noch die Chance auf einen würdigen Abgang ergriffen, die teuren Schuhe zu klein für die geschwollenen Füße: „480 Euro. Ein Fünftel von meinem Gehalt... Gestern gekauft, passend zum Rock, für den Ausflug ins Märchenland.“

In Hoss’ immer noch schönem, nun aber müde gespieltem Gesicht (das nur ein Ignorant wie Boris „ordinär“ finden kann) verdichtet sich das Thema der allzu hochfliegenden, enttäuschten Träume. Von Rom, zum Beispiel, vom Weggehen. Am Ende aber sitzt sie wieder neben ihrem Liebhaber im Auto. Fast wünscht man ihr, sie wäre einfach gleich mit ins Ibis gegangen.

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