Wie sieht die Arbeit vonmorgenaus?

Gianna Schlosser

Die Arbeitswelt wandelt sich rapide: Mit den technischen Möglichkeiten wächst die Produktivität während Preise sinken. Was bedeutet das für uns? Wie werden wir morgen arbeiten und werden traditionelle Handwerksberufe einfach aussterben? Dr. Werner Eichhorst, Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), wagt für uns einen Blick auf die Arbeit von morgen.

Wie könnte die Arbeitswelt künftig aussehen?

Die letzten 20 Jahre waren in Deutschland – aber auch in anderen Ländern – von einer zunehmenden Flexibilisierung in verschiedenen Dimensionen geprägt. Dieser Trend wird sich angesichts von Globalisierung, technischem Fortschritt und Digitalisierung weiter fortsetzen. Gleichzeitig gibt es Versuche, das durch neue Formen der Regulierung, durch neue Regeln zu begrenzen. In dieser Grauzone können viele Lösungen existieren, teilweise auch instabile. Insgesamt wird es in Bezug auf die Arbeitszeit sicher viele unterschiedliche Modelle geben. Einige werden noch länger arbeiten, andere kürzer. Andere üben vielleicht unterschiedliche Tätigkeiten an unterschiedlichen Tagen oder zu unterschiedlichen Tageszeiten aus. Das ist alles gut vorstellbar.

Welche Berufe werden aussterben, was wird bleiben?

Wir werden am ehesten dort Berufe verlieren, wo es um Dinge geht, die ähnlich aber günstiger im Ausland hergestellt werden können und dort, wo es zunehmend die Möglichkeit gibt, Dinge automatisiert, mit intelligenten Maschinen herzustellen oder Prozesse maschinell abzuwickeln. Oder um routineartige Tätigkeiten, die viel mit Informationsverarbeitung zu tun haben, beispielsweise klassische Sacharbeitertätigkeiten. Solche Arbeiten sind eher bedroht als hochspezialisierte Tätigkeiten, die auch ein Zusammenwirken mit anderen Menschen umfassen oder wo es darum geht, komplexe Sachverhalte zu beurteilen und Entscheidungen vorzubereiten. Auch bei klassischen Montagearbeiten im handwerklichen Bereich ist zumindest in den nächsten Jahren noch keine vollständige Automatisierung vorstellbar. Auffällig ist außerdem: Je mehr Routinetätigkeiten automatisiert werden, desto mehr sind die übrigen Aufgaben von menschlichem Zutun abhängig. Das heißt, dass die kommunikativen, forschenden, entwickelnden und kreativen Tätigkeiten umso wichtiger werden.

Diese Szenarien von der Drohne, die Waren ausliefert, bis zum Roboter, der Schüler unterrichtet, sind also in naher Zukunft nicht realisierbar?

Vielleicht irgendwann einmal, aber solche Umstrukturierungsprozesse vollziehen sich kontinuierlich. Das sind Entwicklungen, die Jahrzehnte dauern. In vielen Bereichen wird es zu einer stärkeren Verbindung von menschlicher Arbeit mit technischer Unterstützung kommen. Das kann das Bildungs- und Gesundheitswesen oder so etwas wie Gebäudereinigung und Gastronomie betreffen.

Wird es denn in Zukunft weniger Arbeitsplätze für die Menschen geben?

Wenn man die Geschichte betrachtet, ist die Anzahl der Arbeitsplätze und der Arbeitsstunden nicht rückläufig. Das hat damit zu tun, dass die weggefallenen Jobs durch andere ersetzt wurden, oder dass veraltete Jobs modernisiert wurden.

Und was ist mit dem aktuellen Nachhaltigkeitsbedürfnis, mit der Rückbesinnung auf traditionelles Handwerk? Ist das nur ein Trend, der schnell wieder vorübergeht?

Man kann beobachten, dass es eine Bewegung hin zu regionalen, durchaus auch hochpreisigen Handwerksprodukten gibt, deren Herstellung transparent und überschaubar ist – das ist quasi ein Gegenmodell, das sich stark abgrenzt von der globalisierten und stark zergliederten Produktionsweise. Angefangen beim Konzept von Manufactum bis hin zu Kleinserienproduktionen, die teilweise auch in den kunsthandwerklichen Bereich gehen. Dabei geht es auch um das Bedürfnis bestimmter Zielgruppen, sich abzuheben, etwas Besonderes zu besitzen und gleichzeitig ein gutes Gewissen mit einzukaufen, weil das Produkt unter überschaubaren, wenig anonymen Bedingungen hergestellt worden ist. Das sieht man auch, wenn man durch die Szeneviertel geht. Dort gibt es zunehmend solche Angebote, immer in bestimmten Nischen, die für die Zielgruppen interessant sind.

Ist das also in Zukunft eine Chance für kleine traditionelle Betriebe?

Es ist Teil einer generellen Entwicklung: Wenn man ein Unternehmen besitzt, kann man entweder versuchen, zu expandieren und auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu werden, indem man große Mengen zu günstigen Preisen produziert. Oder man muss stark auf den Aspekt Qualität setzen und teurere Produkte herstellen, die eine besondere Wertigkeit verkörpern. Wenn Sie einen handgesägten Kamm aus Horn kaufen, ist das etwas anderes, als wenn Sie im Drogeriemarkt einen preiswerten Plastikkamm erwerben. Für die Leute, die dafür sensibilisiert sind, und sich das leisten können, ist das ein Lifestyle-Aspekt, mit dem man sich abheben und Gleichgesinnten signalisieren kann, das man da ähnliche Konsummuster hat. Ich glaube, dass diese Nische noch Potenzial hat, in dem Maße, wie die Massenproduktion immer billiger und uniformer wird. Es gibt sicher ein Bedürfnis, einige besondere Dinge zu besitzen, die unter anderen Bedingungen hergestellt werden. Wenn Unternehmen diese Bedürfnis geschickt ansprechen, können sie diesen Bereich sicher noch ausbauen.