Warum Daniel Craig unbedingt die Hauptrolle in "Verblendung" wollte

Dieter Oßwald
am 5. Januar in Berlin.
am 5. Januar in Berlin.
Von „007“ zum mutigen Journalisten: Schauspieler Daniel Craig spricht im Interview über seine Rolle als Bond, den aktuellen Film „Verblendung“, über die Presse – und Christian Wulff.

Essen. Sein Name ist Craig, Daniel Craig. Er ist der sechste James Bond-Darsteller und wird im Herbst erneut im Auftrag Ihrer Majestät als 007 seinen Martini trinken. Diese Woche aber kommt der Brite mit den stahlblauen Augen als Journalist Mikael Blomkvist in Stieg Larssons Erfolgskrimi „Verblendung“ ins Kino. Mit dem Sohn eines Stahlarbeiters und einer Kunstlehrerin unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Im Unterschied zu James Bond bekämpfen Sie das Böse diesmal mit Cleverness und Hartnäckigkeit statt mit Waffen und technischen Spielereien – was macht mehr Spaß?

Craig: Ich persönlich denke allerdings überhaupt nicht in diesen Kategorien. Mich hat einfach dieser Typ absolut fasziniert und als David Fincher mir die Rolle vorgeschlagen hat, war das ein traumhaftes Angebot. Das war wie beim „Paten“: eine Offerte, die man nicht ablehnen kann.

Was ist die Herausforderung bei so einer Rolle, sorgen die reichlichen Dialoge für den besonderen Kick?

Craig: Viele Dialoge sind noch keine Herausforderung, im Laufe meiner 20-jährigen Karriere habe ich durchaus gelernt, mir Texte zu merken! Die Faszination dieser Figur liegt für mich in ihrer Komplexität. Dieser Typ ist ein idealistischer Journalist, dessen Karriere plötzlich zerstört wird. Er ist ein Frauenheld, ein Trinker, ein Raucher und ein ziemlich schlechter Vater – was will man mehr von einer Rolle?

Hat Sie nicht gestört, dass es vor zwei Jahren bereits eine erfolgreiche Verfilmung aus Schweden gab?

Craig: Ich habe diese Verfilmung nicht gesehen und kann sie nicht beurteilen. Remake oder nicht, finde ich gar nicht so entscheidend. Viel spannender war für mich, dass sich ein Hollywood-Studio endlich einmal an einen Stoff wagt, der den Missbrauch von Macht und von Frauen thematisiert und damit auch noch einen Regisseur wie David Fincher engagiert. Diese Mischung aus Sozialkritik und Unterhaltung finde ich traumhaft. Das ist eine ganz andere Qualität als jene Hollywood-Filme, mit denen ich aufgewachsen bin.

Wie gefällt Ihnen in „Verblendung“ diese Figur des aufrechten Journalisten, der für die Wahrheit kämpft?

Craig: Sehr gut. Ich bewundere Journalisten, die für Meinungsfreiheit stehen, die der Wahrheit auf der Spur sind.

Gerade in England hat die Presse nicht unbedingt den besten Ruf im Umgang mit Prominenten, fühlen Sie sich bisweilen als Opfer?

Craig: Opfer wäre zu viel gesagt. Aber Larsson stellt mit seinem Roman durchaus die Frage, in welche Richtung der moralische Kompass zeigt. Dürfen Medien auf illegale Weise Informationen beschaffen, um eine Story zu bekommen? Wenn es um Kriminalität geht, mag das noch zulässig sein. Wenn jedoch Telefone von Prominenten gehackt werden, um zu erfahren, wann sie auf die Toilette gehen, ist das grotesk. Allerdings: wie sieht die Sache aus, wenn Ihr Bundespräsident bei „Bild“ anruft und sagt: „Fuck off“ – hat er das nicht letztlich gesagt?

Sie interessieren sich für deutsche Politik?

Craig: Das habe ich letzte Nacht in den Nachrichten gesehen. Um ehrlich zu sein: Ich kenne zwar Frau Merkel, aber ich wusste gar nicht, dass es in Deutschland überhaupt einen Bundespräsidenten gibt – jetzt weiß ich das wenigstens.

Noch einmal zu Bond: Die Dreharbeiten beginnen ja gerade. Haben Sie in anderen Filmen nie das Gefühl, gegen das 007-Image anspielen zu müssen?

Craig: Ich fände es lächerlich, wenn ich mich danach richten würde, ob mich das Publikum mit dieser oder jener Geste als Bond sieht. Mich interessiert das Drehbuch und welche Wahrheit darin steckt. Ich unterhalte mich mit dem Regisseur darüber, wie die Geschichte am besten funktioniert. Ich verschwende keine Gedanken daran, wie ich gehen oder blicken muss, um Ähnlichkeiten mit Bond zu vermeiden.

Ähnlichkeiten ausgeschlossen sind schon durch Ihre Brille, die Sie hier lässig über ein Ohr hängen lassen.

Craig: Diese Idee habe ich von einem Wasserski-Lehrer abgeschaut, den ich als Teenager unglaublich cool fand. Das habe ich für diese Rolle einfach einmal probiert, Fincher war sofort begeistert. Dieser Stil des Brillentragens gefällt mir derart gut, dass ich das inzwischen auch privat so mache.

007 trägt privat Brille?

Craig: Ja, ich trage eine Brille. Was bedeutet das? Ich werde älter! Aber keine Sorge: Alter ist keine Krankheit!