Willy Decker muss loslassen, um kreativ zu sein

Gudrun Norbisrath
Mit seiner Inszenierung „Leila und Madschnun“ eröffnet Intendant Willy Decker Freitagabend die Ruhr Triennale. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Mit seiner Inszenierung „Leila und Madschnun“ eröffnet Intendant Willy Decker Freitagabend die Ruhr Triennale. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Gelsenkirchen/Bochum. An diesem Freitag begínnt die Ruhr Triennale. Im Interview spricht Intendant Willy Decker über seine künstlerischen Ansprüche und den Zen-Buddhismus – eine Religion, durch die sein Blick „klarer“ würde.

Spiritualität und Kreativität als zentrales Thema eines Festivals - Willy Decker macht es seinem Publikum nicht leicht. 2009 stellte er jüdische Kultur in den Mittelpunkt der Ruhr Triennale, in diesem Jahr geht es um den Islam. Gudrun Norbisrath sprach mit dem Intendanten.

Herr Decker, Freitagabend beginnt Ihre zweite Saison mit „Leila und Madschnun“. Wie fühlen Sie sich?

Willy Decker:Ich glaube, meine Erwartungen sind größer als 2009 - vor allem an meine eigene Arbeit - ich messe das, was ich jetzt mache, an dem, was uns damals gelungen ist. Natürlich will man nicht hinter den Erfolgen zurückbleiben, und da ist mit „Moses und Aron” die Latte sehr hoch geraten. Daneben gibt es inhaltlich große Unterschiede. Jüdische Kultur können wir auf direktem Weg betrachten, weil unsere Kultur jüdische Wurzeln hat. Der Blick auf den Islam ist sehr viel schwieriger.

„Leila und Madschnun” thematisiert die Liebe, aber auch die Radikalität. Liegt da nicht auch eine Gefahr?

Decker:Die Radikalisierung der Liebe durch Madschnun ist ein zutiefst spiritueller Vorgang. Natürlich können solche Vorgänge immer missbraucht werden, man darf aber nicht den Fehler machen, sie per se zu diffamieren. Das ist eine große Gefahr in unserem Dialog mit dem Islam, dass wir die Verzerrungen islamischen Denkens durch einzelne Gruppierungen eins zu eins setzen für den Islam. Wir werden in den nächsten Jahren einen ganz entschiedenen Dialog führen müssen, aber er darf sich nicht erschöpfen in den Themen Minarett und Kopftuch. Wir brauchen einen tieferen Blick.

Kann ein Kunstfestival dazu einen Beitrag leisten?

Decker:Ich glaube, es kann, aber nur mit seinen eigenen Mitteln. Wenn es die Frage anders stellt als etwa die Medien. Wir müssen sagen: Lass uns dahinter schauen. Was ist hinter diesen Machtapparaten, die sich Islam nennen? Was ist die spirituelle Wurzel dieses Denkens?

Als wir uns das letzte Mal begegneten, standen Sie auf der A40 und haben Kindern gezeigt, wie man Jojo spielt. Sie können beides, das tief Reflektierende und das Spielerische. Wie verbindet sich das in Ihrer Arbeit?

Decker:Ich glaube, dass beides zusammengehört. Dass zum Kreativsein auch ein Loslassenkönnen gehört. Wenn ich an einem Stück arbeite - das muss auch spielerisch sein. Man muss Dinge passieren lassen und nicht gleich nachdenken, Moment, was hat das für Konsequenzen? All diese Kontrolldinge wegzulassen, heißt spielen. Und ausprobieren. Das vor allen Dingen.

Sie praktizieren Zen-Buddhismus. Was bedeutet das für ihre Arbeit?

Decker:Ich könnte die Arbeit nicht machen ohne das. Ich beschäftige mich mit Zen sehr intensiv, ich praktiziere jeden Morgen eine deutliche Zeit und ich habe den Eindruck, dass mein Blick klarer wird. Ich werde ruhiger, geerdeter, ich stelle mich den Dingen, wie sie sind.

Sagen Sie ein paar Worte zu Zen? Es ist Meditation...

Decker:Es ist sehr viel Körpertechnik. Wir Westler denken immer, das Denken, die Erkenntnis spielen sich nur im Kopf ab, und das stimmt überhaupt nicht. Der Körper ist ein wichtiges Instrument. Das uns ganz viel lehrt, ganz viele Möglichkeiten bietet ... Atem, Haltung, das klingt alles furchtbar technisch, aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass in letzter Konsequenz die Aufrechterhaltung des Bewusstseins, wie es im Zen sich formiert, nur über den Körper geht. Darüber, wie ich atme, wie der Körper positioniert ist, wie ich mich in ihm verhalte. Aber über Zen zu sprechen, ist extrem schwer.

Die zweite Triennale-Saison ist für den Intendanten immer auch die vorletzte. Wer wird Ihr Nachfolger?

Decker:Das weiß ich noch nicht.

Wird es nicht Zeit?

Decker:Es wird Zeit.

Was glauben Sie, wann … ?

Decker:Ende des Jahres.

Sie haben Namen im Kopf?

Decker:Ja, aber es ist schwierig. Es gibt ganz tolle Leute, die aber nicht unbedingt für die Ruhr Triennale richtig sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Leidenschaft für dieses besondere Festival dazu gehört - für die Hallen, für die Kreationen. Es muss immer dieser zündende Moment dabei sein.

Sie führen als Intendant auch Regie - warum tun Sie sich den Stress an?

Decker:Die Intendanz hat mich interessiert aus Leidenschaft für die Räume hier und für das Festival. Aber ich kann nie aufhören, Regisseur zu sein. Die doppelte Belastung ist wirklich mörderisch, aber ich würde nie sagen, okay, ich bin jetzt nur Intendant und inszeniere nicht. Das bin nicht ich.

Was machen Sie nach 2011?

Decker:Es gibt Verträge bis 2016. Aber ich mache immer mehr nur noch das, wovon ich denke: Das entzündet mich wirklich. Aber Sie werden mich nicht wieder als Intendanten sehen, das ist abgeschlossen.