Wum und Wendelin bei Shakespeare

„Hamlet, Prinz von Dänemark“. In der Titelrolle der neuen Dortmunder Deutung: Eva Verena Müller.
„Hamlet, Prinz von Dänemark“. In der Titelrolle der neuen Dortmunder Deutung: Eva Verena Müller.
Foto: Edi Szekely
Nach 100 Minuten ist alles vorbei: Kay Voges hat Shakespeares berühmtestes Stück für die Saisoneröffnung des Dortmunder Schauspiels gewählt. Doch seine „Hamlet“-Inszenierung ist keine Offenbarung. Reichlich freie Assoziationen und der üppige Umgang mit neuen Medien lassen die Schauspieler weit von uns wegrücken.

Dortmund. Am Theater Dortmund beginnt Intendant Kay Voges seine „Hamlet“-Inszenierung gleich mit dem vierten Akt, in dem die Todessehnsucht einer verwirrten Ophelia (Bettina Lieder) deutlich wird. Und er lässt sie enden mit Rosencrantz und Guildenstern, die als Wum und Wendelin verkleidet dem Publikum schier endlos versichern, dass sie jetzt politisches Theater machen wollen. Was den Zuschauer zu der Frage verleiten könnte, was denn das wohl gewesen sein mag, dem er da die letzten 100 Minuten beigewohnt hat.

An Shakespeare jedenfalls fühlt man sich an diesem Abend nur noch dann erinnert, wenn wieder mal eine Akt- oder Szenen-Zahl eingeblendet wird. Ansonsten haben Voges und sein Mitstreiter, der Videokünstler Daniel Hengst, das Terrain Dänemark als Vorläufer eines Überwachungsstaates entdeckt, den moderne Technik inzwischen nur noch vervollkommnen kann. Der König (Sebastian Kuschmann) wird ermordet, als er gerade die Charta der Bürgerrechte verliest, seinem Mörder und Nachfolger Claudius (Carlos Lobo) schwebt allein schon aus Angst eine waschechte Diktatur vor, ohne Rücksicht auf privaten Raum. Hamlet (Eva Verena Müller) begegnet uns in dieser Situation als verspielter Teenager, aufgewachsen unter lebensgroßen Teddybären, inzwischen aber mit Batman-Kostüm und Clark-Kent-Brille ein Fan klassischer Superhelden. Da liegt die eigene Überschätzung schon mal nah.

Ophelia auf dem Seziertisch

In Shakespeares Stücken kann man immer noch sehr viel Gegenwärtiges entdecken. Selbst einen Polonius (Michael Witte) als Pathologen würde man noch akzeptieren, der sich seine eigene Tochter auf den Seziertisch holt.

Was das Theater auf Dauer aber weniger erträgt, das ist das nahezu gänzliche Verschwinden des Schauspielers aus der Bühnengegenwart. Voges und Hengst, man kennt das schon aus glücklicheren Produktionen, übertragen ihren Umgang mit dem Dänenprinzen nahezu vollständig via Live-Cam auf Leinwand, wie Nachrichten aus einem fernen Land hinter der Bühne. Das schafft zwar Möglichkeiten, zwischendurch mit Bilderfluten von Volksaufständen und Tyrannen aufzuwarten, verhindert in diesem Fall aber jede Form emotionaler Berührung, ohne dies durch spürbaren Erkenntnisgewinn wettzumachen. „Mehr Inhalt, weniger Kunst!“ heißt es ein paarmal ironisch auf der Leinwand. Vielleicht sollte man das selbstkritisch sehen.

Termine: 21. September, 1. Oktober, 14. November. Karten: 0231 / 5027222