Wladimir Kaminer hat ein Computer-Erzählspiel entworfen

Autor Wladimir Kaminer will Spielekonsole und Dostojewski zusammen bringen.
Autor Wladimir Kaminer will Spielekonsole und Dostojewski zusammen bringen.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Auch für einen Mann, der mitten im Leben steht, ist manche Spielart des Fortschritts ungewohnt. „Ich war noch nie auf einer Computermesse“, verriet der Wahl-Berliner Wladimir Kaminer. Kaminer ist zurzeit Gamescom in Köln - und Kaminer führt dort Dostojewski und Spielkonsole zusammen.

Köln.. Rocksounds ballern durch die Messehallen, aber die Menschen lassen sich nicht vorwärtspeitschen. Sie schlendern. Geht gar nicht anders, es sind Zehntausende. Soll auch gar nicht anders gehen, denn sie alle äugen nach Messe-Mitbringseln und neuen Games. Mädchen, Jungen, und nicht selten solche, deren Personalausweis behauptet, sie seien über 40.

Manche haben alberne Drachenmützen auf, andere immer noch nicht mitbekommen, dass Baseball-Cap verkehrtrum total out ist. Manche Blicke bleiben an der ebenso langbeinigen wie blondierten Computerspielheldin hängen, wahrscheinlich, weil die hier aus Fleisch und Blut ist. Und mittendrin auf der Gamescom’14 der George Clooney unter den deutschen Schriftstellern: Wladimir Kaminer. „Ich war noch nie auf einer Computermesse!“

Sein neues Werk: ein Computer-Erzählspiel

Kaminer hat längst schon zwei Gartenbücher und einen Berlin-Reiseführer geschrieben, um nicht immer wieder in die „Russendisko“ eingesperrt zu werden, mit der er zum Literaturpopstar wurde. Und nun das nächste neue Wortschlachtfeld: „Je doller dosto jewski: Schuld und Sühne (Egoshooter)“. Das ist ein Computer-Erzählspiel um einen Flohmarkthändler, der trotz seiner 18 Uni-Semester mit Volkswirtschafts-Magister partout aus seiner endlosen Misere einfach nicht herauskommt.

Sein vielsagender Name: „Herr Spalter“. Und nun beschließt Spalter, der unsichtbaren Hand des Marktes einmal gründlich auf die Finger zu klopfen – mit Hilfe der Axt „Fiska“, dem einzigen Erbstück seines früh verstorbenen Vaters. Doch um vom ersten Level aufs zweite zu kommen, muss diese Axt erst einmal seine Nachbarin Frau Müller treffen, eine der vielen Omas, in deren Namen (und Interesse) das Land regiert wird...

Anlehnung an Dostojewskis Riesenroman

Die Geschichte spinnt sich fort mit weiteren entfernten Anlehnungen an Dostojewskis Riesenroman – ist das nicht ein bisschen gewagt, so ein vielschichtiges Werk der Weltliteratur zu einem Computerspiel zu verwursten, Herr Kaminer? „Nun, ich kann kaum mit ernstem Gesicht über mein Spiel reden. Aber am Ende ist das Problem bei Dostojewski doch dasselbe wie bei jedem besseren Computerspiel: Wie komme ich aus der Falle, dass ich mit guten Mitteln Schlechtes erreichen kann und Gutes mit schlechten Mitteln?“

Computerspiele, fährt Kaminer fort, sind längst Kultur, weil sie zu all den überflüssigen Dingen gehörten, die nichts mit dem Überleben der Menschen zu tun haben. „Ich will nicht sagen, dass Computerspiele irgendwann Literatur ersetzen, aber sie können der Menschheit auch helfen, sich über sich selbst zu verständigen.“ Vielleicht, hält Kaminer inne, sei es noch nicht ganz so weit. Aber: „In hundert Jahren wird die Welt der Computerspiele so intelligent und vielfältig sein wie es die Literatur heute ist. Die frühe Literatur hat ja auch mit viel Trash begonnen, lauter Schlacht-Berichten und minderwertigem Zeugs.“

Sein Sohn spielt über Skype

In den Spielen stecke noch viel Entwicklungspotenzial: „Früher hat mein WG-Kumpel abends nach der Arbeit gesagt: So, und jetzt gehe ich fliegen. Dann ist er am Bildschirm in seine F117 gestiegen und in den Irak geflogen, man hörte für vier Stunden nur noch Geballer aus seinem Zimmer. Wenn ich heute am Zimmer meines Sohns vorbeikomme, der über Skype spielt, dann klingt es, als säßen da 37 Jungs! Und die diskutieren!“

Die Parallelen von Literatur und Computerspielen sind für den gerade 47-jährigen Kaminer offensichtlich: „Alles vergeht, Autos werden kaputtgefahren, Häuser in die Luft gesprengt – das einzige, was wirklich bleibt, sind Geschichten.“ Geschichten, die auch die nächsten Generationen noch interessierten, weil das Leben keinen Spielstandsspeicher habe.

Unauffälliger Erfolgsautor zwischen Nerds und Menschenmassen

Von den vielen Nerds, die auf der sonst so martialisch lärmenden Gamescom einen stillen Wettbewerb um den unwahrscheinlichsten Bartschnitt von allen austragen, unterscheidet sich Kaminer sichtlich. Aber seine Fetzen-Jeans und das dunkle Schlabbershirt lassen ihn selbst ohne Rucksack in der neugierigen Messemasse unauffällig wirken.

Sein Computerspiel ist für Kaminer noch eine „spaßliche“ Angelegenheit, wie er mit diesem gut konservierten Russen-Zungenschlag sagt, der fast die Hälfte seines Sex-Appeals ausmacht. Aber wenn ihn hier auf der Messe ein Computerspiel-Entwickler fragen würde, ob er Kaminers „Je oller dosto jewski“-Spiel reif für die Konsole machen dürfe – „ja klar!“, würde Kaminer dann verschmitzt lächeln. Bisher gibt es dieses Spiel nämlich erst virtuell, sozusagen. Der Chef des Berliner Literaturfestivals (!) hat ihn gefragt, ob er nicht einmal so etwas zu Papier bringen wolle. „Und an dem Abend hatte ich gerade nichts zu tun. Wir haben sehr gelacht an diesem Abend.“

 
 

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