Woyzeck als Gefangener im eigenen Alptraum im Theater Mülheim

Britta Heidemann
Dagmar Geppert (Marie) und Rupert J.Seidl (Woyzeck) in der Mülheimer Inszenierung von Georg Büchners Stückfragment „Woyzeck“.
Dagmar Geppert (Marie) und Rupert J.Seidl (Woyzeck) in der Mülheimer Inszenierung von Georg Büchners Stückfragment „Woyzeck“.
Foto: Andreas Köhring
Roberto Ciulli inszeniert Büchners „Woyzeck“ am Mülheimer Theater an der Ruhr: ein Drama des betäubten Kindes. Das Orchester mit Streichern und Bläsern, eine grandiose Ensembleleistung unter musikalischer Leitung von Matthias Flake, beschwört dabei eine wahre Assoziationsflut herauf.

Mülheim/R. Franz Woyzeck ist ein verzweifelt Liebender, Eifersüchtiger; er ist, als einfacher Soldat, ein Opfer der Obrigkeit und ein Versuchsobjekt für obskure medizinische Experimente. Ein Schicksal, über dem man irre werden kann. Und so zeigt Roberto Ciulli am Mülheimer Theater an der Ruhr Georg Büchners „Woyzeck“ weniger als soziales denn als surreales Drama: als wirren Alptraum eines Mannes, der Gefangener der eigenen Seelenqualen ist.

Guantanamo und Abu Ghraib

Ein Mann sitzt auf einem Schemel im Bühnendunkel, das Gesicht erhoben zu einem Gitterfenster, durch das fahles Licht fällt. Mehrfach an diesem Abend führen Ciulli und Mitregisseurin Simone Thoma uns dieses Bild vor Augen. Woyzeck ist ein Inhaftierter, der seiner Nachtgespenster nicht Herr wird. Rupert J. Seidl trägt einen schlammfarbenen Overall, Guantanamo drängt sich auf, Abu Ghraib: Einmal reißen seine Peiniger ihm die Kleidung vom Leib, stülpen ihm einen Sack über den Kopf, bespritzen ihn mit Wasser.

Das Orchester mit Streichern und Bläsern, eine grandiose Ensembleleistung unter musikalischer Leitung von Matthias Flake, beschwört eine wahre Assoziationsflut herauf. Sphärisches wechselt sich ab mit Jahrmarkts-Schlagern, die Schauspieler tragen phantasievolle Perückentürme, eine dunkle Fastnachts-Schar. Dagmar Gepperts Marie steckt im schwarzen Dirndl, schon als Frau ein burschikoses, aggressives Geschöpf, wird sie beim Tambourmajor gar zum Stier. Albert Bork lässt sein goldenes Bolerojäckchen klingeln, während er sie, schnaubender Taurus, mit rotem Band bezähmt.

Ist das noch Büchner?

Aber ist das alles noch Büchner? Die Text- und Szenen-Verwirbelungen dürften strenge Deutschlehrer zur Verzweiflung treiben. Die Macht der Bilder aber legt auf bestechende Weise die Psyche eines Mannes offen, für den jeder Tag zur Nacht wird, für den der Mond als „blutig Eisen“ scheint – schönes Sinnbild der Eisblock, der am eisernen Haken von der Decke baumelt. Am Ende wird er rot tropfen.

Von der Liebe sehen wir nicht viel an diesem Abend, von ihren dunklen Schwestern schon. Gleich viermal stirbt Marie den Bühnentod. Woyzeck selbst scheint stets am meisten erstaunt über ihr Ableben, tapst umher mit rundem Buckel und großen Augen, zeigt das ganze Drama des betäubten Kindes. Wohingegen das eigentliche Kind in diesem Spiel, Christian (Khosrou Mahmoudi), an Maries Brust eine Wandlung vom Säugling zum lüsternen Vergewaltiger erfährt. Die Normalität wird hier von innen nach außen gestülpt.

Worin, vielleicht, das Prinzip der Inszenierung besteht. Die Verrücktheit des Woyzeck scheint ja normal angesichts dessen, was er durchlebt. Normaler als der Sadismus, die Selbstgerechtigkeit derjenigen, die über ihn richten.