Wie Hannah Brencher mit Liebesbriefen zur Heldin wurde

Hannah Brencher arbeitet mit 25.000 ehrenamtlichen Schreibern aus 60 Ländern der Welt zusammen.
Hannah Brencher arbeitet mit 25.000 ehrenamtlichen Schreibern aus 60 Ländern der Welt zusammen.
Foto: privat
Hannah Brencher wollte in New York mit ihren Botschaften Mut machen. Jetzt sind ihre Lebenshilfen auch in Deutschland erschienen.

Washington.. Es passierte während einer U-Bahnfahrt zu ihrer Wohnung im Saint Rita’s Einwandererzentrum in der Bronx. Der Anblick einer alleinstehenden, alten und offenbar obdachlosen Frau löste bei Hannah Brencher einen Schlüsselmoment aus. Die junge Frau verspürte das tiefe Bedürfnis, der Fremden zu sagen, dass sie wertvoll, liebenswert und wichtig ist. Sie schrieb es auf. Mit heißem Herzen. Von Hand. Auf Papier. Der Prototyp jenes „Liebesbriefes“, der inzwischen um die Welt geht, war geboren.

Brencher verfasste in kurzer Zeit Hunderte solcher Ermutigungen an Unbekannte, verteilte sie überall in der Stadt in Kneipen, Cafés, Büchereien und Manteltaschen. „Wenn Du diesen Brief findest … dann ist er für Dich! Nimm ihn mit – und lies!“ Unterzeichnet waren die sanften Beobachtungen, die Hannah Brenchers Leben Ziel und Richtung gaben, stets mit „Ein Mädchen, das versucht, seinen Weg zu finden“.

Aus Erlebnissen ist ein Buch entstanden

Hannah Brencher suchte wie Millionen andere „Halt in einer haltlosen Welt“ und in New York, jenem urbanen Phänomen, das „immer und niemals meine Stadt sein wird“. Aus ihren Erfahrungen ist ein Buch geworden, das soeben auch in Deutschland erschienen ist.

Dieses Buch, das in einem Büro entstanden ist, in dem die Fenster mit schwarzen Bettlaken verhängt waren, damit bloß kein Tageslicht einfällt, ist ein Quell der Hoffnung. Auf 368 Seiten erzählt sie darin eine Geschichte, die im digitalen Zeitalter herrlich altmodisch und heilsam wirkt. Es ist ihre Geschichte. Und die der leidenschaftlichen Liebe zum handgeschriebenen Wort.

Brencher zweifelte am Sinn des Lebens

Alles fing damit an, dass Hannah Brencher nach dem College im idyllischen New Haven im US-Bundesstaat Connecticut in New York, wo sie wegen eines humanitären Jobs bei den Vereinten Nationen gelandet war, zwischen Vereinsamung und Überwältigung fast erdrückt worden wäre. Die junge Frau, gerade Anfang 20, geriet in der großen Stadt in eine Depression, zweifelte wie viele „Twentysomethings“ am Sinn des Lebens.

Wie es ist, wenn man plötzlich „Verständnis, Mitgefühl und Güte eines anderen Menschen unter seinen Fingern spürt“, sprach sich bald herum. Brencher, die Soziologie und Englisch studiert hat, teilte ihren dezent missionarischen Auftrag über ein Internetblog mit der ganzen Welt. Sie versprach, jedem einen „Liebesbrief“ zu schreiben, der ihr eine Postadresse hinterlassen würde.

Alle wollten ihre Hilfe

Die Resonanz war überwältigend. Zurück in New Haven, wohin es Brencher nach der Zeit im Big Apple wieder zog, musste die örtliche Poststation Wäschekörbe von Bittbriefen lagern. Alleinerziehende mit Kummer, Krebskranke, Lebensmüde, Berufsaussteiger, verlassene Ehepartner, vom Leben Gebeutelte – alle wollten Hannahs Hilfe.

Brencher gründete darauf die Internetgemeinde www.moreloveletters.com. Die bekennende Romantikerin („Ich glaube fest daran, dass ich eines Tages mein Herz an jemanden ausleihen werde, der dann beschließt, das Rückgabedatum aus dem Einband zu reißen und mich nie wieder loszulassen“) ist der Kopf eines schriftstellernden Lebenshilfewerks.

25.000 Schreiber in 60 Ländern

Dieses beschäftigt heute in 60 Ländern der Erde eine Armee von 25.000 Schreibern, die ehrenamtlich wildfremden Menschen Zeilen des Zuspruchs und der Anteilnahme zukommen lassen. Ausgesuchte Empfänger, die von Verwandten oder Freunden vorgeschlagen werden können, erhalten sogar ganze Briefbündel.

Um die Kunst des Briefeschreibens zu fördern, arbeitet Brencher mit Dutzenden Universitäten zusammen. Ebenso mit der Organisation „Cards for Hospitalized Kids“, die kranken Kindern in Krankenhäusern mit Postsendungen Mut macht. In Fernsehsendungen und Artikeln namhafter US-Blätter wird die Vielschreiberin herumgereicht als Ikone der Mitmenschlichkeit, die mit einfachen Mitteln fremden Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann.

„Wir dürfen nicht vergessen, uns füreinander zu interessieren“

Auch in die renommierte Rednerkonferenz TED, in der sonst die Großen aus Wissenschaft ihre Entdeckungen vorstellen, hat Brencher es geschafft. Ihre Botschaft ist so einfach wie wirkungsvoll: „Wir dürfen nicht vergessen, uns füreinander zu interessieren.“ Beim Lesen ihres Buches bekommt man wieder Lust, einen Brief zu schreiben.

 
 

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