Vorzügliche Krimi-Kost aus Schottland

Denise Mina
Denise Mina
Foto: Getty Images Entertainment/Getty Images
Eine dringende Empfehlung, „Die tote Stunde“von Denise Mina zu lesen: ein packender Kriminalroman, gewürzt mit einer Prise Humor.

Dass eine Zeitungsredaktion kein Ponyhof und die Arbeit dort nicht immer ein Zuckerschlecken ist, darf auch hier einmal gesagt werden. Und wer es nicht glaubt, lese diesen neuen Krimi mit einer jungen Reporterin als Heldin – „Heldin des Alltags“ wäre wohl der richtige Ausdruck. Denn in ihrem Sorgenrucksack schleppt sie nicht nur ihre überflüssigen Kilos mit, sondern auch die fehlenden (britischen) Pfunde. Dad ist so arbeitslos wie alle vier Geschwister, und so leben hier in Glasgow alle von „Paddys“ (eigentlich Patricias) kargem Gehalt und unsicherem Job. Gerade wurde auch noch der Chefredakteur entlassen, ein Sanierer steht ins Haus.

Ein Kilopaket Kokain

Auch heute Nacht, in der „toten Stunde“, folgt Paddy der Polizeistreife von einer Kneipenschlägerei zur nächsten. Dann aber steht ein eleganter Herr in der Tür der viktorianischen Villa, man hatte laute Schreie gehört, im Hintergrund eine blutig geschlagene Frau. Die Schupos lassen sich abweisen, Paddy fragt nach, nimmt aber verdutzt die Fünfzigpfundnote, die ihr der Gentleman aufdrängt. Das war sicher ein Fehler.

Am nächsten Morgen wird die Dame, eine prominente Staatsanwältin, tot aufgefunden; ein guter Freund, ebenfalls Jurist, endet als Wasserleiche. Grund genug für Paddy dranzubleiben, auch wenn die Polizei abwiegelt und die Kollegen schief gucken. Immerhin stärkt ihr der neue Chef den Rücken. Aber Schritt für Schritt gerät sie nun in einen Strudel der Gewalt, der sich um ein Kilopaket Kokain dreht, und auf dessen Details wir hier verzichten können.

Gesagt sei nur, dass die junge Frau nicht nur tapfer bleibt, sondern über sich hinauswächst; beim finalen Showdown kann sie sogar ihr beträchtliches Körpergewicht einsetzt. Zum Schluss eine klitzekleine Überraschung, die uns rätseln lässt, was – in einem nächsten Buch – noch kommen mag.

„Literatur der Arbeitswelt“

Unter dem halben Dutzend von exzellenten Autoren und Autorinnen, die das kleine Schottland zur Krimi-Großmacht werden ließen, ist Denise Mina hierzulande, trotz fünf weiterer Titel, noch die unbekannteste. Aber sicher nicht die schlechteste. Sie war selbst Juristin, hat mit Straftätern und in der Psychiatrie gearbeitet, und setzt all dies in die sehr differenzierte Beschreibung von Figuren und Milieus um. Mit Paddys Familie aus einem katholischen Arbeiterviertel steht dabei die ins Prekariat absinkende alte working class im Fokus. Das ist ganz aktuelle „Literatur der Arbeitswelt“, aber auch ein packender Kriminalroman, gewürzt mit einer Prise Humor. Absolut lesenswert!

 
 

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