Welche Symbolkraft hat der Schatz im Märchen?

Dem Mädchen in dem Märchen „Die Sterntaler“ fällt der Schatz in den Schoß. Szene aus einem Theaterstück der Naturbühne Hohensyburg.
Dem Mädchen in dem Märchen „Die Sterntaler“ fällt der Schatz in den Schoß. Szene aus einem Theaterstück der Naturbühne Hohensyburg.
Foto: Knut Vahlensieck
Das Mädchen in „Die Sterntaler“ hat es gut: Ihm fällt der Schatz in den Schoß. Doch man bedenke: Der Schatz im Märchen steht stets am Ende eines beschwerlichen Weges. Der Märchenexperte Heinz Rölleke erklärt die Bedeutung des Schatzes bei Hänsel, Gretel und anderen Helden.

Essen. „Die Märchenfiguren fangen immer in einer Mangelsituation an“, sagt Heinz Rölleke, Literaturwissenschaftler an der Universität Wuppertal. Das Mädchen in „Die Sterntaler“ hat anfangs „gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand“. Und das verschenkt es auch noch! Der dritte Müllerssohn erbt in „Der gestiefelte Kater“ nichts als das Haustier – und ihm lässt er auch noch Stiefel schustern!

Aber mit diesen großherzigen Taten bestehen die Märchenhelden ihre Prüfungen. Wenn sie erfolgreich waren, bekommen sie eine Belohnung. „Am Ende finden sie ihren Schatz.“ Das kann einer aus Perlen und Edelsteinen sein, wie bei Hänsel und Gretel. Ein Goldesel und Zaubertisch, wie in „Tischlein deck’ dich“. Sterne, die wie Taler vom Himmel fallen. Oder ein anderer glücksbringender „Schatz“: Der Prinz findet seine Prinzessin. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Aschenputtel bekommt nicht nur den Prinzen

Woraus der Schatz besteht, wird immer nur angedeutet. „Die Märchen interessieren sich nicht für die Einzelheiten“, so Rölleke. Der Schatz ist lediglich ein Symbol, ein Siegel: „Du hast die Prüfung bestanden“, erklärt der Märchenexperte. „Am Ende überkompensiert der Schatz sogar die anfängliche Mangellage.“

Aschenputtel wird nicht nur aus dem Haus der bösen Stiefmutter und -schwestern befreit. Weil das Mädchen sehr fromm war, bekommt es nun auch noch den Königssohn samt Reichtum und goldenem Schuh.

Gäbe es diesen großen Spannungsbogen zwischen Elend und Glück nicht, würden Kinder wohl schon nach dem ersten Satz einschlafen: „Es war einmal...“ Gerade der Weg zum Ziel macht die Schatzsuche erst richtig spannend. Dabei sieht der Schatz manchmal ganz anders aus, als man es zunächst ahnt: „Hans im Glück“ erlebt sein Elend durch einen schweren Goldklumpen, der so groß wie sein Kopf ist. Nach einer beschwerlichen Wanderschaft und vielen Tauschgeschäften steht er am Ende da mit: nichts. Doch Hans ist im Glück: „Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort.“

 
 

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