Weltfotograf Andreas Gursky im Kunstpalast Düsseldorf

Fotokünstler Andreas Gursky im Museum Kunstpalast in Düsseldorf, wo ältere und neuer Werke von ihm ausgestellt werden – im Hintergrund sein Bild „Ohne Titel XV, 2008".
Fotokünstler Andreas Gursky im Museum Kunstpalast in Düsseldorf, wo ältere und neuer Werke von ihm ausgestellt werden – im Hintergrund sein Bild „Ohne Titel XV, 2008".
Foto: Lars Heidrich
Das Museum Kunstpalast zeigt bekannte und neue Arbeiten des Fotokünstlers, Preisrekordhalters und Kunstakademie-Professors Andreas Gursky. Ein großer Bildermacher, ein Nachkomme Caspar David Friedrichs, der sagt: „Meine Bilder sind für die Ewigkeit“.

Düsseldorf. Es hat 14 Jahre gedauert, bis Andreas Gursky wieder zu einem Heimspiel in Düsseldorf antrat. In der Zwischenzeit ist der 57-Jährige zum Weltstar geworden, zum König der Kingsize-Fotografie und Preisrekordhalter auf dem blühenden Fotokunstmarkt. Seine eher kleinformatige Arbeit „Rhein II“ von 1990 wurde im November 2011 bei Christie’s New York für umgerechnet knapp 3,2 Millionen Dollar verkauft und so zur teuersten Fotografie der Geschichte. Jetzt ist sie nur ein Werk unter rund 60 Gurskys, die das Museum Kunst Palast ab Sonntag und bis zum 13. Januar 2013 zum Publikumsmagneten machen dürften.

Nicht schlecht für einen, der für Neider und Foto-Puristen ein rotes Tuch darstellt:

  • weil er, anders als traditionell dem Dokumentarischen verpflichtete Fotografen, genauso Bilder-Finder wie Bild-Erfinder ist;
  • weil er die Bilder, die im Augenblick auf die Welt in seinem Kopf entstehen, mit der Handy-Kamera notiert, erst dann mit großem Aufwand fotografisch festhält, um sie später mit noch größerem Aufwand am Computer zu vollenden;
  • weil er dabei „reale“ Elemente – Häuser, Bäume, Berge oder Personen – eliminiert, hinzufügt oder verwandelt, bis sie dem Bild in seinem Kopf entsprechen.

Das empfinden Kritiker ebenso als Sakrileg wie die spektakuläre Monumentalität vieler seiner Fotografien, die manchen dazu verführt hat, für den hungrigen Markt auch fotografische Banalitäten aufzublasen. Aber Gursky ist, das hat er vor drei Jahren in Krefeld gezeigt, auch im Kleinen groß. Und hat nicht auch Caspar David Friedrich, der „Erfinder der Romantik“, seine Ideal-Landschaften aus Versatzstücken montiert, statt Unvollkommenes „abzumalen“? Gursky ist ein zutiefst unromantischer Nachfolger des großen Friedrich und „das Malerische“ in seinem Werk die Grundmelodie des Düsseldorfer Gursky-Panoptikums.

Ausrufezeichen setzen hier die zehn neuen, erstmals präsentierten Bangkok-Hochformate, die die Schau im Kunst-Palast rhythmisieren und stark an amerikanische Expressionisten erinnern. Hier baden unsere Augen im Fluss Chao Phraya, und wenn wir ihnen nicht trauen, entdecken wir darin eine ganze Kulturwelt – der Farben, Formen und Reflexe, aber auch den Müll einer Zivilisation. Mal funkelt im Wasser ein psychedelischer Ölfilm, mal schluckt es das Licht wie Teer, mal wird ein Grashalm zum Hauptdarsteller. Kritische und zugleich meditative Bilder sind das, traumsicher austariert in der Komposition.

Informel im Wüstensand

Gursky, ausgebildet beim „subjektiven“ Otto Steinert an der Essener Folkwangschule und später Meisterschüler bei den Bechers in Düsseldorf, ist ein Meister des zweiten Gesichts, er erweitert unser Sehen. Wer vor seinen Fotos steht, muss sich entscheiden, ob er sie von nah oder fern betrachten, im Monumentalen schwelgen oder sich im Minutiösen verirren soll und tut ein ums andere Mal beides. Und entdeckt so Panoramen, in denen sich Mikrokosmen verstecken wie im Häuser-Block „Paris, Montparnasse“, hinter dessen Fenstern sich bei genauem Betrachten ein soziales Simultantheater abspielt; wie beim Breitband-Blick auf die Abflughalle des Frankfurter Flughafens oder die aus dem Nirgendwo gekratzte Rennstrecke in Bahrein, die ohne brausende Boliden ihre Ambivalenz offenbart: als technologische Absurdität und ästhetisches Informel im Wüstensand.

Gursky, seit 2010 Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, verfälscht nicht; er pointiert, und er ist kein Computer-Fetischist. Fände er ein Bild, das ohne digitale Nachsorge seinen „malerischen“ Vorstellungen entspräche? Er würde sich „freuen, wenn es auch anders ginge“. Aber es geht wohl nicht für einen wie Gursky, denn der will Bilder, keine Abbilder. Und: „Meine Bilder sind für die Ewigkeit“, sagt er. „Nicht alle Bilder schaffen das, aber darum geht es mir.“

 
 

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