„Welt am Draht“ – Alles ist nur virtuell am Theater Dortmund

Am Ende bleiben Schaufensterpuppen: Frank Genser in „Welt am Draht“ in Dortmund.
Am Ende bleiben Schaufensterpuppen: Frank Genser in „Welt am Draht“ in Dortmund.
Foto: Birgit Hupfeld
Immer mal wieder gibt es Science-Fiction-Romane, die sich als visionär erweisen. „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye mit seinen gelenkten Menschen und virtuellen Welten etwa. Fassbinders Verfilmung des Stoffes hat man jetzt in Dortmund zur Grundlage eines Theaterstücks gemacht.

Dortmund.. Als der amerikanische Science-Fiction-Autor Daniel F. Galouye 1968 seinen Roman „Simulacron-3“ veröffentlichte, da sprach noch niemand von virtuellen Welten. Schon gar nicht von Menschen, denen ihre vermeintliche Wirklichkeit plötzlich unter den Händen zerfällt. Auch 1973 war das noch kein Thema, als Rainer Werner Fassbinder aus diesem Buch den zweiteiligen Fernsehfilm „Welt am Draht“ machte, einen visionären Thriller über Charaktere, die plötzlich daran zweifeln müssen, ihr Leben noch selbst in der Hand zu haben.

Man kann den Stoff als Krimi, als Abenteuer oder auch als Zukunftsvision betrachten. Aber nicht eigentlich als Groteske, wie jetzt das Dortmunder Theater „Welt am Draht“ in einer Inszenierung von Claudia Bauer präsentiert. Da darf vor allem gelacht werden, wenn der Zukunftsprognostiker Fred Stiller (Frank Genser) plötzlich erkennt, dass auch er und seine Mitarbeiter am Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung (IKZ) nur virtuelle Gebilde sind. Ähnlich den Tausenden von menschlichen „Identitätseinheiten“, für die der Supercomputer Simulacron eine Kleinstadt simuliert und deren Verhalten sie erforschen.

Wie Schaufensterpuppen

Dieser allmähliche Erkennungsprozess der eigenen Gelenktheit, gepaart mit dem plötzlichen Verschwinden bestimmter Mitarbeiter, ergibt den eigentlichen Spannungsbogen des Stoffes. In Claudia Bauers Adaption ist jedoch schon zu Beginn alles klar: Das Stückpersonal steht zum Auftakt reglos wie Schaufensterpuppen herum, später agiert man mit derart verkrampften Bewegungen, dass man den Begriff „Marionetten“ auch als Banner hätte aufstellen können.

Indem man den Zuschauer gleich von Anfang an auf Erkenntnishöhe setzt, wirkt all das hektische Tun, das gelegentliche Innehalten und die erstaunten Gesichtsausdrücke wie ein ironischer Rückblick auf längst Vertrautes. „Ich habe Angst“ heißt es zwar dann und wann, aber so recht nachvollziehen kann man das nicht: Hier werden zwar gelegentlich die Leichen weggetragen, aber das werden sie auch bei „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Ein wenig mit dem derben Auftreten dieser Inszenierung versöhnt der hübsche Low-Tech-Blick auf etwas, das eigentlich hochmoderne Technik sein sollte. Der Simulacron-Computer hat etwas von einem Waschzuber, mit simplem Pappkarton verändern die Akteure überraschend effektiv ihre Identität. Und wenn am Ende treffend „Dreams Are My Reality“ erklingt, dann kann man darauf wetten, dass die Platte einen Sprung hat.

 
 

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