Wie Ruhris ihre Heimat hässlich finden - und trotzdem lieben

Heimatsymbol: Zeche Zollverein in Essen - aus der Luft.
Heimatsymbol: Zeche Zollverein in Essen - aus der Luft.
Foto: WAZ FotoPool
Der Autor Frank Goosen ist ein großer Pott-Erklärer - auf seinen Geschichten basiert ein Film übers Ruhrgebiet. Ein Interview über Heimatgefühle.

Bochum. Ein neuer Film über das Ruhrgebiet kommt zur Jahreswende ins Kino, basierend auf Kurzgeschichten von Frank Goosen. Die Komödie "Radio Heimat - Damals war auch scheiße" beschäftigt sich mit dem Aufwachsen im Ruhrgebiet in den 1980er-Jahren. Vier Jungs, auf der Suche nach der großen Liebe, versuchen vergeblich, aus den Liebeserfahrungen ihrer Eltern zu lernen. Im Interview erklärt der Buchautor Frank Goosen ("Liegen lernen"), wie sich das Aufwachsen im Ruhrgebiet verändert hat, warum es - wie das Buch verspricht - "woanders auch scheiße" ist. Und warum das Revier zwar nicht "objektiv schön" ist, wie der Autor zugibt - die Menschen den Pott dennoch lieben.

Der Filmtitel zitiert ihren Großvater, der in einem Ihrer Romane verspricht, dass es woanders auch scheiße sei. Finden Sie, dass die Menschen im Ruhrgebiet viel über ihre Heimat schimpfen?

Frank Goosen: Man kann schwerlich sagen, dass es hier objektiv betrachtet überall schön ist. Es gibt zwar schöne Ecken, die sind aber nicht das Besondere an der Gegend. Der Satz "Woanders ist auch scheiße" bringt die Mentalität im Ruhrgebiet auf den Punkt. Im Ruhrgebiet ist man nicht kitschig, sondern durchaus ein bisschen selbstironisch.

Welche Erwartungen haben Sie an den Film?

Goosen: Ich gehe sehr offen an das Filmprojekt heran und bin gespannt, wie die zum Teil auch sehr unterschiedliche Kurzgeschichten umgesetzt werden. Es wurden schon mehrere Romane von mir verfilmt oder im Theater aufgeführt, daher habe ich kein Problem damit, dass es bei einer Umsetzung zu Veränderungen kommt.

Warum schreiben Sie so gerne über das Ruhrgebiet und die Menschen?

Goosen: Meine Texte sind einfach besser, wenn ich mich mit dem beschäftige, was direkt vor meiner Haustür liegt: Fußball und Ruhrgebiet. Die geilste Gegend überhaupt ist es vielleicht nicht, aber es ist die Region, in der ich aufgewachsen bin und die mich geprägt hat.

Hat sich das Erwachsenwerden im Ruhrgebiet verändert?

Goosen: Auf jeden Fall. Schon in der Schule und im Kindergarten fängt man an, sich mit der Region, seiner Geschichte und den Zechen zu beschäftigen. Die Kinder werden mit sehr viel "Ruhrgebietsidentität" konfrontiert - das war früher bei uns nicht so. Ich denke auch, dass interkulturelle Beziehungen für die Teenager immer interessanter werden. Wir hatten früher in der Grundschulklasse nur einen einzigen türkischen Jungen und heute kommen viele verschiedene Nationalitäten zusammen, was ich super finde. Die Kinder beschäftigt sehr, was dieses Zusammenleben an Interessantem, aber auch an Problemen mit sich bringt.

InfoWarum sollten Kinobesucher aus Bayern eine Ruhrgebietskomödie ansehen?

Goosen: Die dümmste Antwort ist: Warum nicht? Die Geschichten sind universell. Auch in Bayern, in Rheinland-Pfalz oder Sachsen war jeder in seiner Kindheit schon einmal unglücklich verliebt. Dann hat der Ruhrgebietshumor noch den Vorteil, dass er sehr direkt und für jeden verständlich ist, weil unser Dialekt keine unnötigen Hürden aufbaut - in anderen Gegenden Deutschlands wäre das schwieriger. (dpa)