„Weegee - The Famous“ zeigt viel mehr als Mord und Co.

Weegee - "The Famous": Polizei beendet Straßendusche der Kinder, 1944.
Weegee - "The Famous": Polizei beendet Straßendusche der Kinder, 1944.
Foto: Weegee
Die Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen zeigt eine US-amerikanische Legende der Reportagefotografie: „Weegee - The Famous“ zeigt das Werk eines skrupellosen Aufsteigers und gleichzeitig eines sensiblen Demokraten mit der Kamera, eines abgezockten Gebrauchsfotografen und eines erstaunlichen Ästheten.

Oberhausen.. „Ich habe keine Hemmungen – und meine Kamera auch nicht“, hat Weegee einmal gesagt, der sich allerdings so manches in seiner Biographie zurechtgebogen hat. Denn der Mann, der 1899 als Usher Fellig im heute polnischen Zloczew geboren wurde und im New York der 30er- bis 50er-Jahre zur Fotografen-Legende „Weegee – The Famous“ werden sollte, war nicht nur der skrupellose harte Hund und supercoole Knipser, als der er sich so gerne inszenierte. Wovon man sich ab Sonntag im Schloss Oberhausen überzeugen kann und sollte, wenn man klassische Reportagefotografie liebt.

Die von der Ludwiggalerie hätten leicht eine Schocker-Ausstellung machen können, und womöglich hätte Weegee das auch ganz gut gefallen: lauter spektakulär intime und direkte Schwarzweiß-Fotografien von kleinen und großen Gangstern, von Cops und Huren, Strippern, Mördern, Mafiosi und blutenden Unfallopfern, aus der Nacht herausgeblitzt, mitten hinein ins Tagesgespräch.

Spannende Spanner-Blicke

Aufsehen wäre auch heute garantiert bei diesen unverschämten Fotos, die uns Gaffer beim Gaffen begaffen lassen; bei diesen spannenden Spanner-Blicken in die raue, brutale, schmuddelige Raymond-Chandler-Welt, die Weegee damals genauso exklusiv hatte wie die Lizenz zum Polizeifunk-Hören, den eigenen Sessel im Polizeihauptquartier und den falschen Krankenwagen, mit dem er schneller zu den Tatorten gelangte als die Polizei.

Aber vielleicht würden die Betrachter heute angesichts der Überfülle knallharter Fotos genauso abstumpfen wie einst die Leser der amerikanischen Revolverblätter. Deren Hunger nach Indiskretionen, Gewalt und Grusel musste Weegee als „freier“ Fotograf bedienen, um im Konkurrenzkampf der damals noch nicht etablierten Fotoreporter zu überleben. Aber es gab eben auch einen anderen Markt für „Weegee“-- und einen anderen Weegee als „Mord und Co.“, wie ihn die Kollegen nannten.

Untrügliches Gespür fürs Geschäft

Den zeigt uns die Ludwiggalerie in einem satten Panorama: Den Mann, der nicht nur mit seiner stets durchgeladenen Kamera „draufhielt“ und Fotos „schoss“, sondern sich und andere souverän zu inszenieren wusste; der 1945 mit dem Fotobuch „Naked City“ zur Berühmtheit wurde und den Sprung in seriöse Magazine wie „Life“ schaffte; der Berühmtheiten von Dali bis zur Monroe nahe kam und sich stolz mit ihnen ablichten ließ, auf Augenhöhe natürlich.

Autodidakt hin oder her, dieser Pressefotograf besaß ein untrügliches Gespür fürs Geschäft, aber auch für klassische Bildkomposition und Bildwirkung. Er sah Tragödien, aber auch die bittere Komik darin. Und er nahm soziale Kontraste ebenso wahr wie Hell-Dunkel-Dramen in den Straßenschluchten seines New York. Weegee ging in den Hochzeiten der Rassendiskrimierung ins schwarze Harlem und lichtete bei Hochzeiten oder beim Osterfest keine „Nigger“ ab, sondern amerikanische Staatsbürger, die so viel „bürgerlicher“ waren als er selbst. Der Mann, der gern damit prahlte, radikal nur das echte und wahre Leben zu porträtieren, der nachts Feuer, Mord und Totschlag dokumentierte, der Obdachlose in ihren Pappkarton-Betten aufspürte und müde Stripperinnen in ihren Garderoben, der konnte auch anders:

Aufsteiger und Ästhet

Das Massen-Foto vom Hitzesommer auf Coney Island würde Andreas Gursky zur Ehre gereichen; auf einem anderen denunziert er die in schweren grellen Pelzen und Face-Liftings erstarrte feine Gesellschaft beim Opernbesuch und eine vom Weegee-Blitz fast ungestreifte, am Rande stehende Kritikerin gleich mit. Er hatte die Dame allein zu diesem Zwecke zur Metropolitan-Opera chauffiert.

Infos So sehen wir in Oberhausen das Werk eines skrupellosen Aufsteigers und gleichzeitig eines sensiblen Demokraten mit der Kamera, eines abgezockten Gebrauchsfotografen und eines erstaunlichen Ästheten. Wer sich den Weg zur Ausstellung gönnt, begreift, warum der Paparazzo Usher „Arthur“ Felling zum Vorbild solcher Größen wie Diane Arbus oder den Kult-Regisseur Stanley Kubrick wurde: zu „Weegee – the Famous“.

 
 

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