Wunschträume und der schwere Kater danach

Martina Schürmann
Ganz schön traurig: Charlize Theron als einstige Highschool-Schönheit Mavis Gary in „Young Adult“. Foto: Paramount Pictures
Ganz schön traurig: Charlize Theron als einstige Highschool-Schönheit Mavis Gary in „Young Adult“. Foto: Paramount Pictures
Foto: Paramount
Nicht mehr ganz jung, schön und ledig sucht . . . – Charlize Theron als tragische Heldin in eiskalter Einsamkeit. Mit „Young Adult“ beweisen sich Regisseur Jason Reitman („Juno“) und Drehbuchautorin Diablo Cody erneut als Dreamteam.

Essen. Wer dazu neigt, sein Lebensmodell zu hinterfragen, verfällt manchmal auf die irrwitzige Idee, sich die anderen fünf bis siebzig Daseins-Varianten auszumalen. Der Familienmensch phantasiert dann vom unabhängigen Leben mit chicem Loft und Gelegenheitslover, während die Singlefrau sich nach Heim, Haustier und Fortpflanzung sehnt. Dass einen derlei Tagträume meist mit schwerem Kater zurücklassen, sieht man Mavis (Charlize Theron) gleich in der ersten Einstellung von Jason Reitmans neuer Tragikomödie „Young Adult“ an.

Mavis ist 37, eine noch ziemlich unverblühte Highschool-Schönheit, die ihrem Heimatkaff Mercury damals so bedenkenlos den Korb gegeben hat wie den Jungs, die Schlange standen für die blonde, schlanke Schöne. Nun, nach Scheidung, belanglosen Affären und lustlosem Gelegenheits-Sex, erwacht in Mavis plötzlich das Verlangen nach einer echten Bindung. Zum Ziel ihrer diffusen Sehnsucht erklärt sie ihre alte Highschool-Liebe Buddy (Patrick Wilson). Dass Buddy ihr gerade als stolzer Papa eine Mail mit der Nachricht von der Geburt seines ersten Kindes geschickt hat, hindert sie keinen Moment. Mavis kann die Mär von der coolen Aufsteigerin mit spannendem Job, lässigem Großstadtleben und atemberaubenden Miniröcken zumindest so weit selber glauben, dass sie die Zurückeroberung ihres alten Boyfriends für einen Klacks hält.

Tragische Helding zwischen Gammelshirt und Luder-Look

Filmemacher Jason Reitman, der mit der ätzenden Raucher-Satire „Thank You For Smoking“, dem Teenager-Drama „Juno“ oder George Clooneys Vielflieger-Lovestory „Up in the Air“ bereits hinreißend lakonische Filme vorgelegt hat, konterkariert dieses Lebenstrugbild: Das Großstadt-Loft ist eine schäbige Absteige, der Autoren-Job bloß Fließbandschreiberei für eine Jugendbuch-Reihe, auf deren Umschlag nicht mal Mavis’ Name steht. Und der treueste Begleiter ist eine Handvoll Hund, den Mavis in die Handtasche steckt, als sie ihren Eroberungsfeldzug gen Mercury startet. Die Reise in die Vergangenheit als Kamikazetrip.

Charlize Theron trifft diese tragische Heldin zwischen Hello-Kitty-Gammelshirt und Luder-Look auf den Punkt. Fast traumwandlerisch steuert sie auf die Abgründe dieser schmuck- und trostlosen Story zu, taumelt durch diese graustichige Welt, wie betäubt von Alkohol. Arroganz und Lebenslangeweile.

Nicht alt, nicht jung, nicht erwachsen, aber auch nicht mehr jugendlich-unbedarft, diesen Zwischenzustand skizziert die für „Juno“ bereits Oscar-prämierte Drehbuchautorin Diablo Cody ebenso bitterkomisch wie schonungslos. Und dass man für die kaltherzige, hochmütige, bis an die Schmerzgrenze egozentrische Schlampen-Schönheit Mavis dabei Interesse entwickelt, manchmal sogar Mitgefühl, ist die Kunst von Charlize Theron, die in diesen Bildern voller eiskalter Einsamkeit trotzdem noch so etwas wie Glamour ausstrahlt.