Wie die Brüder Grillo Geschichte machten

Essen. Unternehmer, Mäzene, Pioniergeist und Größenwahn - Friedrich und Wilhelm Grillo, zwei Brüder und ihre Familien prägen bis heute das Ruhrgebiet. Die Ruhr Revue erzählt die wechselvolle Familiengeschichte.

Grillo. Klingt fremd. Doch an der Ruhr ist das Wort heimisch: In Bochum, Castrop-Rauxel, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Kamen, Oberhausen, Recklinghausen und Unna gibt es Grillostraßen. In Selm einen Grilloweg. In Duisburg Grillowerke. In Gelsenkirchen und Duisburg Grillo-Schulen. In Kamen Grillo-Schächte. In Duisburg und Oberhausen Grilloparks. In Essen das Grillo-Theater. In Unna sogar einen Grillo-Grill. Was oder wer aber ist Grillo?

Hinter all dem steckt eine zugewanderte Unternehmerfamilie. Wie die protestantischen Haniels einst aus Frankreich flohen, mussten die Grillos ihre Heimat im Veltlin, Oberitalien, aus religiösen Gründen verlassen. 1620 kam es dort zu einem organisierten Massaker der katholischen Mehrheit an 600 Protestanten. Die Grillos entkamen, fanden in der Schweiz und in Deutschland Zuflucht. Die ersten Ruhrgebiets-Grillos tauchten in Königsborn bei Unna auf. Franz Georg Grillo wird 1765 als Salzkontrolleur und -spediteur bei der dortigen Saline genannt. Kurios: Zur gleichen Zeit gibt es da einen „Salzkommissar“ namens Thomas Krupp. Und ein Urenkel des Franz Grillo wird hundert Jahre später die ganze Saline übernehmen.

In guter Gesellschaft

1768 heiratet der zugewanderte Franz Grillo ein Fräulein Zwirckmann aus Massen bei Unna. Ihr gemeinsamer Sohn Theodor zieht nach Essen. Als Eisenwarenhändler, als Miteigentümer kleiner Kohlenzechen und als Stadtrat wird er rasch ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft; die Familie etabliert sich im überschaubaren Kreis wohlhabender Bürger. Sohn Wilhelm Grillo führt die Eisenwarenhandlung fort und festigt die Verbindung mit der guten Gesellschaft: Er heiratet Gertrud Funke aus bester lokaler Kaufmannsfamilie. Zwei Söhne dieses Paars sind es, die den Namen Grillo bekannt machen, wenngleich man von Berühmtheit, im Vergleich mit Krupps, Thyssens oder auch Stinnes’, nicht sprechen kann.

Zum Star der Familie wird Friedrich Grillo, geboren am 20. Dezember 1825. Nach Gymnasium und Lehre übernimmt der junge Mann das Eisenwarengeschäft. Bald darauf bekräftigt auch „Fritz“ seine Position im Essener Bürgertum durch Heirat: Wilhelmine von Born zählt sicher zu den besten Partien im Städtchen. Ihr Vater ist Beamter im Bergamt und hat sich nebenbei schon erfolgreich als Unternehmer an Bergwerken beteiligt.

Der Schwiegervater führt Grillo in den Kreis erster Unternehmer Essens ein, und schon bald ist der junge Ehemann als Gründer mit von der Partie: bei der „Eisengießerei und Maschinenfabrik Ernst Honigmann und Cie.“, beim Bergwerk „Neu-Essen“; die Gründung der Zeche Hercules im Stadtzentrum ist 1857 seine letzte industrielle Tat auf Essener Gebiet. Grillo greift nun über die Stadtgrenzen hinaus. Den väterlichen Eisenwarenhandel wird er 1870 verkaufen – unter anderem Namen existiert das Geschäft noch heute, an gleicher Stelle.

Rastloser Gründer

Im Zentrum seines Interesses stehen längst Unternehmensgründungen im ganzen Ruhrgebiet. So sehr betätigt er sich als rastloser Gründer, dass er in der Region wie kaum ein anderer die „Gründerjahre“ personifizieren wird – im Guten wie im Schlechten. Denn die Gründerjahre enden bekanntlich mit einem gewaltigen, von fiebriger, manischer und oft krimineller Gier getriebenen Boom, auf den 1873 der katastrophale Crash folgt. Auch Friedrich Grillo spekuliert; das sagen – durch die Blume – selbst die Wohlwollenden unter den wenigen Autoren, die sich mit ihm befasst haben. Immerhin: Grillo ist keine „Heuschrecke“, spekuliert nicht verantwortunglos mit Luftnummern, auch wenn er sich zuweilen verspekuliert.

Bei seinen Bergbau-Gründungen wendet Grillo sich in Richtung Emscher. Er hat gesehen, dass die ersten Versuche, sich durch das nach Norden immer dickere Deckgebirge bis zur Kohle zu wühlen, auf erhebliche Schwierigkeiten gestoßen sind. Viel mehr Gerät, viel mehr Kapital sind dort vonnöten, wenn man diese Schwierigkeiten überwinden will. Dafür muss man kleine Grubenfelder zu großen zusammenschließen, getragen und finanziert von kapitalkräftigen „Gewerken“. Friedrich Grillo wird zum Konsolidierungs- Spezialisten.

Immer wieder vereinigt er Gelder und Felder zu großen neuen Zechen. Oder er organisiert den Ankauf solcher Zechen, die beim Bohren nach Kohle im Wortsinn „abgesoffen“ sind und für bessere Pumpentechnik kein Kapital mehr haben. Oft arbeitet Grillo, in wechselnden Kombinationen, mit bewährten Essener Geschäftsfreunden zusammen: Honigmann, von Waldthausen, Funke, Hagedorn und immer wieder der Bankier Ludwig von Born, ein Vetter seiner Frau. Kredit kommt meist von der Berliner Disconto-Gesellschaft, die Grillos Sachverstand schätzt und ihn gar zu ihrem Repräsentanten für das aufstrebende Ruhrgebiet macht. Später gründet Grillo mit von Born eine eigene Bank zur Finanzierung seiner Unternehmungen – die „Essener Creditanstalt“; sie geht später in der Deutschen Bank auf.

Consolidationen

Grillo ist Unternehmer – aber ein ganz anderer als Krupp oder Thyssen. Deren persönliches Interesse an einem Unternehmen, seinen Produktionsabläufen und seinem Wachstum teilt Grillo kaum. Auch sammelt er nicht, wie später Stinnes, immer mehr Firmen, um sie zu einem großen Imperium zu vereinen. Er kauft, beteiligt sich, bestimmt eine Zeit lang das Geschick eines Unternehmens mit. Und er kann, wie ein Weggefährte schreibt, „sich ohne Bedenken von den Kindern seines Schöpfungstriebes kalten Blutes trennen, wenn er darin einen besseren geschäftlichen Vorteil sieht“. Er verkauft, um mit dem Geld etwas Neues, Lukrativeres zu beginnen. Das hat, ohne Zweifel, spekulative Züge.

Es wäre ermüdend, all jene Zechen im Ruhrgebiet zu nennen, an denen Friedrich Grillo zeitweise maßgeblich beteiligt ist. Sie alle kommen, noch zu seinen Lebzeiten oder später, in andere Hände. Keine arbeitet unter dem Firmennamen Grillo. Nur die Schächte „Fritz“ in Altenessen und „Grillo I-III“ des Kamener Bergwerks Monopol tragen seinen Namen. Stellvertretend für viele Bergbau-Gründungen sei Grillos führende Rolle beim Entstehen der „Gelsenkirchener Bergwerks-AG“ genannt. Grillo ist es auch, der Emil Kirdorf zum kaufmännischen Direktor der GBAG macht. Kirdorf wird als Generaldirektor zu einer legendären Figur der Ruhrwirtschaft; unter seiner Leitung wächst die GBAG zu einem Riesenunternehmen, unter dessen Dach sich auch einstige Grillo-Gründungen wiederfinden.

Grillo auf Schalke

Eine besondere Beziehung entwickelt Friedrich Grillo zu Schalke. Mit einigem Recht gilt er als der Mann, der Schalke – die Stadt – überhaupt „gemacht“ hat. Als er sich dort 1855 umsieht, ist Schalke ein Dorf mit 300 Einwohnern. Grillo kauft Land, und darunter kauft er Kohlefelder. 1862 kann er sie zusammenlegen unter einem Namen, der für ihn Programm ist: „Consolidation“. Den ersten Schacht lässt er 1864 abteufen, mitten im Wald, im Niemandsland. An dessen Stelle wird später das Zentrum der Stadt Schalke sein, später auch einer ganzen Fußballwelt: der Schalker Markt.

„Consol“ wird zu einer der großen Zechen des Ruhrgebiets. Grillo wiederholt den Erfolg bald nebenan mit der Zeche „Graf Bismarck“. Außerdem gründet er, meist mit einigen seiner üblichen Mitstreiter, während der folgenden zehn Jahre in Schalke ein Eisenwalzwerk, eine Seilerei, ein Drahtwerk, ein Chemieunternehmen, den Schalker Gruben- und Hüttenverein, die Schalker Eisenhütte und Maschinenfabrik, den Schalker Verein für Kesselfabrikation, eine Glas- und Spiegelmanufaktur. Das sind die Unternehmen, mit denen Schalke groß wird.

Natürlich explodiert die Bewohnerzahl Schalkes. Grillo kümmert sich um Infrastruktur. Lässt Arbeiterkolonien bauen, eine Brücke über die Emscher, Straßen, Gas- und Wasserwerke. Er finanziert Kirchen, spendet für Schulen und ruft eine „Kleinkinderbewahranstalt“ ins Leben. In einem Park lässt er eine Villa errichten und nutzt sie eine Zeitlang für Sommeraufenthalte (!). Zehn Jahre nach Grillos Tod errichtet Schalke seinem Gründer und Mäzen ein üppiges Denkmal auf dem Schalker Markt. Nach dem zweiten Weltkrieg wird es abgeräumt; der Schalker Markt verschwindet unter einer Straßenbrücke. Die Grillo-Büste steht jetzt einen Häuserblock weiter südlich, geradezu versteckt seitlich auf einem öden Platz.

Große Zuneigung entwickelt Friedrich Grillo auch zu (Unna-) Königsborn. Dort hat er ausschließlich Kohlebergbau betreiben wollen. Dann aber kauft er auch die alte Saline und das damit verbundene Solbad – angeblich ohne zu wissen, dass sein Urgroßvater dort schon „Salzkontrolleur“ gewesen ist. Besonders dem – finanziell wenig bedeutenden – Solbad widmet Grillo viel Aufmerksamkeit. Er lässt ausgedehnte Parkanlagen und ein Kurhaus entstehen. Er selbst hält sich gern dort auf, und die betuchten Badegäste schätzen ihn als liebenswürdigen Gastgeber. Königsborn löst Schalke als sein „Lieblingskind“ ab.

Zu viel Optimismus

1872, kurz vor dem Börsencrash, ist Friedrich Grillo auf dem Höhepunkt seiner Erfolge. Den Krach und die nachfolgende Rezession übersteht er glimpflich. Allerdings beteiligt er sich 1872 an einem Unternehmen, das ihm die Grenzen auch seiner Fortüne hätte aufzeigen können: die Dortmunder Hütte. 1869 hat der berühmte „Eisenbahnkönig“ Henry Bethel Strousberg die kränkelnde Hütte übernommen, um für seine europaweiten Bahn-Aktivitäten Material zu produzieren. Doch Strousberg verspekuliert sich in Rumänien, verliert viel Geld und sieht sich 1872 gezwungen, die Dortmunder Hütte zu verkaufen.

Grillo und seine Mitstreiter kaufen. Sie gründen die „Dortmunder Union“ und vereinigen das Dortmunder Werk mit einigen anderen – darunter die Hattinger Henrichshütte und die Hütte „Neuschottland“ in (Essen-) Steele. Aber die Unions-Männer zahlen wohl erstens zu viel für Strousbergs Unternehmen – es ist schließlich der Höhepunkt des hitzigen Booms. Zweitens fügen sie zusammen, was nicht unbedingt zusammen gehört. Jedenfalls macht die Union horrende Verluste und schrammt in den siebziger Jahren zweimal knapp am Konkurs vorbei.

Grillo, so suggeriert der völlig verarmte Strousberg in seinen Memoiren, sei für die Union eine Nummer zu klein gewesen. Richtig ist wohl, dass Friedrich Grillo wenig Selbstkritik und Einsicht in die eigenen Grenzen hat. Sein Optimismus nimmt manische Züge an, obwohl die großen Erfolge nun ausbleiben. „Größenwahn“ deuten biografische Skizzen an.

Welch ein Einfall

Über den privaten Friedrich Grillo ist so gut wie nichts bekannt; sogar seine geschäftliche Korrespondenz hat die Witwe nach seinem Tod weitgehend vernichtet. Der junge Fritz wird als sympathischer, hübscher Mann mit auffallend blauen Augen geschildert. Er gilt als angenehmer Gesellschafter, und auch Strousbergs Schilderung von Grillos Erfolgen in Berliner Finanzkreisen lässt darauf schließen, dass Friedrich Grillo über Charme verfügt. Essen bleibt er, von den „Sommersitzen“ in Schalke und Königsborn abgesehen, treu. Er ist Stadtverordneter bis an sein Lebensende. Die Grillos wohnen am zentralen Burgplatz, in einem barocken Haus, das ursprünglich eine der adeligen Essener Stiftsdamen bewohnt hat. Ein nobler Wohnsitz, aber kein Vergleich mit dem Palast eines Krupp.

Am 14. Oktober 1887 hat der Stadtverordnete Friedrich Grillo einen großen Auftritt. Er verkündet zur allseitigen Überraschung, dass er der Stadt ein Theater schenken wolle. 500.000 Mark werde er dafür sofort stiften, für Baukosten, die darüber hinaus gingen, werde er ebenfalls einstehen. Die Stadt ist begeistert. Über Grillos Motive kann man im Nachhinein nur rätseln. Das Theater sprengt den Rahmen des von ihm als Mäzen Gewohnten. Will er mit 62 Jahren endlich mal den Krupps zeigen, dass auch ein Grillo klotzen kann?

Der Verdacht, dass es sich um eine Verrücktheit handelt, kommt nicht von ungefähr. Schon zu Anfang des Jahres hat Grillo einen Schlaganfall erlitten, und knapp sechs Wochen nach seinem spektakulären Auftritt wird Friedrich Grillo in die Heilanstalt für Geisteskranke in Grafenberg bei Düsseldorf gebracht. Dort macht er sich, letztes „Projekt“, Gedanken über die künftige Finanzierung der Anstalt. Sein Geist ist also offensichtlich nicht zum Stillstand gekommen; auf welche Weise er verwirrt ist, bleibt offen – eine genauere Diagnose als „Größenwahn“ und „geistige Umnachtung“ scheint nicht überliefert. Nach weiteren Schlaganfällen stirbt Grillo am 16. April 1888 in Grafenberg.

Da hat die Schenkung für das Theater im rechtlichen Sinn noch nicht stattgefunden. In seinem Testament ist davon nicht die Rede. Die Witwe macht das Versprechen dennoch ohne Zögern wahr und fügt sogar ein Grundstück aus dem Besitz ihrer Eltern hinzu. 1892 wird Essens Theater eröffnet, und Wilhelmine Grillo hat sich genauso darum verdient gemacht wie Friedrich. Der Plan, das Haus offiziell „Grillo-Theater“ zu nennen, wird nicht verwirklicht. Es ist und bleibt „das Theater“ oder „Opernhaus“ – bis 1988 für die Oper das „Aalto-Theater“ entsteht. Da endlich bürgert sich, zur Unterscheidung, „Grillo-Theater“ doch noch ein.

Wilhelm wählt Zink

Friedrich und Wilhelmine Grillo hatten keine Kinder, und so wäre die Geschichte der Familie beendet gewesen, als Wilhelmine 16 Jahre nach ihrem Mann starb – wären da nicht Fritz’ Brüder gewesen, vor allem Wilhelm, der Ältere. Er wird am 15. Oktober 1819 geboren, ist also über sechs Jahre älter als Fritz und offenbar sehr, sehr anders als der Jüngere: bedächtiger, stetiger, sich auf ein Thema konzentrierend.

Wie Friedrich besucht auch Wilhelm das Gymnasium und absolviert eine kaufmännische Lehre, ehe er 1840 ins väterliche Geschäft zurückkehrt. Dass nicht er es übernimmt, sondern später der jüngere Bruder, mag mit der häuslichen Situation zu tun haben: Die Mutter hat nach dem Tod ihres Mannes den Buchhalter des Geschäfts geheiratet; da ist vermutlich für einen Nachfahren des ursprünglichen Firmeninhabers (noch) kein Platz. Jedenfalls packt Wilhelm bald seine Sachen und eröffnet 1842 eine eigene Eisenwarenhandlung mitten in Mülheim, gleich bei der Petrikirche. Wie Friedrich füllt auch ihn das beschauliche Geschäft nicht aus – er übergibt es schon 1848 dem jüngeren Bruder August, der den Laden bis zu seinem Tod 1897 behält. Wilhelm aber wendet sich einem ganz speziellen Thema zu: Zink.

Vermutlich haben schon die Grillo-Geschäfte in Essen und Mülheim Zinkplatten eines belgischen Herstellers verkauft – für Bedachungen. Von 1845 an beginnt dieser Hersteller, Zink im Ruhrgebiet zu produzieren; nur ein Walzwerk fehlt noch. Da sieht Wilhelm Grillo seine Chance. In Neumühl bei Duisburg eröffnet er ein erstes kleines Werk und walzt Zink im Auftrag der belgischen Firma. Zehn Jahre später folgt ein weiteres Werk in Oberhausen. Bis 1864 arbeitet Grillo für das belgische Unternehmen. Dann ist er auf sich allein gestellt. Der gewiefte Geschäftsmann investiert zwar auch Geld in andere Firmen – mit weiteren Unternehmern wie den Morians, denen Grillo auch familiär verbunden ist. Doch anders als Friedrich widmet Wilhelm sich in erster Linie dem stetigen Ausbau seiner Zinkwerke.

Es bleibt in der Familie

Neun Kinder hat Wilhelm Grillo mit seiner Frau Catharina, geborene Kolkmann. Alle sind zeitweise in der Firma beschäftigt – und sei es mit kleinen Botendiensten und Büroarbeiten. Ende der sechziger Jahre beginnt Wilhelm, die Übergabe der Geschäfte an seine beiden ältesten Söhne vorzubereiten: Wilhelm junior und Julius. Gemeinsam erweitern sie die Firma um ein großes Werk in (Duisburg-)Hamborn-Marxloh.

Auch Wilhelm Grillo engagiert sich bürgerschaftlich und betätigt sich als Mäzen – vor allem in Oberhausen. Dort fördert er den Bau des Krankenhauses, ist Mitglied im Schützen- und im landwirtschaftli- chen Verein. Das Haus der Grillos beim Oberhausener Werk aber ist so von Bergschäden betroffen, dass ein Umzug notwendig wird. Das Paar entflieht der Industrie gleich ganz – nach Düsseldorf. Dafür bauen die Söhne in Duisburg und Oberhausen.

Anfang 1887 überschreibt Wilhelm Grillo die Firma ganz an seine drei Söhne und zieht sich zurück. Es heißt, dass auch er zu dieser Zeit geistig nicht mehr ganz auf der Höhe ist. Auch erschüttert ihn, dass Anfang 1888 der älteste Sohn einer unerkannten Blinddarmentzündung erliegt. Ein Jahr später stirbt auch Wilhelm Grillo senior. Die Erben wandeln das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um, die nur Namensaktien an Familienmitglieder ausgibt. Und so bleibt es: Die Firma ist auch heute noch in Familienhand – stetig gewachsen, immer im selben Geschäftsfeld: Zink ist und bleibt das Thema der Grillo-Werke.

Hauptsitz der Grillo-Werke ist Duisburg-Marxloh. Die Anlagen in Oberhausen werden 1974 aufgegeben. Das Unternehmen und seine Töchter haben aber weitere Standorte in Deutschland und agieren weltweit – man versteht sich mit 1700 Mitarbeitern dennoch als mittelständisch. Es mag auch an der Beschränkung auf ein wenig glamouröses und nicht leicht verständliches Spezialgebiet liegen, dass Firma und Familie Grillo selbst regional weniger bekannt sind als andere. In Duisburg aber sind Name und Personen durchaus präsent.

Das gilt besonders für Herbert Grillo (1906-1983), der das Unternehmen bis zu seinem Tode führte. Es gibt ein Herbert Grillo-Haus, Altenheim, eine Herbert Grillo-Gesamtschule in Marxloh und eine „gemeinnützige Stiftung der Familie Herbert Grillo“. Herbert Grillo hat immer wieder Geld für soziale Zwecke zur Verfügung gestellt, hat junge Talente in Kunst und Sport gefördert. Seine Frau, Marita Grillo, setzte dieses Engagement fort, ebenso die beiden Kinder, Rainer und Gabriela Grillo. Die beiden sind heute Aufsichtsratsvorsitzende der Grillo-Werke, während Vetter Ulrich Grillo Vorstandsvorsitzender ist. Besonders intensiv widmen sich die Grillos jenem Stadtteil, in dem ihre Firma zu Hause ist: Marxloh. Sie unterstützen zahlreiche Projekte, mit denen Jugendliche sich bessere Startchancen in diesem schwierigen, vom Strukturwandel hart getroffenen Umfeld erarbeiten können.

Stinnes beerbt

Knapp jenseits der Duisburger Stadtgrenze, auf Mülheimer Gebiet im Broich-Speldorfer Wald, haben die mittelständischen Grillos gleich zweifach das Erbe berühmterer Industrieller angetreten. Dass sie die „Villa Anita“ des unglücklichen Fritz Thyssen erwarben, nahm ein tragisches Ende: Im Januar 1993 brach dort ein katastrophales Feuer aus, in dem Marita Grillo ums Leben kam. Die Villa wurde zerstört und erst zehn Jahre später wieder aufgebaut – geteilt in Eigentumswohnungen. Glücklicher war die Wahl des anderen Besitzes, nur wenige hundert Meter entfernt: „Haus Rott“. Das hatte Hugo Stinnes gehört, der den Plan für ein großes Wohnhaus auf dem Gutsgelände nie verwirklichte.

Im „Haus Rott“ verbinden die Grillos heute Sportförderung und Tierschutz: Junge Reiter können dort trainieren und Fachseminare besuchen; für alte und pflegebedürftige Pferde ist „Haus Rott“ ein Refugium. Das Interesse an Pferden liegt in der Familie: Firmengründer Wilhelm Grillo war Vorsitzender des örtlichen Pferde-Zucht-Vereins. Ururenkelin Gabriela Grillo hat von ihm nicht nur einen Anteil am Unternehmen geerbt und den Willen, sich für die Firma zu engagieren – sondern auch besonderen Pferde-Verstand: Sie war mehrfach Deutsche Meisterin im Dressurreiten. Ein früher Erfolg machte sie zum „Gold-Mädchen“ und den Namen Grillo über die Wirtschaftsseiten hinaus medienbekannt: Als jüngstes Mitglied der deutschen Dressur-Mannschaft half sie 1976, in Montreal olympisches Gold zu holen.

Grillo übrigens ist denn doch kein so fremdes Wort. Es heißt einfach: Grille. Und mag es auch die Wissenschaft anders sehen – sprachlich ist klar: Grillen sind keine Heuschrecken.

// Erschienen in Ruhr Revue 01/2009

 
 

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