Wenn der Müll unbeherrschbar wird

Gauting.  Der Müll stapelt sich meterhoch. Ungeziefer krabbelt zwischen Essensresten und Papierbergen. Ein unausstehlicher Gestank zeugt von totaler Verwahrlosung: Wenn eine Wohnung so aussieht, lebt in ihr ein seelisch kranker Mensch. Sein Problem: Er ist ein Messie. Messies können nichts wegwerfen. Alles, was zu ihnen kommt, müssen sie zwanghaft horten, und sei es nur ein Pizzaflyer aus dem Briefkasten. Am Ende sind sie in einer ausweglosen Situation und brauchen Hilfe. Experten gehen davon aus, dass bis zu zwei Millionen Menschen in Deutschland unter dem Messie-Syndrom leiden.

Die Zahl der Hilfsangebote indes ist überschaubar. Michael Schröter will das ändern. Der 64-Jährige hat 14 Jahre Erfahrung mit vermüllten Wohnungen und deren Inhabern, in Gauting bei München hat er eine „Messie-Akademie“ eröffnet. In dieser Einrichtung sollen sogenannte Messie-Hilfe-Fachkräfte ausgebildet werden. Die Vision des gelernten Altenpflegehelfers: „Eines Tages soll jeder Betroffene des Messie-Syndroms professionelle und einfühlsame Hilfe erhalten.“

Die schlechte Luft macht krank

Schröter geht es um praktische Hilfe, um Wohnraumarbeit, wie er es nennt. „Wenn wir Zutritt in die Wohnung eines Messies haben, geht es erst einmal darum, Platz zu schaffen, uns regelrecht eine Schneise durch den Müll zu schlagen.“ Man müsse die Böden freibekommen, um Durchgänge zu schaffen und dann Zimmer für Zimmer aufzuräumen. Manchmal stapelt sich Angesammeltes bis fast unter die Decke.

Ein weiteres Problem sei die „schlimme Atemluft“ in vermüllten Wohnungen. „Zu den seelischen Problemen der Messies treten oft körperliche Beschwerden, vor allem Atemwegserkrankungen“, sagt Schröter. Denn Messies lüften nicht, sie können es oft gar nicht, weil alles in der Wohnung zugestellt ist. Dazu kommt der Gestank von verdorbenen Lebensmitteln.

Und natürlich spielt Ungeziefer eine Rolle. Kakerlaken sind noch das geringere Problem. Vor allem in Erdgeschosswohnungen werden auch Mäuse und Ratten Mitbewohner. Schröter erinnert sich an eine Räumaktion, bei der ein Messie mit rund 50 toten und 50 lebenden Mäusen hauste. Die Nagetiere waren vom bestialischen Gestank im Haus angelockt worden. Bei derartigen Extremfällen setzt Schröters Team schon einmal Atemschutzmasken auf.

Doch mit dem Beseitigen von Unrat ist es nicht getan. Zu Schröters Arbeit gehört auch, zusammen mit dem Messie ein Konzept zu entwickeln, damit sich nicht wieder Papierberge und Gegenstände aller Art ansammeln.

Ohnedies weiß er, dass hinter dem Messie-Syndrom eine seelische Krankheit steckt. Meist seien die Betroffenen vereinsamt und fühlten sich ausgegrenzt. Sie lassen aus Scham über ihre Unordnung niemanden mehr in ihre Wohnung. „Es braucht oft erst einen Zwischenfall, etwa einen Wasserrohrbruch, damit jemand die Räume des Messies betritt“, weiß der 64-Jährige. „Die Betroffenen empfinden es dann als Erleichterung, wenn ihr Schicksal bekannt wird.“

10 000 Euro für eine Entrümpelung

Seine ersten Erfahrungen mit Messies sammelte der Altenpflegehelfer bei der Caritas. „Ich war erschrocken, als ich die ersten Messie-Wohnungen sah, aber dann wurde ich neugierig“, erinnert er sich. So entstand sein Dienstleistungsbetrieb zur Räumung von vermüllten Wohnungen. Schröter arbeitet mit Sozialbehörden zusammen. Bis zu 10 000 Euro kostet das Aufräumen einer total verwahrlosten Wohnung. In gut der Hälfte der Fälle können Messies das Geld selber aufbringen, andernfalls springt der Staat ein.

Der Gründer und Leiter der Messie-Akademie will die Hilfe für Betroffene nun auf ganz Deutschland ausweiten. In mehrwöchigen Kursen bildet er Messie-Hilfe-Fachkräfte aus. Er will dazu in größere Städte kommen und die Seminare dort abhalten. Die Helfer sollen in Messie-Wohnungen aktiv werden. „Es geht nicht um Therapie, die wir gar nicht leisten können, es geht um praktische Unterstützung in der Wohnung selbst.“ Für die Therapie seien Psychotherapeuten gefragt.

In den Gautinger Räumen der Messie-Akademie vor den Toren Münchens befindet sich ein Messie-Apartment. Schröter hat dort Gegenstände gesammelt, die allein in den vergangenen vier Wochen bei der Räumung von Messie-Wohnungen angefallen sind. Das Apartment dient auch Schulungszwecken.

Diese Akademie-Gründung stößt nicht überall auf Gegenliebe. Die nicht mit Michael Schröter verwandte Veronika Schröter etwa, die in Freiburg das Institut für Messie-Therapie und in Stuttgart ein Messie-Kompetenz-Zentrum betreibt, kritisiert, dass schlichtweg der wissenschaftliche Hintergrund fehle. Der Name sei zu hoch gegriffen. Denn letztlich sei Schröters Unternehmen nichts anderes als ein Entrümpelungsdienst.

 
 

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