Vom Leichenschmaus zum großen Saufgelage

Andreas Thiemann

Hagen.  Der Titel ist frech formuliert, aber er macht neugierig: „Überleben unter 1,3 Milliarden Irren“ hat Jan Aschen seine mehrjährigen Erfahrungen in China – vornehmlich in der Millionen-Metropole Schanghai – überschrieben, die er in einem außerordentlich kurzweiligen und humorvollen Buch zusammengefasst hat.

Es ist dieser „alltägliche Wahnsinn“, der Jan Aschen ebenso fasziniert wie verwirrt, der ihn ein ums andere Mal ausrasten lässt – und auf den er offenbar um keinen Preis mehr verzichten möchte.

Immun gegen Lärm

Der Leser folgt dem Wahl-Chinesen gebannt bei seinen Begegnungen mit Handwerkern und Taxifahrern, Köchen, Ärzten und Haushaltshilfen. Er durchstreift mit ihm die Wunderwelt der Supermärkte und der Restaurants, der Kliniken, Büros und Behörden.

„Chinesen sind immun gegen Lärm und gleichzeitig Weltmeister darin, ihn zu produzieren“ ist eine China-Erfahrung für Jan Aschen. Vieles ist in China unglaublich billig, anderes wiederum unerhört teuer: „Für den Preis einer Joghurtpalette in Schanghai kann man in Frankfurt ein halbes Jahr parken“, so Aschen verwundert. Entsprechend leben erdrückende Armut und irrwitziger Reichtum nebeneinander: „Allein in Schanghai gibt es über 140 000 Chinesen mit mehr als einer Million US-Dollar – die meisten haben dieses Geld in den letzten fünf bis zehn Jahren verdient.“

Auch in Sachen Friedhofskultur hat Jan Aschen ganz eigentümliche Erlebnisse zu berichten. So gestaltet sich der Leichenschmaus hierzulande durchaus in zivilisierten Grenzen, während er in China regelmäßig in hemmungslose Saufgelage ausartet. Und noch eine Besonderheit am Rande des Friedhofs: Angehörige können die Asche ihrer Verstorbenen bereits nach 30 Minuten im Krematorium abholen, obwohl eine Verbrennung eigentlich nicht unter 90 Minuten vollzogen werden kann. Nüchtern folgert daraus der Autor: „Ich will ja nicht unken, aber es würde mich nicht überraschen, wenn die meisten Hinterbliebenen Schanghais die Asche von Wildfremden zu Grabe tragen. Oder auch die Reste der letzten Grillfete.“

Weltmeister im Kopieren

Mit dem chinesischen Bankenwesen steht Jan Aschen ganz offensichtlich auf dem Kriegsfuß: „Wer als Ausländer hier zur Bank geht, braucht Gandhis Nachsichtigkeit und den Blutdruck einer Nacktschnecke.“ Um nur 350 Euro von China nach Deutschland überweisen zu lassen, zählte Aschen am Schalter 17 Passkontrollen und vier Kopien seines Ausweises.

Dass in China praktisch ohnehin alles kopiert und gefälscht wird, hat sich inzwischen auch schon bei uns herumgesprochen. Dass es dort aber sogar elf statt der üblichen sieben Harry-Potter-Bände gibt, darf dann doch wohl als eine weitere bizarre Besonderheit in diesem Land angesehen werden.

Jan Aschen:

Überleben unter

1,3 Milliarden Irren.

Heyne Verlag,

255 S., 8,99 Euro