Wir sind Helden

Düsseldorf..  Das Smartphone hat den Taschenspiegel abgelöst, wenn Frauen in der Bahn Lidstrich und Lippenstift nachziehen: Die Kamera bringt ihr Selbstbild sogar seitenrichtig aufs Display. Noch ein Klick mehr und es gibt ein Foto: Ein Selfie. Wo ich bin, ist vorne. Dahinter verschwindet die Welt.

Ob die sich ändert, erfahre ich immer weniger. Aber die Abkehr vom Realen verändert uns. Das nimmt das NRW-Forum im Ehrenhof jetzt in den Blick. Hereinspaziert zum Ego Update. Zur Selbstoptmierung des Kunstverständnisses durch 23 Statements von Künstlern, die (sich) fragen, was wir verlieren, wenn wir nicht mehr in den Spiegel schauen. Und um welchen Preis wir uns zu Helden unserer virtuellen Welt machen.

Der Rundgang zeigt, wie harmlos alles angefangen hat. Beispielsweise beim britischen Fotokünstler Martin Parr, der Anfang der 90er herumzog und Porträts von sich machen lies von lokalen Fotostudios überall auf der Welt – und so zu einer bizarren und witzigen Collage kam. Weil da noch ein anderer war, der ihn in den Blick nahm.

Auf der Fluchtin die virtuelle Welt

Ähnlich angelegt ist die Arbeit des in Cuxhaven geborene Fotografen Jonas Unger, der vor der Selfie-Zeit Prominente wie Jogi Löw, David Lynch und Karl Lagerfeld aufforderte, mit einer Kamera ein Selbstbild zu machen. Wie unglaublich ungelenk, ja naiv, die Menschen – vor gerade einmal fünf Jahren – diese Aufgabe bewältigten, wirft die Frage auf, wie schnell wir uns in das Selfie-Zeitalter katapultiert und an die ständige Selbstbespiegelung gewöhnt haben.

Wenn uns nicht gefällt, was wir im Ego-Spiegel sehen, erfinden wir eine virtuelle Alternative. Sei es, weil wir ein anderes, besseres, größeres Ich für das Überleben im Computerspiel brauchen, ein Ego , das größer, stärker, kampferprobter ist. So wie es der Londoner Robbie Cooper in seinem Projekt „Alter Ego in der Gegenüberstellung von realer Person und der digitalen Spielfigur zeigt. Sei es, weil wir als Cosplayer in ein Kostüm aus einer Computerspiel oder Comic-Serie schlüpfen, wie es der Düsseldorfer Fotograf Oliver Sieber zeigt. Er zeigt sie auch in realer Umgebung und wirft unweigerlich die Frage auf, warum die reale Welt vielerorts so beschaffen ist, dass Menschen in einem virtuellen Kosmos Zuflucht suchen müssen.

Man kann die Selbstdarstellung auch umdrehen: Ich bin das Ergebnis meiner Wege im Internet, scheint Evan Roth zu sagen. Er hat den bei seinen Internetsuchen gespeicherten Inhalt seines Computers ausdruckt: Mails, Grafiken, Fotos, Werbung als endloses Band, eine farbenfrohe Datenmüllkippe als Spur des Lebens.

Wenn wir nicht andere Spuren legen. Bei der Schwedin Arvide Byström scheint in den erotischen Einblicken in ein Leben immer die Frage auf: Ist das sie oder ist das eine erfundene Person mit einem erfunden Leben? Klarer ist das bei Laturbo Avedon, eine Künstlerin, die nur im Netz als Kunstfigur existiert, von deren realer Existenz man nichts weiß.

Neue Anstöße also zum ältesten Denkspiel der Menschheit: „Wer bin ich?“ Und bei dem auch Menschenaffen mitspielen. Bei den „Monkey Selfies“ haben sie auf den Auslöser gedrückt — zum Selbstbild und zu einem bizarren Rechtsstreit: Macht hier der Affe Kunst – oder gehört das Werk David Slater?

Wem zum Update des Egos Werkzeug fehlt: Selfie-Stangen gibt es im Museumsshop.

 
 

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