Warum Martin Walser sagt: „Gott fehlt mir“

Schriftsteller Martin Walser
Schriftsteller Martin Walser
Foto: Patrick Seeger
Das Weihnachtsevangelium ist für den Schriftsteller „die schönste Geschichte“ der Weltliteratur - auch, wenn er nicht glauben kann. Ein Interview

München.. Schwarzer Hut und schwarzer Mantel, eine hellbraune Reisetasche in der Hand. Wie Martin Walser so vor dem Münchner Literaturhaus steht, da passt kein anderes Wort als: eine Erscheinung. Am Vorabend hat er hier aus seinen Tagebüchern gelesen, vom Stehpult aus das Staunen und Lachen des Publikums dirigiert. Das war anstrengend. Nur sieht man ihm die Anstrengung nicht an. Mit dem 87-Jährigen sprach Britta Heidemann über Gott, die Welt und das Schreiben.

Herr Walser, beten Sie?

Martin Walser: Nein. Meine Gebetssprache hat sich nach der Kindheit nicht mehr entwickelt.

Also haben Sie als Kind gebetet?

Walser: Ich bin katholisch aufgewachsen. Ich habe aufgehört zu beten, als ich auch aufgehört habe zu beichten. Aber meine Mutter war eine mittelalterliche Katholikin, ihr zuliebe musste ich noch eine Zeitlang den Schein aufrecht erhalten.

War das eine radikale Abkehr, oder ein langsamer Prozess?

Walser: Ich war schon versorgt mit anderem. Mit 15 habe ich Nietzsches Zarathustra gelesen.

In Ihren Tagebüchern aus den 80er-Jahren notieren Sie: Ich darf nicht so sein, wie ich bin. Ich muss mich rechtfertigen.

Walser: Das gehört zur katholischen Grundlehre. Wenn man als Kind zur Beichte ging, musste man, so der Ausdruck dafür, vollkommene Reue zeigen. Ohne vollkommene Reue gibt es keine Absolution. Also musste man bereuen. Das war schon der Anfang der Scheinheiligkeit bei mir. Man kann nicht vollkommen bereuen.

Können Sie sich nicht dadurch gerechtfertigt fühlen, dass Sie Schriftsteller sind? Ist Kunst keine Rechtfertigung?

Walser: Nein. Dazu ist das Schriftstellersein zu unwichtig. Ich könnte Straßenbahnschaffner sein oder Schriftsteller. Aber Rechtfertigung, das ist etwas Größeres. In der Richtung (zeigt nach oben, lacht) muss ich mich als Schriftsteller nicht melden.

Wann könnten Sie sich sagen, ich führe ein gerechtfertiges Leben?

Walser: Es gibt keine Rechtfertigung. Der Theologe Karl Barth sagt, gerechtfertigt bin ich nur als Ungerechtfertigter. Ich habe erst gemerkt, durch den Karl Barth: Ich war ziemlich eingeschlafen, was die existenziellen Fragen angeht. Der hat mich geweckt! Rechtfertigung ist heruntergekommen zum Rechthaben. Und ich habe lange im Dienst des Rechthabens oder Rechthabenwollens gelebt und gearbeitet. Das kommt mir nachgerade grotesk vor, dass es einem genügen kann, sich einzubilden, Recht zu haben. Man wird das natürlich nie ganz los... Aber das ist der billigste Bewusstseinszustand.

[Wenn Martin Walser sich ereifert, begeistert, dann beginnen seine Hände, ein Wörtchen mitzureden. Oder greifen nach dem Gegenüber, nach dem Arm, der Schulter wie eine dringende Frage: Hörst du auch gut zu?]

Immer weniger Menschen besuchen die Kirchen. Im Roman „Muttersohn“ heißt es, Percy habe eine Begabung zum Glaubenkönnen. Geht uns diese Begabung verloren?

Walser: Percys Mentor, Professor Feinlein, der sagt: Es gibt Leute, die können glauben – und andere können das nicht, die sind gar nicht glaubensfähig. Viele Intellektuelle sind heute mehr oder weniger stolz darauf, dass sie Atheisten sind. Ich sage: Auch wenn es Gott nicht gibt, dann fehlt er mir. Deswegen könnte ich nie Atheist werden. Mir fehlt Gott. Es wäre toll, wenn es den gäbe!

Warum?

Walser: Wenn es Gott gäbe, säßen wir nicht hier. Dann gäbe es keine Sehnsucht. Etwas wissen zu wollen, sich mitzuteilen. Ich kann ja auch nicht an ihn glauben. Und dabei ist doch, wenn man darüber nachdenkt, das meiste im Leben Glaubenssache. Mein Feinlein, der sagt: Wir glauben mehr, als wir wissen. Das stimmt. Alles, was wir Liebe nennen, ist Glauben. Du kannst einem nicht sagen, warum geliebt wird. Oder es wäre auf jeden Fall lächerlich.

Es wäre lächerlich?

Walser: Ja, wenn man dafür Gründe finden müsste. Wobei, je nach Sprachbegabung kommt da vielleicht etwas zustande... Trotzdem muss ich da, was da kommt, dann glauben! Das kann jeder bei sich nachprüfen, wie viel in seinem Leben auf Glauben beruht. Wir glauben nur, dass wir etwas wissen. Dass es Religion überhaupt gibt, das kommt ja daher.

Aber Sie können an die Literatur glauben?

Walser: Ein Roman ist immer mehr als die Summe seiner Teile. Das ist etwas, was man nicht beabsichtigt. Es muss passieren, durch deine Bedürfnisse. In „Das dreizehnte Kapitel“, da habe ich einen Mann einer Frau einen Brief schreiben lassen. Ich habe zuerst gedacht, er besucht sie später. Dann habe ich gemerkt, das machte alles kaputt, das wollte ich nicht. Und so hat die Frau ihm geantwortet, und sie haben sich gegenseitig gesteigert. Man kann so ziemlich weit kommen! Die haben beide erlebt, dass sie einander Sachen sagen konnten, die sie ihren Ehepartnern daheim nicht sagen konnten. Die haben sich wirklich inspiriert! Und so entsteht dann etwas, was man nicht beabsichtigt. Wenn ich schreibe, dann schreibt es in mir. Ich mache vorher keinen Plan. Ich habe mal gelesen, der Böll haben vor einem Roman mehrfarbige Linien gemalt, wie sich alles entwickeln soll. Das wäre mir unvorstellbar.

Warum das Weihnachtsevangelium "die schönste Geschichte ist, die je aufgeschrieben wurde"

Fühlen Sie sich geleitet beim Schreiben?

Walser: Ja, durchaus. Wenn ich einen Roman anfange, dann kenne ich die Personen ja noch nicht gut. Mein Geleitetsein, das ist der Ton. Wenn ich den Ton habe, dann läuft das. Dann kann ich Tag und Nacht schreiben. Jede Figur, jedes Buch hat einen eigenen Ton. Manchmal sage ich spaßeshalber, der ist C-Dur, der ist ein Moll. Also, Percy ist ein Dur. Als ich dieses Buch anfing, mir im Ton noch nicht ganz sicher, da kam auf Seite zwei oder drei vor: Furcht und Ungeduld waren ihm fremd. Da habe ich gedacht, alle Achtung! Da musste ich eine Figur bedienen, der Furcht und Ungeduld fremd waren. Da ist man dann geleitet, in solchen Momenten.

[Eine Pause: zum Nachdenken, Überprüfen, In-Sich-Hinein-Horchen; den Blick auf die eigene Hand gerichtet, die nun ebenfalls schweigend in sich ruht.]

Walser: Das Schreiben ist das Schönste für mich, das Einzige. Alles andere ist... Natürlich hat das Schreiben seine eigenen Qualen. Ich sage das einmal ganz bürgerlich: Wenn es mir schlecht geht, ich meine nicht körperlich, sondern allgemein – dann schreibe ich, und dann ist mir alles egal. Ich muss jetzt gerade einen Roman schreiben, ich habe ihn dabei, schau...

[Er zeigt auf die Reisetasche neben sich. Am Nachmittag soll es weiter nach Nürnberg gehen.]

Walser: Das fängt jetzt an in der Ich-Person, aber ich bin nicht sicher. Ob ich das fruchtbar finde. Ich bin auch gespannt, wie es ausgeht. Das Ende, das kann ich überhaupt nicht vorher wollen.

Das Ich-sagen ist die schwierigste Form, oder?

Walser: Es gibt gewisse Sätze, die dürfen nicht mit Ich geschrieben werden. Die brauchen ein Er, oder ein Man. Auch im Tagebuch sind ganze Passagen nicht im Ich. Das ist doch unglaublich schön, von der Sprache, dass es genügt, die Person zu ändern – und schon kann man Dinge sagen!

Sie sind katholisch aufgewachsen, Sie vermissen Gott – aber in manchen Fragen stehen Sie der Kirche sehr fern, richtig? Ich denke da zum Beispiel an die gerade so viel diskutierte Sterbehilfe.

Walser: Das ist ein mittelalterliches Relikt, dass wir so viel können, und doch können wir uns nicht einmal einen anständigen Tod ermöglichen. Dass wir das Sterben in seinem ganzen Elend noch so hinnehmen! Die meisten Leute wollen offenbar siech und elend zugrunde gehen. Das ist lächerlich. In hundert Jahren greifen sich die Leute an den Kopf, wie bei uns noch gestorben werden musste. Ich habe mit solchen Gedanken natürlich zu tun, bin aber noch ganz unbedarft. Eben, weil die Mittel noch so beschränkt sind. Ich habe keine Pistole. Und weiß nicht, ob ich es schaffen würde, wenn ich eine hätte.

[Wieder ein Schweigen, diesmal mit gesenktem Kopf. Eine Hand fährt über die Augen.]

Walser: Gestern ist unser Hund gestorben. 15 Jahre. Er ist nicht erste Hund, der stirbt bei uns. Es waren alles liebe Tiere. Ach, vielleicht ist das eine Alterserscheinung! Er war schon krank, die ganze Zeit. Er hat gelitten. Jetzt hat er es hinter sich. Man hat ihn nicht verrecken lassen, die Ärztin hat ihm eine Spritze gegeben. Er war etwas Besonderes. Er hieß...

[Er greift nach dem Papier und dem Stift auf den Tisch, schreibt den Namen auf: Bruno. Dann ein Nicken: Themawechsel, bitte. Aber was wäre jetzt ein gutes Thema?]

Haben Sie eigentlich Enkelkinder?

Walser: Nicht viele: drei.

Das ist aber auch nicht wenig.

Walser: Furchtbar wenig!

Sie meinen, bei vier Töchtern hätten es mehr sein sollen?

Walser: Ja, ntürlich. (lacht) Aber ich bin kein typischer Großvater. Wenn man nicht bei den Enkeln wohnt...

An den Feiertagen sehen Sie sich aber?

Walser: Schon. Aber es kommen auch nicht mehr alle gemeinsam, an einem Tag.

Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie?

Walser: Das Weihnachtsevangelium ist die schönste Geschichte, die je geschrieben wurde. Es gibt keine schönere in der Weltliteratur. Ich habe das erst vor fünf, sechs Jahren entdeckt. Und seitdem sage ich mir immer, dass ich beim Schreiben daran denken sollte. Das muss einen doch zu etwas bringen, diese Geschichte. Aber wenn ich dann schreibe, vergesse ich es!

 
 

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