Weihnachten als Aufhänger politischer Propaganda

Köln. Weihnachten in den Zeiten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges und hinter dem eisernen Vorhang: "Von wegen Heilige Nacht”" - in Köln erzählt eine Ausstellung, wie der Tannenbaum zum Aufhänger für politische Propaganda wurde.

Gold oder Silber? Strohstern oder Lametta? Mit derlei Geschmacks-Fragen musste sich der Mensch im Ersten Weltkrieg zumindest nicht herumplagen. Wer überhaupt schon im Besitz eines Bäumchens war, der dekorierte stramm-patriotisch: Reichsadler, Eisernes Kreuz und Reichskriegsflagge statt Lebkuchenstern und Engelshaar. Für die verspielten Naturen hatte das kaiserliche Schmück-Kommando noch Unterseeboot und Zeppelin vorgesehen – als bemaltes Extra für die Baumspitze und aus Glas geblasen.

Es ist nur der Anfang des adventlichen Aufrüstens am Baum. Weihnachten, das Fest der Familie und des Friedens, es diente viele Kriegsjahre lang vor allem auch der Festigung der nationalen Gesinnung und des Kampfeswillen, so zeigt es eine Ausstellung im Kölner NS-Dokumentationszentrum, das die bewegte Geschichte des Weihnachts-Beiwerks über mehr als 100 Jahre nachgezeichnet hat: „Von wegen Heilige Nacht! Weihnachten in der politischen Propaganda.”

Kerzen und Lametta

O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie oft musstest du schon herhalten als Aufhänger politischer Propaganda. Hunderte Fotos, Briefe, Karten und skurrile Dekostücke zeugen von der straffen Militarisierung des Weihnachtsfestes. Die Nationalsozialisten drucken anfangs Hakenkreuze und Runen-Motive auf rote Porzellankugeln, betonen die völkische Note. Am liebsten würden sie das ganze christliche Fest auf germanisches Brauchtum zurückführen. Mit Jultanne, Sonnenrad und Weihnachtsgärtchen statt traditioneller Krippe. Ein Jude als Heilsbringer, das passt schließlich denkbar schlecht ins rassistische Weltbild. In der Ausstellung sieht man das Christuskind deshalb sogar mit flachsblondem Haar in der Krippe liegen. „Der Glaube ist schwerer zu erschüttern als das Wissen”, muss aber auch Hitler konstatieren. Und beim Umdichten von „Stille Nacht, Heilige Nacht” hört die Gefolgschaft der Deutschen definitiv auf. Sie hängen an Kerzen und Lametta. Dabei hat der Weihnachtsbaum im deutschen Brauchtum noch gar nicht richtig Wurzeln geschlagen.

Was wir heute so unweigerlich mit dem Fest der Liebe und des Friedens verbinden, es ist eben eine bürgerliche Erfindung des späten 19. Jahrhunderts und bald schon eine willkommene Motivations-Hilfe von Kriegsstrategen – zeigt die Schau.

Symbol für Heimat

In den Schützengräben wird der Baum jedenfalls rasch zum Symbol von Heimat. Weihnachten an der Front, das feiert man fortan mit Kriegsgebetsbüchlein und „Schach für den Schützengraben”. „O du Fröhliche” im Unterstand. Auch wenn die Kombination von Krieg und christlicher Nächstenliebe ideologisch schwer vereinbar bleibt. Deutsche Art ist es, Weihnachten zu feiern, das steht jedenfalls fest. Selbst im Kessel von Stalingrad bastelt Papa Krippen für die Kleinen. Und zu Hause werden Kerzenständer aus Gasmaskenfilter und Beutelchen aus Fallschirmseide verschenkt.

Es ist nicht die erste Ausstellung, die sich mit dem Fest in Zeiten des Krieges beschäftigt, mit Angst, Entbehrung und dem notwendigen Talent zur Improvisation. Was die Schau im schroffen Ambiente der einstigen Kölner Gestapo-zentrale ungewöhnlich macht, ist, wie sie die politische Dimension des eigentlich unpolitischen Beiwerks – der Kugeln und Kerzen – aufdröselt.

Aus Großmutters Zeiten

Den Anstoß dazu haben Rita und Judith Breuer gegeben. Ein Weihnachtsbaum, geschmückt wie zu Großmutters, das stand auf dem Wunschzettel der Familie. Als das Stöbern auf Flohmärkten begann, fand man Erstaunliches: aufhängbare Kanonen, Christbaumkugeln mit Hakenkreuz. Propaganda-Material am Nadelbaum. Aus der Verwunderung wurde gezielte Recherche, dank systematischer Suche und historischer Beratung entstand so der Grundstock zur Kölner Schau. Judith Breuer hat das Thema weitergeführt – vom 68'er-Motto „Protest statt Fest” bis in die Gegenwart. Ihre Arbeit „Weihnachten und Rechtsextremismus” wurde vom Berliner „Bündnis für Demokratie und Toleranz” ausgezeichnet.

Das Buch zur Ausstellung ist im Verlag an der Ruhr erschienen. Judith und Rita Breuer: „Von wegen Heilige Nacht”, 20,50 Euro

 
 

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