Was Christo Besuchern seines „Big Air Package“ im Gasometer rät

Er hat den Reichstag verpackt, ein Stück Küste verhüllt und einen Park mit Stoff ausgelegt. Jetzt verkleidet Christo Luft. Ein gigantischer, begehbarer Ballon schwebt im Gasometer in Oberhausen.
Er hat den Reichstag verpackt, ein Stück Küste verhüllt und einen Park mit Stoff ausgelegt. Jetzt verkleidet Christo Luft. Ein gigantischer, begehbarer Ballon schwebt im Gasometer in Oberhausen.
Foto: Tom Thöne
Der Künstler spricht über wahre Kunst, Projekte wie die Überdachung des Colorado River in Arkansas, seine Mastaba aus 410.000 Fässern in Abu Dhabi und seine Wiederkehr nach Oberhausen. Und er gibt Tipps zur Besichtigung seines „Big Air Packages“ im Gasometer.

Oberhausen.. Seit zwei Wochen strömen die Besucher zur neuen Groß-Installation „Big Air Package“ im Oberhausener Gasometer. Wie man die am besten erkundet, welche Projekte er noch vorhat und warum er seit seiner Flucht 1956 nie wieder in seiner Heimat Bulgarien war, das verriet Christo (77) im Gespräch mit Jens Dirksen.

Christo, geben Sie unseren Lesern doch einen Tipp, wenn sie das „Big Air Package“ besichtigen wollen.

Christo: Ich empfehle, zuerst mit dem Aufzug im Gasometer hochzufahren, um sich das „Big Air Package“ von außen anzuschauen. Da wirkt das nämlich ganz banal. Umso größer ist dann das Wunder, das passiert, wenn man es von innen sieht. Diese Skulptur wird von der Luft gemacht, die Luft ist die Skulptur, die nur durch Druck, Stoff und Seile gehalten wird.

Je nach Sonnenstand werden dann ganz unterschiedliche Effekte sichtbar, der Raum wird von verschiedenen Eindrücken erfüllt. Nach unten wird es immer dunkler, es gibt unglaublich viele. Aber das Licht ist so stark, dass sich manchmal sogar Färbungen ergeben, bei Sonnenuntergang zum Beispiel ein Schimmer Orange.

Haben Sie das so geplant, haben Sie vorhergesehen, welche Wirkung die 177.000 Kubikmeter entfalten würden?

Christo: Nein, von den Skizzen her schon mal gar nicht, keine Zeichnung trifft die spätere Wirkung des Werks. Wir hatten auch ein 2,50 Meter hohes Modell vom „Package“, aber auch daran haben wir noch nicht viel erkennen können. Es war unglaublich wichtig, einen Stoff zu finden, der nicht total durchsichtig, aber auch nicht so dicht ist, dass kein Licht mehr durchkommt. Die ästhetische Kraft dieser Skulptur ist überwältigend, eine vollkommen andere Realität.

Aber eine andere Realität, die finden wir ja auch in Medien.

Christo: Die Werke sind wirkliche Dinge. Keine noch so beeindruckende virtuelle Realität, keine Fotografie, nichts kann die wirklichen Dinge ersetzen. Sie erst haben den Zauber der echten Erfahrung.

Was empfehlen Sie den Besuchern noch, außer zuerst den Aufzug zu nehmen?

Christo: Nun, im Moment ist es dazu vielleicht noch ein bisschen zu kühl, aber im Sommer wird es das Beste sein, sich innen auf den Rücken zu legen, um nach oben zu schauen, man muss das genießen, und es wird unweigerlich ein Raum der Privatheit, ich genieße wahnsinnig die ästhetische Kraft dieses Werks.

Für Christo liegt "die wahre Kunst in der Zärtlichkeit des Augenblicks"

Die Verhüllung des Reichstags mag spektakulärer gewesen sein, aber sowas wie in Oberhausen haben Sie noch nie gemacht, oder?

Christo: Alle unsere Werke sind einzigartig, es gibt ja keine zweite Reichstagsverhüllung, wird es auch nie geben. Nachdem Jeanne-Claude und ich im Central Park von New York die „Gates“ mit den wehenden orangefarbenen Tüchern gemacht haben, kamen Anfragen von über 100 Städten in aller Welt, ob wir diese Aktion nicht auch bei ihnen machen wollten. Das wäre vollkommen absurd, die haben keine Ahnung, das würde sich abnutzen. Die wahre Kunst liegt in der Zärtlichkeit des Augenblicks. Und bei einer Wiederholung würde ich ja die Möglichkeit aufgeben, eine andere Idee in die Tat umzusetzen. Ich lasse mich gern von Dingen herausfordern, bei denen ich nicht weiß, wie sie gehen.

Aber von Ihren bisherigen Werken unterscheidet sich diese Skulptur doch, weil man hineingeht und sie von innen bestaunt anstatt dass eine Verhüllung die äußeren Konturen hervorhebt.

Christo: Naja, wir durften in Krefeld 1970/71 mit den Räumen von Haus Lange machen, was wir wollten, und wir haben es mit Maler-Teppichen ausgelegt, alles wurde weiß, nur die Fenster haben wir in Packpapier gehüllt, das ganze Haus bekam dadurch ein honigfarbenes Licht.

Auf manche Ihrer Projekte haben Sie Jahrzehnte warten müssen. Zermürbt das nicht?

Christo: Im Gegenteil. Es stimmt, die Genehmigungen zu bekommen, das ist ein höllisch hoher Anteil an den Projekten. Aber glauben Sie mir, auf dem langen Weg dorthin wird so ein Projekt mit der ganzen Energie aufgeladen, die dafür nötig ist, und erst dadurch entfalten sie manchmal diese enorme Wirkung. Je mehr Kraft zur Umsetzung aufgewandt werden muss, desto stärker wird ihre Ausstrahlung.

Vom Glück, große Kunst-Projekte zu verwirklichen

Also ist es Ihnen nur recht, dass Ihr Projekt, mit dem sie den Arkansas-River in Colorado über 62 Kilometer hinweg überdachen wollen, jetzt vor dem US-Bundesgericht verhandelt wird, nachdem die zuständigen Ministerien es schon genehmigt hatten?

Christo: Puh, nein, in dem Fall hätte ich gern ein Problem weniger, wir haben schon 13 Millionen Dollar für das Projekt ausgegeben. Aber es sind ja auch schon ganze Bücher, Gutachten, Diskussionsbeiträge zu dem Vorhaben entstanden. Normalerweise schreiben Kunstkritiker ja nicht über Werke, die gerade erst im Entstehen begriffen sind. Das ist bei uns ganz anders.

Das macht Sie stolz?

Christo: Es ist schmeichelhaft.

Haben Sie eigentlich nie Angst, dass ein Projekt mal scheitern könnte?

Christo: Was heißt Angst? Wir haben gerade einmal 22 große Projekte verwirklichen können; dagegen sind 37 bisher schon gescheitert. Und wenn eines mal klappt, ist ja auch oft eine gute Portion Glück im Spiel: Wenn Frau Süßmuth nicht 1988 zur Bundestagspräsidentin gewählt worden, wer weiß, ob es dann je eine Reichstags-Verhüllung gegeben hätte.

Oder bei dem „Gates“-Projekt im Central Park – daran hatten wir schon Jahrzehnte gearbeitet. Aber geklappt hat es erst, als ein guter Freund von uns, Michael Bloomberg, zum Bürgermeister von New York gewählt wurde.

Als Jeanne-Claude noch lebte, haben wir immer gerade ein einziges Projekt mit Volldampf betrieben und die anderen dafür links liegen gelassen. Das können wir uns jetzt nicht mehr leisten, wir arbeiten an allem Möglichen gleichzeitig.

Wir?

Christo: Ja, ich habe ja einen ganzen Stab von Mitarbeitern. Jeanne-Claude hat sich im Büro immer um die Organisation gekümmert, zuletzt mit einem Neffen von ihr und einem Neffen von mir, Jonathan und Vladimir, die beiden arbeiten auch jetzt für mich.

"Wir wollten immer eine Kunst der Freude und Schönheit schaffen"

Worauf zielt Ihre Kunst? Politische Veränderung? Bewusstseinsveränderung? Gesellschaftskritik?

Christo: Jeanne-Claude hat immer gesagt: Wir reden über alles, nur nicht über Politik, Religion und die Werke anderer Künstler. Wir wollten immer eine Kunst der Freude und Schönheit schaffen, in einem allumfassenden Sinn.

Hatten Sie eigentlich schon mal die Nase voll von Kunst?

Christo: Oh nein, ich bin übel angezogen von Kunst, ich kümmere mich eigentlich um nichts anderes mehr, ich bin ein extremer Egoist, weil ich nur noch mache, was mich erfüllt.

Klingt nach Radikalität des Alters. Verfolgen Sie eigentlich die Entwicklungen in Ihrem Geburtsland Bulgarien?

Christo: Ich bin seit 1956, seitdem ich von dort geflohen bin, nicht mehr da gewesen.

Oh, so eine tiefe Abneigung?

Christo: Ach was, ich hatte nur keinen Grund, dort hinzukommen. Wir gehen seit Jahrzehnten nur noch da hin, wo wir Kunst machen oder Menschen meine Kunst sammeln. Außerdem bin ich nur zu einem Viertel Bulgare, das andere Viertel ist tschechisch und eine Hälfte mazedonisch.

Warum wollen Sie eigentlich 410 000 Ölfässer für Ihre „Mastaba“ in der Wüste von Abu Dhabi stapeln? Heißt das nicht Eulen nach Athen tragen?

Christo: Die Mastaba als Form ist älter als die ägyptischen Pyramiden, wie eine rechteckige Pyramide ohne Spitze. Sie stammt aus der ersten Zivilisation der Menschheit, aus Mesopotamien.

Als ein französischer Diplomat in den 70er-Jahren eine Mastaba-Zeichnung von mir kaufte, sagte er zu Jeanne-Claude: Der einzige Ort, an dem das machbar ist, ist Abu Dhabi. Das war 1979, damals war das Land gerade aus dem britischen Protektorat in die Freiheit entlassen worden – und jetzt könnte etwas daraus werden.

Ganz so lange hat es in Oberhausen nicht gedauert…

Christo: Oh nein! Das ging in zwei Jahren über die Bühne, und als wir das Big Air Package eröffnet haben, kamen wir gerade aus Abu Dhabi. Es war alles sehr kompliziert dort, da war Deutschland wie Urlaub.

Hätten Sie 1999 nach „The Wall“ im Gasometer gedacht, dass Sie noch einmal herkommen würden?

Christo: Nein.

Also können Sie sich zurzeit auch nicht vorstellen, noch einmal herzukommen? Das wäre ja ein gutes Zeichen…

Christo: Jetzt lassen Sie uns doch erst einmal das „Big Air Package“ abschließen. Es bleibt ja noch bis zum 30. Dezember.

 
 

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