Warum US-Popstar Lady Gaga sich so gerne nackig macht

Lady Gagas neues Album "Artpop" erscheint am Freitag. In Berlin hat es die US-Sängerin schon präsentiert.
Lady Gagas neues Album "Artpop" erscheint am Freitag. In Berlin hat es die US-Sängerin schon präsentiert.
Foto: Tobias Schwarz/rtr
"Artpop" heißt Lady Gagas neuestes Werk - ihr mittlerweile drittes Studioalbum, das Freitag erscheint. Im Interview spricht die amerikanische Sängerin über ihre Zusammenarbeit mit New Yorker Künstler Jeff Koons, verrückte Twitter-Nachrichten wie „Lady Gaga is over“ oder „Lady Gaga is fat“– und Nacktheit.

Berlin.. Diesmal kommt Lady Gaga in einem wenig blickdichten, weißen Tüllkleid von John Galliano feenartig hereingeschwebt. Sie ist freundlich, nahbar und ein bisschen gaga. Nach monatelanger Zwangspause durch eine Hüftoperation möchte die 28-jährige aus New York nun im Berliner Ritz-Carlton ihre eigene Version von Andy Warhols Pop-Art vorführen.

Kunst ist ihr neues Lieblingswort und die vielen Mitmachmusiker ihres heute erscheinenden Elektropop-Albums „Artpop“ sind derzeit ihre besten Freunde, wie Katja Schwemmers zu hören bekam ...

Ms. Gaga, gerade haben Sie Sätze wie „Lady Gaga is over“ oder „Lady Gaga is fat“ auf Ihrem Twitter-Account gepostet. Warum schreiben Sie solche Dinge über sich selbst?

Lady Gaga: Ich wollte meine Fans nur in den Gemütszustand versetzen, den ich hatte, als ich die Platte schrieb! Ich erinnere mich noch genau, als meine Mutter mich auf Tour anrief und sagte: „Du bist überall in den Nachrichten. Alle sagen, dass du fett bist.“ Und ich dachte: Herrje, ist das traurig – traurig für diese Welt! Wen kümmert’s, wie schwer ich bin, wenn zur gleichen Zeit Menschen irgendwo verhungern oder diskriminiert werden, weil sie schwul sind oder einen anderen Glauben haben?

Und diese Gedanken haben Ihre neue Platte „Artpop“ beeinflusst?

Lady Gaga: Absolut. Es ist der perfekte Zeitpunkt, um der Welt zu sagen: Ihr werdet nicht mein Herz bekommen, ihr werdet nicht mein Seele bekommen, aber nehmt meinen Körper. Kauft meinen Arsch! Deshalb ist auf meiner neuen Single „Do What You Want“ auch mein Hintern abgebildet!

Und dass das in eine trashige Richtung abgleiten könnte, befürchten Sie nicht?

Lady Gaga: Wir leben in einem Zeitalter, wo die Grenzen zwischen Müll und Kunst fließend sind. Jeder hat ein verdammtes Mobiltelefon und kann ein Foto machen. Aber die Wahrheit ist: Nur weil du eine Kamera hast, heißt das nicht, dass du ein Foto machen kannst, das Kunst ist. Und deshalb gibt es mein Album „Artpop“. Ich bin hier, um alle daran zu erinnern, dass es viel Disziplin, Ehrgeiz, Talent, Antrieb und Leidenschaft erfordert, wahre Kunst zu machen.

Wie die Kunst von Jeff Koons Lady Gaga befreite

Und dazu gehört für Sie auch, sich nackig zu zeigen?

Lady Gaga: Meine Nacktheit bedeutet Freiheit für mich! Denn die Leute bringen mich ständig mit Klamotten in Verbindung. Es geht bei mir immer um Mode, richtig? Um meine Kostüme, meine Perücken, mein Haar! Und nun ziehe ich das alles aus, und die Leute reden immer noch über Äußerlichkeiten, anstatt zu schauen, wer ich wirklich bin.

Und wenn man Sie in eine Schublade mit Miley Cyrus oder Rihanna steckt, die derzeit auch ständig nackt sind?

Lady Gaga: Auf die Idee würde ich niemals kommen! Es geht um den Kontext. Es geht darum, warum die Kleider fallen. Alle wollen nackt sein. Aber warum bist du nackt? Bei mir steckt immer eine Idee dahinter. Was ich mache, ist Kunst.

Auf dem Cover-Artwork des Albums ist eine Skulptur zu sehen, die der New Yorker Künstler Jeff Koons von Ihnen gefertigt hat.

Lady Gaga: Deshalb singe ich in „Applause“: „One second I’m a Koons, then suddenly the Koons is me“! Ich will weitergeben, was ich fühle, wenn ich Jeff Koons’ Skulpturen ansehe. Wenn ich die Straßen entlanglaufe, sind überall Kameras und Blitzlichter auf mich gerichtet; Leute kreischen, weinen, rufen meinen Namen. Aber wenn ich in einer Galerie mit seiner Kunst bin, bedeute ich absolut nichts. Das ist unglaublich befreiend! Es hat mich aus meinem eigenen Gefängnis geholt.

Sie meinen dem Gefängnis als Popstar?

Lady Gaga: Nicht nur dem. Ich fühlte mich mein ganzes Leben wertlos, weil ich mir sicher war, nie etwas Großartiges erschaffen zu können. Ich habe mich seit Kindheitstagen mit dem Gedanken gequält, dass ich nie ein Da Vinci sein werde. Kein Van Gogh. Nie ein Jeff Koons. Und plötzlich stehst du neben einer Skulptur, die dein ganzes Leben verändert. Weil du realisierst, dass es absolut OK ist, dass du nie wie sie sein wirst. Denn zu wem solltest du dann noch aufschauen?

Und deshalb kollaborieren Sie nun mit so vielen Künstlern?

Lady Gaga: Ich war als junges Mädchen fasziniert von Popart und von Andy Warhol, der sich der Celebritys bediente für seine eigene Kunstform. Regelrecht besessen war ich davon.

Sie haben das Wort Popart einfach nur umgedreht.

Lady Gaga: Genau. Wieso bin ich nicht früher auf die Idee gekommen? Es fing damit an, dass ich immer wieder leise das Wort „Artpop“ sagte, es war wie ein Mantra. Irgendwann befahl ich mir, angstlos zu sein, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und Jeff Koons anzurufen.

Dass ich als junge Künstlerin zu einer lebenden Legende wie ihm gehen kann, er mir die Hand reicht und wir zusammen arbeiten, war unglaublich inspirierend. Und darum geht es auf „Artpop“. Es ist viel größer als ich. Es geht um den Austausch zweier Auras: eine aus dem Bereich der Kunst, eine aus dem Bereich des Pop. Und beide Seiten stimmen überein, dass sie die Kunst voranstellen.

Die Konzeptkünstlerin Marina Abramović ließ sie für ein Video nackt durch den Wald laufen.

Lady Gaga: Zwischen Marina und mir hat ein echter Austausch stattgefunden! Auf gewisse Weise hat sie mir mein Leben gerettet. Denn obwohl ich viel Disziplin habe, brauche ich immer einen Mentor, um psychisch stabil zu bleiben und nicht verrückt zu werden. Ich will schließlich die Welt verändern. Ich will den Leuten den Unterschied erklären zwischen einen verdammten Handy-Bild und echter Kunst. Meine Fans sollen wissen, dass sie Kunst erschaffen können. Aber dann müssen sie auch bereit sein, die Arbeit zu machen. Denn Kunst ist harte Arbeit.

Inwiefern hat das alles Einfluss auf die Musik Ihres Albums genommen?

Lady Gaga: Die Musik dokumentiert, wie es sich anfühlt, mit solchen tollen Künstlern zu arbeiten. Das Adrenalin und die echte Freude. Das ist es, was du fühlst, wenn du das Album hörst. Es ist so, als würde man 1000 Tassen Kaffee trinken.

Zur Veröffentlichung von "Artpop" startet Lady Gaga einen "Artrave"

Auch mit dem angesagten DJ Zedd aka Anton Zaslavski haben Sie sich „ausgetauscht“!

Lady Gaga: Das ist mein Deutscher auf dem Album! Wir haben uns vor Jahren in einem Nachtclub kennengelernt. Er spielte mir dort seine Musik über Kopfhörer vor, und es gefiel mir, was ich hörte. Ich sagte ihm, ruf mich an, und er tat es. Wir sind sehr gute Freunde.

Zur Albumveröffentlichung veranstalten Sie einen „Artrave“ in New York. Was genau ist das?

Lady Gaga: Oh mein Gott, das wird der größte Moment meines Lebens! Beim Artrave enthüllen wir die Skulptur, die Jeff von mir gemacht hat. Und wir werden erstmals Volantis vorstellen – das ist ein vom Haus of Gaga designtes Fashion-Technologie-Bekleidungsstück, an dem Raketen-Ingenieure gearbeitet haben.

Das alles passiert um Mitternacht am 11.11. Die Zahl ist wichtig, denn sie führt zum Zentrum des Universums. Es wird ein Moment der Transzendenz. Wir werden eine spirituelle Erfahrung haben mit der Kunst von Jeff, meiner Musik und der ganzen Welt, die via Livestream im Internet dabei zusieht.

Wollen Sie „Artpop“ auch auf die Bühne bringen?

Lady Gaga: Ja, im nächsten Jahr. Das wird der schwierigste Part daran. Denn die Visualität muss sehr detailliert und perfekt sein. Ich habe für meine Performance bei den MTV Video Awards mit Robert Wilson zusammengearbeitet, der ja auch in Berlin wunderbare Theater-Shows macht.

Dieser eine Auftritt hat Monate an Vorbereitung gebraucht. Entweder werde ich bei meinen „Artpop“-Shows eine visuelle Explosion erzeugen. Wenn ich aber nur wenig Zeit zur Verfügung habe, werde ich genau das Gegenteil machen: Es ganz schlicht halten.

 
 

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