Webers Wagnis – Eisenstein zur Eröffnung

Maja Beckmann als junge Jutta Hufnagel mit Krunoslav Šebrek (Albert). Foto: Arno Declair
Maja Beckmann als junge Jutta Hufnagel mit Krunoslav Šebrek (Albert). Foto: Arno Declair

Bochum. Zum Abschluss des Eröffnungswochenendes am Schauspielhaus Bochum inszeniert Intendant Anselm Weber „Eisenstein“ von Christoph Nussbaumeder. Der Abend ist lang, vergeht aber wie ein Traum.

Dieses Stück ist ein Wagnis. Ein Experiment, ein unmögliches Genre. Andre bringen „Buddenbrooks“ auf die Bühne, Christoph Nussbaumeder schrieb gleich das Drama, mit allen Zumutungen, die das bedeutet.

Über 63 Jahre erstreckt sich die gespielte Zeit, und sie bewegt sich nicht immer in großen Sprüngen vorwärts; manchmal geht es „Am nächsten Tag“ weiter oder „Zwei Wochen später“: Die Angaben werden eingeblendet wie im Comic. Dazu schweben riesige Jahreszahlen über der Bühne; das gibt der Geschichte etwas Abstraktes, Allgemeines. Sie will aber kein Gleichnis sein; es ist einfach eine Geschichte, eine hinreichend verrückte, mit Familienverwicklungen antiken Ausmaßes.

Auf der Bühne aber entwirrt sich alles und wird einfach, klar, traurig. Sentimental. Witzig, spannend, unterhaltend; besorgniserregend wahr und furchtbar deprimierend. Denn ein Happy End gibt es nie, es gibt immer nur ein Begräbnis.

Die heimliche Lüge zerstört alles

1945. Das Flüchtlingsmädchen Erna kommt auf einem Gut in Niederbayern unter; sie ist schwanger. Den Gutsherrn macht sie glauben, er sei der Vater, das rettet dem Kind das Leben; doch die heimliche Lüge wuchert und zerstört alles.

Georg, Ernas Sohn, liebt Gerlinde, die Tochter des Gutsherrn. Alles wäre gut ohne die Lüge; der Mann ist vernarrt in den tatkräftigen Jungen, dem er das Sägewerk der Familie überlassen hat; als Schwiegersohn wäre Georg perfekt. Er ist aber vermeintlich der Sohn, darum weiht der Vater Gerlinde in das untergeschobene Geheimnis ein. Und sie geht, ohne ein Wort der Erklärung. Der Vater stirbt.

Das ist natürlich banal, unglaubwürdig. Aber absolut realistisch. Und so geht es auch weiter: Tief verletzt heiratet Georg Gerlindes Schwester, doch er vergräbt sich im Ge-schäft; seine Frau wirft sich dem Anlageberater an die Brust, Georg trifft Gerlinde wieder, die hat die Wahrheit aus Erna gepresst. Doch auch dies Glück ist nicht von Dauer, es zerbricht, am Zufall.

Eine Menschengeschichte voller Seele

Zum Schluss, wenn die Tragik kaum noch zu überbieten ist, kommt auch noch ein junger Georg ins Spiel - Gerlindes Kind, dessen Abtreibung ihr Vater gefordert hatte. Aber Gerlinde brachte es zur Welt und gab es fort zu fremden Leuten, ganz wie Moses und Siegfried und Gregorius. Und das soll kein Gleichnis sein? Nein. Es ist eine Menschengeschichte, voller Seele, untermalt, begleitet von schönen schwarzweißen Videos.

Die Bühne ist karg, mal ragt ein Stamm aus dem Sägewerk herein, mal steht ein Lifestylewägelchen voller Flaschen herum. Einmal sinkt eine ge-waltige Bohle von der Decke: Symbol des steten Erfolgs. Im Hintergrund flimmern Adenauer und Willy Brandt; Trümmerfrauen und der bayerische Wald, so schön, so beständig neben all dem Unglück.

Das Leben in seinen furchtbaren Verstrickungen

Mehr als drei Stunden dauert der Abend, aber er vergeht wie ein Traum. Wunderbare Schauspieler gestalten in klug abstrahierender Regie etwas, das an Volkstheater grenzt, mit kühnen Mitteln; sie zeigen das Leben in seinen furchtbaren Verstrickungen. Was aus einer Liebe werden kann. Was aus einem Leben werden kann. Wie man immer mehr besitzen kann, wie Georg, und sich plötzlich als einsamer Kapitalist wiederfindet.

Das Schauspielhaus Bochum hat mit Anselm Weber einen faszinierenden neuen Weg eingeschlagen. Diese Intendanz wird kein Deckchensticken - das Publikum weiß es. Und ist begeistert.

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